Traurig, dass so was geschehen konnte - die Hintergründe eines Missbrauchsskandals durch einen Pfarrer

Traurig, dass so was geschehen konnte - die Hintergründe eines Missbrauchsskandals durch einen Pfarrer

Die mutigen Autorinnen (Quelle: Baden-Online.de)


Laura Müller und Rebecca Huber recherchierten über den Missbrauchsskandal in Oberharmersbach und blickten in Abgründe des »Bubepfarrers«

Der Skandal um Oberharmersbachs früheren Gemeindepfarrer B. sorgte im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen, nachdem im Zuge anderer Kirchenskandale auch der »Fall Oberharmersbach« wieder aufgerollt wurde.
Der Pfarrer, so steht inzwischen fest, hat in den 24 Jahren seiner Tätigkeit in der Pfarrgemeinde St. Gallus von 1967 bis 1991 zahlreiche Ministranten auf das Schwerste und systematisch sexuell missbraucht. Die Zahl der Missbrauchsopfer schwankt zwischen 22 und über 120, wie es Raphael Hildebrandt, eines der Opfer, einschätzt.

Traurig, dass so was geschehen konnte - die Hintergründe eines Missbrauchsskandals durch einen Pfarrer »Seelenmord statt Seelenheil« haben Laura Müller aus Zell a. H. und Rebecca Huber aus Appenweier-Urloffen ihre Seminararbeit betitelt, die sich auf 43 Seiten mit Missbrauchsfällen in der Kirche befasst und auch den Skandal um Pfarrer B. genauestens unter die Lupe nimmt.
Die beiden 17-jährigen Gymnasiastinnen der »Klosterschulen Unserer Lieben Frau« in Offenburg haben dafür vor Ort recherchiert, Dokumente und alte Zeitungsberichte gewälzt, mit einem der Opfer und Kirchenmitarbeitern gesprochen.
Ihre Arbeit reichten sie beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ein und erhielten einen von 19 Landespreisen in Baden-Württemberg. Damit ist die Arbeit für den Bundeswettbewerb qualifiziert.

Der Redakteur Dietmar Ruh führte am 18.06.2011 ein Interview mit den beiden mutigen Schülerinnen: 


Laura und Rebecca, ihr habt nach intensiven Nachforschungen eine umfassende Arbeit über Missbrauchsfälle in der Kirche geschrieben. Hattet ihr keine Angst vor solch einem heiklen Thema?


Laura Müller: Doch, hatten wir schon. Andererseits hat es uns aber auch interessiert, zumal das Thema ja aktuell in den Medien war. Und letztlich hat es zur Vorgabe des Wettbewerbs »Skandale in der Geschichte« gepasst. Wir wussten aber, dass wir mit dem Thema vorsichtig umgehen müssen.
Wie seid ihr darauf gekommen, menschlichen Verfehlungen in der Kirche nachzuspüren?
Rebecca Huber: Zuallererst: Es war nie unser Ziel, Verfehlungen in der Kirche aufzudecken! Unser Wettbewerbsbeitrag sollte sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern auch einen regionalen Bezug haben – und eben zum Thema des Wettbewerbs »Aufsehen, Ärgernis, Empörung: Skandale in der Geschichte« passen.
Von den Missbrauchsfällen in Oberharmersbach hatten wir aus den Medien erfahren. Wir hatten auch noch andere Ideen zu Themen, die wurden aber bei anderer Gelegenheit schon oft aufgearbeitet.
Unsere einzige Befürchtung war, dass der Missbrauch in Oberharmersbach sozusagen zu aktuell für einen Geschichtswettbewerb sein könnte. Aber das Urteil der Jury bestätigt ja, dass unsere Befürchtungen unbegründet waren.
Wie hat euer Umfeld reagiert, als euer Thema bekannt war?
Rebecca: Zum Teil kritisch. Der Träger unseres Gymnasiums ist immerhin die Erzdiözese und Missbrauch – zumal in den Reihen kirchlicher Amtsträger – ist ein heikles Thema. Aber unsere Tutorin und langjährige Geschichtslehrerin Carola Petznick war von der Idee sofort begeistert.


