Trumpdämmerung?

Seit dem Parteitag der Democrats in Philadelphia kennen die Umfragewerte für Clinton nur noch eine Richtung: nach oben. Während Trumps Umfrageschub seines eigenen Parteitags, der ihm eine knappe Parität mit Clinton einbrachte, nach einer Woche bereits verflogen war, hält Clintons nicht nur unvermindert an, sondern steigt sogar. In allen Swingstates - die Staaten, die den Ausschlag in einer Wahl geben weil sie möglicherweise an eine andere Partei gehen könnten - mit Ausnahme Arizonas führt Clinton. Und Arizona war bislang nicht einmal ansatzweise als Swingstate auf dem Bildschirm irgendeines Parteistrategen gewesen. Genausowenig übrigens wie Georgia, wo Clinton in Umfragen mittlerweile führend ist. Angesichts dieser dramatischen Zahlen stellt sich daher vor allem die Frage, ob das die Trumpdämmerung ist: der Anfang vom Ende der republikanischen Kandidatur, oder ob es nur eine Momentaufnahme ist, die sich jederzeit wieder ändern kann.
Bis zu Trumps Kandidatur galt in Wahlkämpfen stets das Gesetz politischer Gravitation. Aktionen, Werbung, Reden, Bilder und Interviews üben eine Kraft auf die Attraktivität eines jeweiligen Kandidaten aus, die ihn zu Boden zieht, wenn er einen Fehler macht. Was ein Fehler ist ist dabei nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich. Völlig harmlose Fehltritte (gaffes) können durch ausdauernde mediale Berichterstattung zu epochalen Momenten des Wahlkampfs werden, die einen Kandidaten definieren. Andererseits können schwerwiegende Wissenslücken oder Beleidigungen unter dem Radar fliegen, weil niemand darüber berichtet. Nur eines war immer klar: wenn ein gaffe zum nationalen Thema wird, greifen die Gesetze der politischen Gravitation und ziehen den Kandidaten nach unten. Nun ist Trump offensichtlich ein Jahr lang quasi Mr. Gaffe gewesen, ohne dass ihn das irgendwie behindert hat, stets gemäß seiner eigenen Parole dass jede PR gute PR ist. Und solange Trump damit seinen Konkurrenten den politischen Sauerstoff nahm und Clinton mit ihrem Abwehrkampf gegen Sanders beschäftigt war, hat das auch gut funktioniert. Ob er mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger pauschalisierte, ob er Bush als Lügner bezeichnete, ob er offensichtlich von Nichts außer dem Immobilienrecht eine Ahnung hatte, obwohl er Fox News angriff oder die Menstruation als ekelerregenden Vorgang darstellte - nichts schien ihn zu berühren, und er gewann die Nominierung der Republicans. Jeder, der mit ihm in Berührung kam, erlitt furchtbare Einbußen in den Umfragewerten¹.
Seitdem Trump aber anlässlich des Parteitags der Democrats die Khan-Familie angriff, hat ihn die politische Gravition in ihrem Würgegriff und lässt ihn nicht mehr los. Dabei möchte ich keinesfalls den Eindruck erwecken, dass dieses Ereignis der singuläre Wendepunkt wäre. Das wäre deutlich überzogen. Der Parteitag stellt aber definitiv eine Wasserscheide dar, und sollten Clintons Werte halten, wovon wir vorläufig für die Analyse einmal ausgehen wollen (ein konterfaktisches Argument findet sich am Ende des Artikels), stellt sich die Frage woran genau das liegt. Während der Angriff auf die Khans sicherlich ein Faktor ist - selbst rund 70% von Trumps eigenen Anhängern finden die Ausfälle falsch - reicht er aber nicht alleine aus, um den Absturz zu erklären. Was also sind die Faktoren, die eine Gravitationswirkung auf Trump ausüben?
