Uwe Lehnert – Warum ich kein Christ sein will

[Erstveröffentlichung: 27. Februar 2010]

Uwe Lehnert – Warum ich kein Christ sein will„Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von Jedem.“ Mit diesem Karl-Valentin-Zitat hat Dr. Kahl dieses Buch zu charakterisieren versucht. Allerdings kommt es manchmal weniger darauf an, WAS man sagt als vielmehr WIE.
Und das zeichnet dieses Buch aus: es ist unangestrengt, unaufgeregt und einfach nur gut lesbar. Und durch diese ruhige, gelassene Art und Weise werden Dinge, die wir schon längst zu wissen glauben, in einem neuen Licht dargestellt.

Scheinbar ist die Zeit reif für ein Buch dieser Art. Beziehungsweise für Bücher dieser Art. Denn Schmidt-Salomons „Jenseits von Gut und Böse“ und Lehnerts „Warum ich kein Christ sein will“ wurden unabhängig voneinander geschrieben und behandeln in etwa das gleiche Themenspektrum.

Das Buch ist dreigeteilt. Im ersten begründet der Naturwissenschaftler Uwe Lehnert, dass es zum Verständnis des „Lebens, des Universums und des ganzen Rest“ keiner irrationalen Mächte bedarf. Auch wenn er immer wieder betont, dass wir Menschen aufgrund unserer eingeschränkten Sinnesorgane nur einen Teil der Wirklichkeit begreifen und sinnlich erfassen können, so geht er doch auch davon aus, dass in Zukunft diese Lücken in der Wahrnehmung durch wissenschaftliche Arbeit immer weiter geschlossen werden. Bemerkenswert ist, mit welcher sprachlichen Eleganz der Autor diese nicht immer leicht verständliche Materie bewältigt.

Manche Sätze sind so klar und klingen so logisch, dass dem Leser erst später klar wird, welche Ungeheuerlichkeit er da eben las. So, wenn Lehnert schreibt: „Aus philosophischer Sicht macht es einen großen Unterschied, ob alles einen zeitlichen Anfang hatte im Sinne eines absoluten zeitlichen Nullpunktes, der kein Davor kennt, oder ob es diese Zeit schon immer gab, also auch eine Zeit vor dem Urknall existierte. In diesem Fall hätte unser Universum keinen zeitlichen Anfang, es existierte dann schon immer und ewig. (Seite 76)“ Ich finde den Gedanken, dass es eine Zeit vor dem Urknall gegeben haben könnte, viel erschreckender als den daran, dass die Zeit und der Raum dadurch entstanden sind. Eine unendliche Zeit ohne Anfang und ohne Ende ist für mich undenkbar und außerhalb meiner Wahrnehmungsmöglichkeiten. Und ich vermute, das geht nicht nur mir so. Aber diese möglichen Wahrheiten müssen unser Verständnis schon allein deshalb übersteigen, weil sie unserer Wahrnehmung widersprechen. Und diese Theorien – so der Autor – können allein in der Sprache der Mathematik noch dargestellt werden.

Uwe Lehnert setzt sich im Buch auch intensiv mit dem Thema des (vermeintlich) freien Willens auseinander. An dieser Stelle wird die Nähe zu Schmidt-Salomon besonders deutlich. „Eine Willensbildung, in die akausale oder aus der geistigen oder transzendenten Welt einwirkenden Faktoren eingreifen, mag als “frei” bezeichnet werden, mein Wille ist es dann jedoch nicht mehr. Eine Willensbildung dagegen, die in ihrer Entstehung vollständig – jedenfalls prinzipiell – mit mich steuernden Gründen nachvollzogen werden kann, kann wiederum nicht als frei bezeichnet werden. (Seite 113)“ Das ist in zwei Sätzen die Quintessenz der auch beim hpd diskutierten Frage um die Willensfreiheit. Ich halte das gesamte 4. Kapitel des Buches, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt, schon allein für so gelungen, dass das Buch empfohlen werden muss.

Ein weiterer Teil des Buches widmet sich der Widerlegung theologischer Theorien. Und findet deutliche Worte gegen den anmaßenden Anspruch der Kirchen, in moralischen Fragen die letzte Instanz sein zu wollen. Es ist ein erstaunlich aktuell gewordenes Thema, wenn man an die derzeitige Missbrauchsaffären und den Rücktritt von Frau Käßmann denkt. Moralapostel, die ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen und diese jedoch Dritten als das Maß der Dinge anbieten wollen.
Uwe Lehnert unterscheidet – ganz wie Michael Schmidt-Salomon – zwischen Moral und Ethik und schreibt „Anders als Bibel und Kirche uns weismachen wollen, sind moralische Prinzipien nicht von Gott dem Menschen in Form offenbarter Texte vorgeschrieben worden, sondern haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte auf evolutionärem Wege von selbst herausgebildet. Es haben sich in Jahrtausenden jene Regeln des Zusammenlebens herauskristallisiert, die das Überleben einer Gesellschaft am besten ermöglicht. (Seite 178)“ Und diese evolutionär entstandenen Regeln des menschlichen Zusammenlebens nennt der Autor „ethisch“.

