Vipassana in Thailand: Was ich in 10 Tagen Schweigen & Meditation gelernt habe

*Gastbeitrag von Alex @Auszweit*

alex auszweitAlex aus Berlin hat seine Karriere an den Nagel gehängt, um die Welt zu entdecken und sich neu zu erfinden. Auf AUSZWEIT bloggt er gemeinsam mit seiner Freundin Elena über nachhaltiges Reisen, Outdoor Sport und Achtsamkeit. Schau doch auf Ihrem Blog vorbei und folge ihnen auf Facebook , Twitter und Instagram.

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10 Tage verbrachte ich an einem abgeschiedenen Ort in Thailand, ohne mit anderen Menschen zu kommunizieren.

Ich hatte keine Elektronik, keine Bücher, nicht einmal Zettel und Stift bei mir – der völlige Entzug von Außenreizen.

Ich wurde vegetarisch bekocht, die letzte Mahlzeit gab es um 12 Uhr mittags.

Jeden Tag habe ich 11 Stunden von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang meditiert und Bekanntschaft mit meinem tiefsten Innern gemacht.

In diesem Blogpost teile ich die wichtigsten Einsichten und Learnings meines Vipassana Retreats in Thailand, der meinem Leben eine neue Richtung geben sollte.

vipassana meditation thailand

dhamma hall

 

1. Das Gedankenkarussell kann gestoppt werden

Hast du dich schonmal für 2 Minuten hingesetzt und versucht an nichts zu denken? Versuch’s mal, good luck.

Während der ersten 3 Tage hatte ich damit zu Kämpfen den wilde Affenbande in meinem Kopf zu zähmen, die von Ast zu Ast, von Gedanke zu Gedanke gesprungen ist und es mir unmöglich gemacht hat mich auf meine Atmung zu konzentrieren.

Irgendwann habe ich angefangen mir meine Konzentration als Luftballon vorzustellen, der mit jedem Atemzug ohne einen störenden Gedanken weiter aufgeblasen wird. Tausende Male wurde der Ballon durch einen der vielen und irre schnellen Dartpfeile (= Gedanken), die mir in den Kopf geschossen sind, zum Platzen gebracht.

Am Abend des dritten Tages kehrte Ruhe ein da oben und die eigentliche Arbeit konnte beginnen.

Ein aufgeräumter Kopf hilft natürlich sehr im Alltag: Konzentrationsprobleme, unpassende Gedanken und Vergesslichkeiten adé.

 

2. Meditation ist verdammt harte Arbeit und kein Urlaub

Was sind die ersten Bilder, die dir beim Begriff Meditation in Thailand in den Sinn kommen?

Strand, Natur und ein Hippie im Schneidersitz, der sehr ausgeglichen, relaxed und glücklich aussieht?

Mit Vipassana Meditation haben diese Bilder allerdings nicht viel gemein.

Die 11 Stunden täglicher Meditation nehmen Körper und Geist schon ziemlich mit:

Alle Gelenke tun (spätestens) am Abend höllisch weh, trotz der Kissentürme, die sich die Teilnehmer bauen um das Gröbste abzufedern. Die ständige, vollkommene Konzentration auf kleinste Körperstellen fordert den Geist ungemein. An manchen Tagen überfordert sie ihn auch, sodass die Affenbande im Kopf doch ab und an mal wieder klettern geht…

Wer erwägt an einem Vipassana-Kurs teilzunehmen, sollte sich danach mindestens zwei Tage Urlaub nehmen um die intensiven geistigen und körperlichen Erfahrungen zu verarbeiten.

 

3. Höre in deinen Körper bevor du handelst

Bei der Vipassana Meditation steht die Beziehung von Körper und Geist im Mittelpunkt. Jeder Sinneseindruck führt zu einer körperlichen Reaktion, du spürst sogenannte Sensations. Dies kann ein ein Jucken, Kribbeln, Wärme, Feuchtigkeit, Spannung, Druck oder ein Schmerz sein, völlig egal.

Alle Sensations werden objektiv beobachtet und nicht bewertet. Nach 30 Minuten konzentrierter Meditation schmerzen Knie, Rücken oder Knöchel, oder auch alles auf einmal.

Dennoch haben es alle knapp 100 Teilnehmer geschafft ihren Schmerz zu beobachten und nicht durch Ausweichbewegungen zu reagieren, zumindest für die Sessions von 3 x 1 Stunde täglich beim sogenannten Determined Sitting (bestimmtes Sitzen).

Jeder Sinneseindruck löst Sensations aus: Du hörst deinen neuen Lieblingstrack in einem Club (Sinneseindruck), dir wird warm, die Magengegend kribbelt (Sensations) und du schnappst dir deine Freunde und stürmst die Tanzfläche (Reaktion).

