Toiletten III

(Teil 2 hier: *KLICK*)

Auch bei deckenlampenlichtunterstützendem Tageslicht sieht die Hoteltoilette vertrauenswürdig aus. Zum Glück, denn nach einer viel zu kurzen Nacht steht mir nicht der Sinn nach Rumschrubberei. Ich habe viel zu erschöpft geschlafen, den Wecker viel zu oft weitergestellt, habe viel zulange vom Bett aus mit Herrn L. und den Kindern telefoniert, bin viel zu spät aufgestanden.
Also Klo, duschen, anziehen, Haare fönen, fertig machen.
Frühstücken.
Klo und Sachen packen.
Und dann natürlich noch einmal auf`s Klo, dieses Mal noch eiliger, das Taxi wartet schon, aber nicht vergessen, vorher auszuchecken!

Morgens um irgendwas nach Neun ist die Messe noch geschlossen, aber man kann hierhin und an die Fachbesuchergarderobe und dorthin und da unten schonmal einen Kaffee trinken (und was essen, wenn man will) und natürlich auf Toilette gehen. Die ist bevölkert von den Frühaufstehern unter den Cosplayern, diesen wunderschönen, mutigen Geschöpfen, die ich so wahnsinnig darum beneide, dass sie es schaffen, voller Stolz und Freude ihr Innerstes nach Außen zu tragen.
Und weil es noch so früh ist und die Messe gerade erst eröffnet wurde und noch so herrlich durchgängig und massenfrei ist, gibt es einen Rundgang durch die Maga-Con mit all ihren Verrücktheiten, ihren “Hug me” oder “Hugs for free”-Buttonträgern, den strahlenden Gesichtern, wenn man um ein Foto bittet, all den Zauberstäben und Aufsteckohren (Elb oder Hobbit?), den T-Shits und Knuddeltierchen und den sehr verdächtig bemalten, interessant fomierten und hoffentlich auf 60 Grad Celsius waschbaren Kissen …
Ich stöbere zum ersten Mal wirklich und wahrhaftig in Büchern und weil es mich von Anfang an mit seinem genialen Cover verzaubert, gönne ich mir den Comic-Band “Bärenkönig” von MOBIDIC, einem Comicerstling, der mich später verzaubern und begeistern wird.

Nach einem erneuten Kafffe, während dem sich meine Hände und Füße ausruhen dürfen, dem Aussortieren des irrelevanten Altpapiers unter den Stand-Goodies wird es ernst.
Ich zuppel und zippel vor dem Waschbecken noch ein bisschen an mir rum. Aber viel wichtiger als mein Aussehen aber ist es, dass ich nicht allein bin, dass ich unterwegs einen Mitstreiter aufgegriffen habe, der mir den Rücken stärkt, wie ich den seinen.
Ein letztes Lächeln in den Toilettenspiegel, dann schlucke ich Angst, Kummer und Introvertiertheit herunter, pushe meine kleine, aber hochaggressiv-charmante extrovertierte Seite bis zur A-Prominenz und mache mich auf den Weg, um nicht mehr nur passiv zu schauen und zu staunen, sondern um zu fragen, kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und Visitenkärtchen auszutauschen.

Ein letztes Mal stehe ich in der Toilettenschlange an. Von dort aus werde ich sozusagen die Heimreise antreten. Allein.
Ich bin traurig und glücklich zugleich. Kein Thema: Für die Kinder wäre das hier nichts gewesen! Aber ich habe trotz all der netten Menschen, trotz vieler schöner Aufregungsmomente, trotz all der Wunderbilder den Spaß vermisst, den ich mit Herrn L. hier gehabt hätte.
Für ihn habe ich alles in meinem Inneren gespeichert und werde mein Bestes tun, all die Wunder daheim durch meine Worte wieder zum Leben zu erwecken, ihn all das durch meine Augen sehen zu lassen.
Ich bin ein letztes Mal durch die bunte, wundervolle Pracht geschlendert, habe mir ein letztes Mal alles angesehen: Die Vielfalt, die Kostbarkeiten, all die Leben, Geankengefühlswelten und Abenteuer, all die Ereignisse und Länder, all die Zeiten und Phantasien, die durch ein Wunder names “Schrift” zwischen zwei Buchdeckel gepresst und immer wieder hervorgeholt werden können.
Mitten drin in all der Liebe ein schwarzes Loch, hinter dessen schwarzem Tresen sich haßvergiftete Wesen in Menschengestalt daran versuchen, andere mit süßgiftigen Ohrtröpfelworten zum Bösen zu verführen …
Aber nur ein paar angewiderte Blicke später ist die Welt schon wieder regenbogenbunt und schön.