Trumpdämmerung?Da wäre zum einen die Frage der Berichterstattung. Wie bereits oben erwähnt war es eine Erfolgsstrategie Trumps, den Gegnern in den primaries schlichtweg die Aufmerksamkeit zu entziehen. Laut Schätzungen hat Trump während der primaries kostenlose mediale Berichterstattung in Höhe von über zwei Milliarden Dollar bekommen (gerechnet gegen die Kosten, hätte er sie als TV-Spot-Zeit gekauft), und die Zahl ist Anfang August auf 4,3 Milliarden Dollar gestiegen. Die Grafik rechts, die 538 hilfreicherweise zusammengestellt hat, zeigt die gewaltige Aufmerksamkeit Trumps. Sie zeigt aber auch, dass Clinton im Juli - zeitgleich mit dem Parteitag - aufholte. Über sie wird nun praktisch genausoviel berichtet wie über Trump. Dieser Vorteil Trumps ist also verschwunden und wird auch nicht wiederkehren, dafür sorgen die natürlichen Dynamiken eines Zwei-Personen-Wettkampfs. Während Clinton jede Berichterstattung, die sie irgendwie beeinflussen kann, positiv zu drehen versucht, ist Trump immer noch im primary-Modus und betrachtet auch Berichterstattung über irrsinnige Kommentare als gut - seine Hälfte der Berichterstattung ist also deutlich negativer als die Clintons.
Der zweite Faktor ist die ungeheure Schieflage in Werbung. Seit Trump die Nominierung mit Cruz' Aufgabe Anfang Mai effektiv gewann, bombardierte das Clinton-Team (sich seines eigenen Siegs in den primaries sicher) Trump mit Negativ-Wahlbotschaften. Besonders in den Swingstates schaltete Clinton große Mengen von Spots und anderen Maßnahmen. Trump dagegen schaltete - gar nichts. Wochenlang standen Clintons Angriffe unwidersprochen im Raum. Man sollte sich dabei nicht dem Irrtum hingeben, Trump sei ohnehin durch die primaries so ausdefiniert, dass diese Attacken keine Wirkung hätten. Auch wenn die primaries einen Großteil der medialen Aufmerksamkeit auf sich vereinen beachtet sie nur eine Minderheit der Amerikaner. Die meisten fangen erst im August an, sich aktiv für den Wahlkampf zu interessieren. Clinton konnte diesen Wählern zwei Monate lang ein Best-Of von Trumps größten gaffes und Beleidigungen präsentieren². Auch im August ist die Waffenungleichheit nicht beseitigt. Clinton investiert deutlich mehr Geld in den Wahlkampf als Trump und der RNC dies tut.
Der nächste Faktor ist, dass Trump immer noch praktisch nicht über ein Wahlkampfteam verfügt. Seine Organisation ist personell völlig unterbesetzt, von Amateuren geleitet und total chaotisch. Die Bürde des eigentlichen Wahlkampfs liegt daher auf den Schultern des RNC, der Spenden einholen und Wahlkampf betreiben muss. Im Allgemeinen ist es umgekehrt, und die Partei profitiert von der Aufmerksamkeit des Präsidentschaftskandidaten, der so den eigenen Kandidaten in den lokalen Wahlkämpfen (down ballot) hilft. Dieses Jahr ist es bei den Republicans eben umgekehrt, was bedeutet, dass Trump nicht einmal in seinem eigenen Wahlkampf Herr über sein Image ist. Der RNC hat zudem ein höheres Interesse daran, die Kandidaten für den Kongress und die Parlamente der Bundesstaaten zu pushen als Trump, den die Partei immer offensichtlicher abschreibt.