Und auch unser Schulleiter Hans Entringer interessierte sich sehr für die fertige Arbeit. Unsere Mitschülerinnen waren teilweise »platt«, als sie hörten, was wir so alles für die Arbeit vorhatten.
Worauf seid ihr letztlich bei euren Nachforschungen gestoßen?

Rebecca und Laura: Es hat sich vieles durch Originalaussagen bestätigt, was wir zuvor schon anderweitig gehört hatten. Es gab aber auch einige neue Informationen, die nicht öffentlich gemacht wurden, da sie nicht bewiesen werden konnten, Dinge, die wir nicht erwartet hätten und die uns erschreckt haben. Für viele Ministranten endete damals der Missbrauch erst mit dem Beginn der Ausbildung. Versuche, die Qual zu beenden, scheiterten.

Hat nie ein Kind aufbegehrt oder Hilfe gesucht?

Rebecca: In den Achtzigerjahren hatten die Ministranten einmal allen Mut zusammengenommen und bei der Hotline von »Aufschrei« angerufen. Die Beraterin allerdings glaubte den Jungen kein Wort, hielt das Ganze für einen Streich und legte einfach auf.

Besonders erschreckend ist auch, dass Pfarrer B. sogar nach 1991, nachdem er in ein Seniorenzentrum nach Titisee-Neustadt versetzt wurde, noch Besuch von Oberharmersbachern erhielt, die ihre Kinder ein paar Tage zu dem Geistlichen brachten, um ihm Gesellschaft zu leisten. So kam es zu erneuten Übergriffen.
Der jahrelange Missbrauch durch Pfarrer B. in Oberharmersbach nimmt ja einen gewichtigen Teil eurer Arbeit ein. Mit wem habt ihr darüber gesprochen?

Laura: Wir haben uns lange mit Raphael Hildebrandt, einem der Opfer, unterhalten. Der hatte auch schon im Fernsehen über den Missbrauch an ihm gesprochen. Außerdem mit Gemeindereferentin Judith Müller und mit Bruder Stephan Schweitzer, dem Leiter der Seelsorgeeinheit Zell. Diplom-Psychologin Anke Jörger hat uns Einblicke in die Seelen von Tätern und Opfern vermittelt und versucht, zu erklären, wie Pfarrer B. 24 Jahre lang ungehindert Kinder missbrauchen konnte.
Ein Begriff, der dazu passt, ist die »pluralistische Ignoranz«, also das kollektive Wegschauen angesichts offensichtlicher Verfehlungen.

War man immer offen und kooperativ euch gegenüber?

Rebecca: Erstaunlich offen, ja. Besonders Raphael Hildebrandt, mit dem wir rund vier Stunden gesprochen haben. Und Judith Müller hat uns gleich mit einem dicken Ordner mit Informationen rund um Pfarrer B. und die Missbrauchsfälle empfangen.
Bemerkenswert, da die Gemeindereferentin bei ihrer Einstellung überhaupt nichts von den Vorfällen gewusst hat. Heute engagiert sie sich in der Opferbetreuung und hat sogar ein Theaterstück geschrieben, das Mut zum Nein-Sagen machen soll.

Die Jury lobt euer einfühlsames, aber schonungsloses Aufdecken von Versäumnissen. Und sie lobt, dass ihr das Wegschauen des Umfelds in der Gemeinde kritisiert. Wie ging es euch selbst? Wart ihr am Ende eher wütend über das, was ihr herausgefunden habt, oder eher traurig?

Laura: Eher traurig. Wir können es nicht verstehen, was da geschehen ist und dass es geschehen konnte, ohne, dass jemand eingegriffen hat. Die Nachforschungen haben ergeben, dass man im Ort sehr wohl über das Treiben des Pfarrers Bescheid gewusst hat. Dies bestätigten sowohl Raphael Hildebrandt als auch Judith Müller.
Die geht noch einen Schritt weiter: Auch bei der Erzdiözese war Pfarrer B. wohl als »Bubepfarrer« bekannt. Ob diese Bezeichnung auf seinem Engagement für die Jugend oder seiner sexuellen Vorliebe für Buben beruhte, ist nicht klar...