Das gleiche kann bei einem Wutanfall (Hitze, feuchte Handflächen) oder beim Anblick großer, asiatischer Krabbeltiere (Übelkeit, Schweißausbruch) passieren, wobei die Reaktionen etwa reflexartige Flucht, laute Worte (die hinterher bedauert werden) oder ein Hieb mit der Klobürste sein kann – je nach Kontext!

In beiden Situationen gelingt es mir durch Vipassana immer öfter, achtsam auf den Körper zu hören und bewusst zu handeln, was schon vier Kakerlaken und einer großen Spinne das Leben rettete. Eine gute Sache, oder?

 

4. Nicht bleibt, alles verändert sich

Ein wesentliches Element der Vipassana Meditation ist das universelle Gesetz permanenter Veränderung, Anicca (Sanskrit, Altindisch).

Es besagt, dass alles im Leben und das Leben selbst ständig im Fluss ist.

Stell dir eine Kerzenflamme vor, die vor dir flackert. Schon nach einer Sekunde ist es nicht mehr dasselbe Licht, was du eben noch gesehen hast: neuer Wachs ist durch den Docht gewandert und hat sich entzündet.

In deinem Körper finden chemische Reaktionen statt, Zellen sterben ab und bilden sich neu, du alterst von Sekunde zu Sekunde und veränderst dich permanent, wie alles und jeder. Genauso verhält es sich mit Emotionen und körperlichen Sensations:

Du erfährst, dass du durch eine wichtige Prüfung gefallen bist. Dein Magen krampft, du verlierst den Boden unter den Füßen, kalter Schweiß steht dir auf der Stirn. Du kannst dich der Trauer ergeben und in Selbstmitleid versinken. Es wird helfen, sich Anicca bewusst zu machen:

Auch dieses Gefühl, dieser Moment, diese Trauer wird vergehen und durch etwas anderes ersetzt werden.

Genauso kann es helfen sich bei großen Erfolgen oder schönen Momenten klar darüber zu sein, dass auch diese vergänglich sind:

Die Sommerferien sind vorbei, ich bin nicht traurig darüber weil mir das die ganze Zeit klar war.

Das tiefe Verständnis von Anicca bringt eine große mentale Stärke und größeres Selbstbewusstsein mit sich. Ich bin überzeugt davon, dass schwere Lebenskrisen mit dem Bewusstsein um die Vergänglichkeit allen Seins besser überstanden werden können. Was meinst du?

 

5. Weniger ist mehr

Das westliche Leben ist voll von Außenreizen:

Man steht morgens auf und ist gedanklich schon dabei den Tag zu planen: Welche Termine sind heute wichtig? Was mache ich zuerst, was zuletzt? Auf dem Weg zur Arbeit wird Musik oder Hörbuch gehört, manchmal auch Mails beantwortet. Auf der Arbeit denkt, redet, schreibt, tippt man ununterbrochen bevor es dann zum Sport geht und man nach dem Abendessen noch etwas liest und dann ins Bett fällt. Der Geist wird permanent mit Eindrücken befeuert.

Ganz anders die Erfahrung im Vipassana Retreat:

Man steht morgens (um 4h!) auf, duscht in aller Stille und schleicht dann in die Dhamma Hall, wo man eigentlich den ganzen Tag über meditiert, mit Ausnahme von kurzen Essenspausen.

Die Dhamma Hall ist ein großer, klimatisierter, schallisolierter und leicht abgedunkelter Raum. Unter diesen Bedingungen gelingt es sehr viel einfacher sich auf das Innere zu konzentrieren und kleinste körperliche Empfindungen wahrzunehmen, die Konzentration zu halten.

Beim Essen nimmt man an ausklappbaren Tischen Platz, mit Blick auf eine Wand oder aus dem Fenster. Niemand spricht, es läuft kein Radio, alles ist still.

Die Vipassana Teilnehmer sind angehalten nicht zu kommunizieren, d.h. es werden auch keine Blicke ausgetauscht oder Zeichensprache geübt.

Nach wenigen Tagen setzt dann eine unfassbare geistige Ruhe ein, die ein Gefühl tiefer Ausgeglichenheit und tiefen Glücks mit sich bringt.

Bei meinem Konsumverhalten kann ich ähnliches beobachten: je mehr Zeug mich in der Wohnung umgibt, umso unruhiger bin ich innerlich – als Teenager war ich noch ein Vollchaot, Dinge ändern sich - anicca. Auf Reisen versuche ich möglichst minimalistisch zu packen, um mehr im Moment zu leben. Weniger ist mehr. Punkt.