Der vierte Faktor ist, dass Trumps ganzes Wahlkampfprogramm, einmal abgesehen von seiner gewaltigen Inkohärenz, nicht einmal besonders spannend ist. Abgesehen von einer rhetorischen Übersteigerung der üblichen "tough on border security"- und "tough on crime"-Rhetorik ("Build that wall!") enthält sie wegen Trumps völliger programmatischer Kapitulation vor Paul Ryan und Reince Priebus (deren Hilfe er, wie im Faktor drei beschrieben, dringend braucht) deren Wunschzettel: Abschaffung der Erbschaftssteuer, radikale Steuersenkungen für Reiche, drastische Kürzungen von Medicaid, etc. Ezra Klein nannte es das "Programm des schlechtesten beider Welten", indem Trump den offensichtlichen Rassismus und Sexismus des Populisten mit den elitistischen Wirtschaftsprogrammen der Republicans verband. Was Trump als künftiges Regierungsprogramm ausgibt, steht Mitt Romneys von 2012 in nichts nach - und liefert den Democrats Stoff für zahlreiche Werbespots, sobald eine Sättigung an Trump-Beleidigungs-Best-Ofs erreicht ist.
Der fünfte Faktor ist Trumps erratische Außenpolitik. In einer überraschenden Drehung der üblichen Dynamiken sind es die Democrats, die den republikanischen Kandidaten dafür angreifen, zu weich in Fragen der Sicherheit zu sein und als fünfte Kolonne Moskaus zu fungieren. Trumps positive Kommentare über Putin, der russische Hackerangriff auf den DNC, die Kollaboration von Wikileaks mit Russland, seine wahnwitzigen Kommentare zum Einsatz von Atomwaffen und seine Vorstellung, die NATO sei effektiv eine Truppe zur Erpressung von Schutzgeld, haben nicht nur ein riesiges Angriffsfeld geschaffen, sondern auch noch eine von Clintons Schwächen bei ihren eigenen Wählern - ihre reichlich aggressive Außenpolitik - zu einem positiven Wert gemacht, mit dem sie die Unterstützung der wenigen verbliebenen Independents und, wichtiger, republikanischer Intellektueller gewinnt.
Das führt direkt zum sechsten Faktor, dem kontinuierlichen Kampf Trumps mit seiner eigenen Partei. Während Clinton seit dem Parteitag jeden Tag weitere Sanders-Unterstützer auf ihre Seite ziehen kann - rund zwei Drittel geben in Umfragen derzeit an, sie zu unterstützen, und 90% der gesamten demokratischen Parteibasis - lehnen immer noch 20% der Republicans Trump kategorisch ab. Das ist nicht nur der doppelte Wert Clintons, es sind Leute, die im Gegensatz zu dem verbliebenen Drittel der Sanders-Anhänger kaum mehr gewonnen werden können, weil sie teils bereits dem Kandidaten der Libertären, Johnson, oder Clinton selbst (!) ihre Unterstützung ausgesprochen oder aber Wahlenthaltung angekündigt haben. Anstatt jede Anstrengung zu unternehmen, diese Leute zu sich ins Boot zu holen hat Trump sinnlose Kämpfe mit prominenten Parteigrößen wie McCain oder Ryan begonnen, die offensichtlich nichts als Retourkutschen für deren mangelnden Enthusiasmus bei den primaries und der Phase danach sind. Während Clinton als professionelle Politikerin die Kröten schluckt und ihren ehemaligen Gegnern die Hand zur Versöhnung reicht, verschafft sich Trump billige Befriedigung darin Paul Ryan mit den gleichen Worten³ das endorsement zu verweigern, mit dem Ryan es einst ihm vorenthielt - was, wie in Faktor eins beschrieben, einmal mehr rein negative Berichterstattung schafft, die alle Versuche positiven Messagings verdrängt.