Lehnert ist in der Lage, seinen Standpunkt und die Unsinnigkeit und Unstimmigkeit religiöser Dogmen und Texte darzustellen ohne dabei polemisch zu werden oder die grobe Kelle zu benötigen. Dabei räumt er deutlich, aber freundlich mit den vielen falschen Vorstellungen auf, die in der Öffentlichkeit immer wieder den Kirchen zugesprochen werden. „So bewundernswert und anerkennenswert das Eintreten für den im Augenblick hilfsbedürftigen Mitmenschen ist, ebenso wichtig und langfristig noch wichtiger wäre ein Nachdenken über das was Not und Elend hervorbringt. An dieser Stelle hat die Kirche über die Jahrtausende versagt, über Ursache und Abhilfe hat sie sich nie Gedanken machen wollen. (Seite 252)“ und, möchte ich hinzufügen, gut davon gelebt. Die Kirchen haben nicht nur nicht darüber nachgedacht, was Not und Elend hervorbringt, sondern tatkräftig mitgetan und Not und Elend über die Menschen gebracht. Sei es durch den Zehnt, durch Kreuzzüge oder den Segen zum Völkermord, der noch vom aktuellen Papst nachträglich abgesegnet wurde – ich denke da an die Ausrottung der südamerikanischen Ureinwohner, die – so Benedikt XVI – nur darauf gewartet haben, bekehrt zu werden von der „Religion der Liebe“.

Die unbestreitbare Tatsache, dass die christliche Botschaft bis heute ungezählten Millionen Menschen Trost und Halt bedeutet, kann keine Rechtfertigung sein für die Millionen Opfer, die diese Lehre andererseits im Gefolge hatte. Begründet werden diese Opfer mit der Verpflichtung zur Verteidigung und zum Erhalt der reinen göttlichen Lehre, gefährdet durch Ungläubige und Abtrünnige, verteidigt durch Papst und die heilige Kirche. Das Bewahren der reinen Lehre erkauft durch das Leiden ungezählter entrechteter, gequälter und ermordeter Menschen, das nun mal leider als “Kollateralschaden” unvermeidlich sei? Das an dieser Stelle schnell vorgebrachte Argument, dass nicht Kirche und Christentum hier versagt haben, sondern fehlgeleitete Menschen, die die wahre Botschaft missinterpretiert und verraten hätten, ist im besten Fall als naiv zu bezeichnen…(Seite 230)“

Im dritten und letzten Teil des Buches versucht Uwe Lehnert, ein alternatives Menschen- und Weltbild zu entwickeln. Eines, das sich nicht an religiöser Moral misst, sondern aus dem (eingeschränkten) Wissen um die Welt und den sich daraus ergebenen ethischen Forderungen herleiten lässt. Es erstaunt nicht, dass er auf etwa die gleichen Ideen kommt wie Schmidt-Salomon; diese ergeben sich vermutlich schlüssig aus einem naturalistischen und evolutionär-humanistischen Weltbild. Neben den Konsequenzen für das Rechtssystem (Wo es keine Schuld gibt, kann es keine Sühne geben) und dem Verweis auf die universellen Menschenrechte liegt ein Schwerpunkt Lehnerts auf dem Selbstbestimmungsrecht am Ende des Lebens.

Ein wenig verwundert mich, dass es im gesamten Buch – auch nicht im evolutionsbiologischen Teil – einen Verweis auf Richard Dawkins gibt. Ist das Zufall oder lehnt der Autor die Bücher des englischen Wissenschaftlers ab? Sicherlich, einen Satz wie diesen: „Die Ablehnung der christlichen Religion bedeutet für mich keinesfalls auch Ablehnung einer Art religiöser oder spiritueller Dimension überhaupt, einer Dimension also, die jenseits unserer Erkenntnis und Erfahrung liegt, unsere Alltagslogik übersteigt und damit über die uns rational zugängliche Welt hinausweist. (Seite 287)“ wird man bei Dawkins nicht finden. Und gerade dieses „Zulassen“ von Spiritualität macht mir den Autoren und sein Buch sympathisch. Doch auch fernab vom „Gotteswahn“ hat Dawkins Bedeutendes geleistet.

Fazit:
Ein sehr persönliches Buch, das ich wirklich sehr empfehlen möchte. Es sollte in keinem säkularen Bücherschrank fehlen, denn es gibt nur wenige so kluge und dabei freundliche Bücher wie dieses. Es ist ihm eine weite Verbreitung zu wünschen. Ich meine, der Denkladen sollte es in sein Angebot aufnehmen; dort gehört es hin!

Das Buch trägt seinen Titel nicht zu Recht; er hätte „Warum ich kein Gläubiger sein kann“ lauten müssen. Denn weder beschränkt es sich auf den christlichen Glauben allein (obwohl dieser deutlich im Vordergrund steht), noch ist es eine Frage des Willens, die Uwe Lehnert dazu brachte, sich als Atheist zu bekennen. Sondern – wie er es nennt – intellektuelle Redlichkeit.

Nic