 

6. Lass das Ergebnis los

Du sitzt an einem Problem und willst es auf biegen und brechen so schnell wie möglich lösen, keine Chance. Man gibt auf und ein paar Tage später kommt man wie von Geisterhand zu einer Lösung. Schonmal erlebt?

Während der Vipassana Meditation hatte ich anfangs immer wieder Probleme meine Gedanken im Zaum zu halten und fokussiert zu bleiben. Genervt von mir selbst wollte ich unbedingt konzentrierter meditieren.

Die Aversion gegen meine Unfähigkeit zur inneren Ruhe und das Verlangen nach der ausbalancierten Konzentration haben das Problem nur verschärft.

Ich musste lernen die Dinge zu sehen wie sie sind, mit Gleichmut und Objektivität. Mir kommen Gedanken. Schon wieder. Na und? Dann fange ich eben wieder von vorne an mit dem Bodyscan, kein Problem, anicca.

Besonders extrem habe ich das Phänomen beim Freediving (Apnoetauchen) auf den Philippinen erlebt. Als ich meinen Tiefenrekord unbedingt brechen wollte, um die Anforderungen für das Freediving Level 2 zu erfüllen hat regelmäßig mein Druckausgleich versagt. Jeder Versuch mich zu entspannen und “loszulassen” schlug fehl: Das innere Verlangen in die Tiefe zu tauchen und den Schein abzuhaken war zu groß. Als ich am Folgetag nur als Safety Taucher für einen Speer Fischer im Wasser war, schaute ich mir das Riff in Ruhe an und tauchte ohne das Verlangen nach neuer Tiefe. Der spätere Blick auf den Tauchcomputer verriet mir, dass ich meine persönliche Bestmarke ganz nebenbei gesetzt habe – JUHU!

Bisher war ich in meinem Leben extrem ergebnisorientiert, was häufig zu Spannungen führte – wer erreicht schon all das, was er sich vorgenommen hat!? Conni spricht mir in ihrem Beitrag Fuck Pläne, Ziele und Vorsätze mal wieder voll aus der Seele.

 

7. Und Karma gibt es doch…

Die gute alte christliche Nächstenliebe, das Karma oder wie auch immer man dieses Prinzip nennen mag, es ist elementar wichtig.

Besonders während der ersten Nächte im Vipassana Retreat habe ich viele Geschehnisse der Vergangenheit erneut durchlebt. Fehler die ich begangen habe und Unachtsamkeiten im Umgang mit meinen Lieben kamen an die Oberfläche und wurden erneut oder überhaupt zum ersten Mal verarbeitet. Meine eigenen Vergehen der Vergangenheit lösten negative Sensations in der Gegenwart aus.

Ähnliches haben viele Vipassana Meditierende erlebt, die Ruhe des Geistes und fehlende Außenreize führen wohl zwangsläufig dazu.

Behandelst du andere Menschen schlecht, schadest du dir damit in aller erster Linie selbst war das Learning dieser schlaflosen Nächte.

Genauso kamen später positive Ereignisse hoch und lösten angenehme Sensations aus. Auch empfand ich immer wieder tiefste Dankbarkeit für die freiwilligen Helfer, die uns den kostenlosen Vipassanakurs überhaupt ermöglicht haben, indem sie kochten, putzten und das ganze Kursmanagement übernahmen. Diese Dankbarkeit aller Schüler haben sie sicherlich gespürt. Sicherheitshalber haben wir sie nach Aufhebung des Schweigegebots deutlich zum Ausdruck gebracht.

Der Tagesablauf und die Abhängigkeit von der Hilfe Dritter versetzt den Vipassana Schüler in die Rolle eines Mönchs auf Zeit. Er wird keine Ansprüche stellen und für jede Erfahrung, jede Unterkunft und jedes Essen dankbar sein. Eine tolle Erfahrung, die jeder einmal gemacht haben sollte.

 

Was ich wirklich gelernt habe:

Ich habe gelernt, dass wahres Glück nur von innen kommen kann und ich dieses Gefühl durch Vipassana Meditation erreichen kann.

Jeder Interessierte wird andere Gründe haben sich mit Spiritualität, achtsamem Leben und Meditation zu befassen. Bei mir waren es innere Unruhe, ein übersteigerter Tatendrang und Ungeduld, bei Conni waren es schwierige Lebensphasen.

Und bei dir? Weitere Infos und Erlebtes findest du in meinem Vipassana Erfahrungsbericht.

 

Wie stehst du zum Thema Achtsamkeit und Meditation? Hippie Bullshit oder ein Weg zu einem besseren und gesünderem Leben? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Be happy!

Dein Alex von Auszweit

 


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