Wäre ich doch nicht noch auf Toilette gegangen!
Ich sitze im Zug nach Umsteigebahnhof und weiß nicht, was mir mehr weh tut: Meine Füße oder meine tragetaschenfleißigen Hände!
Ich muss nach dem Toilettengang irgendwie falsch gegangen sein und der Ausgang, den ich schließlich genommen hatte, war definitiv nicht der Haupteingang. Stattdessen bin ich direkt hinter dem riesigen Messgebäude gelandet und muss dann einmal komplett von Hinten nach Vorne gehen. Das kostet Zeit und das kostet Kraft.
Meine Arme werden immer länger, meine schon schmerzenden Füße scheinen immer druckempfindlicher zu werden, aber der Blick auf die Handyuhr verrät: Stehenbleiben oder langsamer gehen ist schlicht und einfach keine Option!
Schweißausbrüche, Panik.
Scheiß zuggebundenes Ticket zum Superpreis – was nützt mir das, wenn ich einen Herzinfarkt bekomme?
Endlich, endlich Haupteingang, Menschen, Straßenbahnen. Aber ich will nichts riskieren, mein Hirn ist Brei, ich schwitze und schnaufe und halte mich wie der sprichwörtliche Bauer an das, was ich kenne. Also schwanke ich fußwärts und wie auf Glasscherben zur Zug-Station Messegelände.
Als ich die riesig-steilen Treppe hinaufschaue, schwanke ich. Ich bin kurz davor, jemanden anzuflehen, meine Taschen hochzutragen; aber das würde wertvolle Zeit kosten. Ich bin echt kurz vorm Zusammenbrechen, meine Füße fühlen sich an wie rohes Fleisch auf Schmerz, mein ganzer Körper schreit: “Ich kann nicht mehr, das war alles zu viel!”
Eine auf die letzte Minute-Minute schmerzhafter, aber köstlicher Stillstand; dann kommt der Zug und bringt mich zurück nach Leipzig.

Auch jetzt kann ich taschenfrei auf Toilette gehen. Denn meine Sitzbnachbarn sind feine Leute: Neben mir ein Mädel Mitte 20, hinter uns ein netter Mann um die 40. Wir lachen und plaudern. Ich weiß nicht warum, aber heute klappt es mühelos: “Wollen Sie auch nach Heimat?” – “Nein, ich steige da und da um. Ich war da und da, und Sie?” – “Buchmesse Leipzig!” – “Ach wie schön!” – “Waren Sie schonmal da?” und so weiter.
Schnell sind wir beim “Du” und als ich Beide bitte, kurz auf meine Sachen aufzupassen, habe ich ein gutes Gefühl.
Bei meiner Rückkehr platze ich in den Satz des Mannes; er sagt grade zu dem Mädel, sie solle sich nicht so grämen, dass ihr Schatz sie nicht vom Bahnhof abholen würde, weil eine Museumsveranstaltung manchen wichtiger ist, als seine Süße nach einer Woche Seminarreise am Bahngleis zu empfangen, ihr Freund sei wohl einfach ein unsensibler Arsch.
Das Mädel hält kurz inne und etwas Lauerndes, aber auch Unsicheres liegt in ihrem Blick und ihrer Stimme, als sie ganz leicht das Kinn hebt und sagt: “Mein ‘Schatz’ ist eine Sie!”
Der Mann und ich tauschen einen Blick, zucken mit den Schultern.
“Dann ist es halt eine blöde Kuh!”, sage ich und der Mann fügt ein augenrollendes “Weiber!” hinzu. Wir lachen und ich frage mich, ob das für Homosexuelle immer so ist, dieses vorsichtige sich erstmal Herantasten an den Gesprächspartner bevor man sich traut, dem “Schatz”, “Lebenspartner” oder “Liebling” ein Geschlecht zu geben.

Daheim.
Daheim bin ich eigentlich schon, sobald mich meine Liebsten in die Arme schließen, dort ist mein Zuhause.
Lachen, durcheinander fragen und erzählen, ein durchgeknuddelter, ineinander verschlungener Menschenhaufen, der sich irgendwie Richtung Parkplatz bewegt, dort auflöst, verstreut, in ein Auto einsteigt.
Jetzt bin ich auf Toilette, schon umgezogen in meine Schnuffelhose und mein Lieblingsshirt, von dem Herr L. aus irgendeinem Grund behauptet, es wäre seins.
In der Küche warten Herr L. und die Kinder auf mich. Mir einem frisch aufgebrühten Kaffee, einem Teller Mittaggessen und aller Liebe, die ein Mensch sich wünschen kann.
Also keine Zeit vertrödeln!
Hände waschen, Licht aus und dann bin ich, bis oben hin vollgepackt mit aufregenden Erlebnissen und Fotos, auf denen ich mit Helden meiner Kinder posiere, endlich wieder da, wo ich hingehöre.
Vielen Dank, liebes Leipzig, für diese wunderschöne Buchmesse! :-)

Ende


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