Der siebte Faktor ist Trumps Persönlichkeit. Es wird immer offensichtlicher, dass er an einer massiven narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, die einen rationalen Entscheidungsprozess unmöglich macht. Clintons Spruch aus ihrer Parteitagsrede "Wer sich von einem Tweet provozieren lässt, sollte keinen Zugang zu Atomwaffen haben" ist praktisch zum Motto der Neocon-Ablehnung Trumps geworden (Max Boot⁴ etwa garniert damit gerne Trumps Tweets). Besonders Wähler und Mulitplikatoren, die auf mentale Stabilität in einem Präsidenten wert legen, sind für diese Botschaft empfänglich. Doch selbst abseits davon ist Trumps Persönlichkeit ein schwerwiegender Nachteil für ihn. Weder bringt er die Disziplin auf, seine Kernbotschaften kohärent und einem Botschafts-Plan entsprechend zu verfolgen, noch kann er Attacken einfach stehen lassen, wenn eine Würdigung ihm nur schaden würde. Elizabeth Warren etwa hat als Bluthund für die Democrats bereits mehrere Kämpfe vom Zaun gebrochen, in denen Trump schlecht aussah und die zur Story in den Medien wurden. Besonders im Hinblick auf die Debatten - so Trump überhaupt an ihnen teilnimmt, was immer weniger wahrscheinlich scheint - wird diese Persönlichkeit sich als riesiges Problem erweisen.
Diese Faktoren spielen allesamt eine Rolle in Trumps aktuellem Fall in den Umfragen. Da viele davon sich kaum mehr ändern lassen und fundamental in Trumps Charakter und Programm angelegt sind, spricht derzeit einiges dafür, dass Clintons Umfrage-Hoch anhalten wird. Im besten Falle führt es sogar zu einer Todesspirale für Trumps Wahlkampf, in dem schlechte Nachrichten und Umfragewerte für weitere schlechte Nachrichten und Umfragewerte sorgen. Eines in jedem Falle zeigen die Zahlen, selbst wenn sich die Schere wieder verengen sollte: Die Unverwundbarkeit Trumps ist ein reiner Mythos. Auch er kann sich den Gesetzen der politischen Gravitation nicht vollständig entziehen.
Was aber wenn Trumps Werte sich wieder erholen? Dies könnte mehrere Ursachen haben. Vorstellbar wäre etwa ein äußerer Impuls wie der von Wikileaks für Oktober angekündigte Datenschwall weiterer DNC-Mails, in denen sich vielleicht Inkriminierendes für Clinton findet. Dies scheint im Augenblick jedoch in höchstem Maße unwahrscheinlich. Wenn es etwas entscheidendes gäbe, hätten wir es vermutlich längst gesehen. Eine weitere Möglichkeit eines äußeren Ereignisses wäre ein schwerwiegender Fehltritt Clintons - angesichts ihrer hohen Disziplin aber unwahrscheinlich - oder eine Katastrophe wie eine Rezession oder ein großer Terroranschlag. Die letzten Wochen haben aber deutlich gezeigt, dass ein solches Ereignis eher Clinton helfen würde als Trump, dem nicht einmal die eigenen Anhänger mehr die größere Kompetenz zusprechen wollen.
Intrinsisch ist dagegen gut vorstellbar, dass die Republicans angesichts der drohenden Erdrutsch-Niederlage doch noch die Reihen schließen und sich hinter den (weiter ungeliebten) Spitzenkandidaten stellen. Die Lücke von derzeit rund 20% könnte sich dann auf die rund 90% schließen, die Clinton aktuell fehlen (viel höhere Werte sind eher unwahrscheinlich und wären auch ahistorisch). Ausreichend wäre aber auch das nicht. Selbst in diesem Szenario würde Clinton immer noch gewinnen, es wäre dann eben nur knapper.
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¹ Siehe hier.
² Dem in Philadelphia entwickelten Motiv, die Democrats als Partei der Familie und amerikanischen Werte zu präsentieren, blieb sie dabei treu und vermischte Trumps Aussagen in einem hoch effektiven Spot mit entsetzt zusehenden Kindern.
³ "I'm not quite there yet". Nach zwei Tagen verschwendeter Berichterstattung und massivem Druck hat Trump McCain und Ryan dann doch ein endorsement gegeben, unmotiviert abgelesen von einem Blatt Papier.
⁴ Intellektueller, argumentierte vor allem zu Bush-Zeiten für "einen neuen aufgeklärten Kolonialismus, wie er einst von Europäern in Tropenhelmen ausgeführt wurde".

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