Wie erklärt ihr euch, dass niemand dem Treiben von Pfarrer B. Einhalt gebot, obwohl ja offensichtlich viele etwas ahnten oder sogar wussten?
Rebecca: Pfarrer B. war sehr beliebt und gab sich sehr menschlich. Zudem hat er vieles bewirkt und aufgebaut. Es dachten wohl viele, dass es nicht sein kann, dass solch ein guter Mensch so etwas tut. Und bei den Opfern herrschten Angst und Scham vor. Verständlich – immerhin hat ihnen der Pfarrer ja auch gedroht, er würde sich etwas antun, falls sie etwas sagen.
Und später, als alles öffentlich wurde?

Rebecca: Selbst als 1995 Anzeige gegen den Pfarrer erstattet wurde, der sich daraufhin das Leben nahm, verdrängten viele in der Gemeinde das Geschehene oder spielten es herunter.

Raphael Hildebrandt, der mit seiner Anzeige den Stein ins Rollen brachte, wurde sogar vorgeworfen, er habe den Pfarrer in den Tod getrieben, und wurde in manchen Geschäften im Ort demonstrativ nicht bedient.
Wollt ihr aus euren Erfahrungen heraus möglichen Opfern oder deren Umfeld etwas auf den Weg geben?

Rebecca: Die Botschaft kann nur sein, zu lernen, »Nein« zu sagen – ganz im Sinne der Kampagne »Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter!«. Dem Umfeld kann man nur empfehlen, allen Mut zusammenzunehmen und den Mund aufzumachen, wenn einem etwas auffällt. Nur so kann sich auch was ändern.


Die Frage sei erlaubt: Habt ihr durch eure Arbeit etwas fürs Leben gelernt?


Laura und Rebecca: Sicher. Der Schein trügt oft. In Oberharmersbach, aber auch anderswo.


Der Fall Pfarrer B.

Missbrauch über Jahre hinweg

Franz B. wurde am 7. August 1930 in Ottenhöfen geboren. Nach Volksschule und späterem Abitur begann er ein Theologie-Studium und wurde 1958 in Freiburg zum Priester geweiht. 1967 kam er nach Oberharmersbach.


Inzwischen steht fest, dass Pfarrer B. in den 24 Jahren seiner Tätigkeit in der Pfarrgemeinde St. Gallus von 1967 bis 1991 zahlreiche Ministranten auf das Schwerste sexuell missbrauchte. Aus Rücksicht auf die Opfer verzichten wir auf die Schilderung von Details. Die Zahl der Opfer wird wohl niemals genau ermittelt werden: Nicht alle missbrauchten Kinder haben sich später bei den Behörden gemeldet.
Tatsache ist: Der Missbrauch erfolgte über Generationen von Ministranten hinweg. Im März 1991 entschloss sich Pfarrer B., seinen Ruhestand zu beantragen, nachdem ein anderer Pfarrer den unsittlichen Kontakt zu Kindern bemerkt und gedroht hatte, die Sache öffentlich zu machen.
Die Versetzung wurde durch den damaligen Personalreferenten Robert Zollitsch genehmigt. Pfarrer B. bekam die Auflage, sich von Kindern fernzuhalten. Zu seinem Abschied erhielt der Pfarrer die Ehrenbürgerwürde (!). 1995 erstattete Raphael Hildebrandt Anzeige gegen Pfarrer B. bei der Kripo, das Verfahren kam ins Rollen. Der Pfarrer
gab die Ehrenbürgerwürde zurück und nahm sich kurz danach das Leben.
In einem Gottesdienst wurde die Gemeinde 1995 erstmals offiziell über die Vorfälle informiert, zuvor hatte es nur Gerüchte gegeben.

Quelle: Baden-Online.de

Traurig, dass so was geschehen konnte - die Hintergründe eines Missbrauchsskandals durch einen Pfarrer

Das Foto wurde von Karin Heringshausen zur Verfügung gestellt


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