Times is Cash

Times is Cash"Times is cash, times is money" war sich der kölsche Rock-Handarbeiter Wolfgang Niedecken schon recht früh sicher. Ein Vierteljahrhundert später zieht Rupert Murdoch nach. Seine Zeitung "The Times" gibt ihre Premiumartikel im Internet nur noch gegen Gebühr zum Lesen frei. Billig, aber nicht kostenlos: Für nur ein einziges englisches Pfund gibt es zum Start gleich jede Menge superwichtige Geschichten zulesen: Thierry Henry, an den sich die Älteren noch als früheren Fußballer erinnern, gibt exklusiv Auskunft über seine Gefühle, nachdem Frankreich Südafrika vor der Zeit verlassen musste. Exklusiv auch die Analyse: "Can anyone stop Germany from winning the World Cup?" und der gesellschaftspolitisch brisante Beitrag "Botox: the feminist facelift?"
Die Verschlüsselung des bis dahin häufig von Bloggern gestohlenen hochklassigen Times-Contents ("Gay Sex in the 1970s") hatte Murdoch im März angekündigt. "Um den Leserinnen und Lesern den Besuch der Website schmackhaft zu machen, wurde die Journalistenelite des Blattes aufgeboten", beschreibt die im Augenblick noch nicht kostenpflichtige NZZ, deren fabelhaft formulierter Satz deshalb hier zitiert wird, so lange es noch geht. Die bewährten Kräfte bei der "Times", analysiert das Zürcher Edelblatt, "müssen nun die Nachrichten mit Blogs oder Kolumnen, mit Hintergrundberichten und Kommentaren anreichern". Ferner würden "Multimedia-Galerien, Diskussionsforen und Debatten mit den Journalisten angeboten".
Quasi durchweg Dinge, die es sonst nirgendwo gäbe, würden sie nicht von rumpelreimenden Bloggern beständig aus den Qualitätsmagazinen gestohlen, die sie zuvor teuer und absolut gleichlautend von Agenturen wie der einzigen wirklich amtlichen deutschen dpa gekauft haben, die sie zuvor von Praktikanten und Volontären aus zum Teil mehreren Pressemitteilungen von Partein, Verbänden und Vereinen hat zusammenschreiben lassen.
Times is CashDas Ende von Googles räuberischem Newsdienst dämmert herauf, der Beginn eines neuen Zeitalters schimmert am Horizont, in dem der Medienkonsument durch sein iPad auf die Welt schaut wie ein Schlüssellochgucker in eine finnische Sauna voller nackter Schönheiten, die vor lauter Dampf nicht zu erkennen sind. Die Realität zerfällt in Wahrnehmungssphären verschiedener Preisklassen: Nach dem Unterschichtenfernsehen kommen die Unterschichtennews. Ganz unten bedienen kostenlose Anzeigenportale und Kochrezepte-Blogger Hartz-4-Familien und Migrantengruppen mit kurzen, knappen Mitteilungen zu fettarmer Ernährung und Aldi-Aktionen, darüber sichern Radiowebseiten mit kostenlosen Handy-Mitmachspielen (aus dem Ausland teurer!) die Informationsvielfalt mit dem Vorlesen der bunten Boulevard-Erfindungen von gestern. Ganz oben dann gibt es die Metaüberlegungen von Edelfedern wie Prantl und Leyendecker, was das denn am Ende alles für den kleinen Mann bedeutet, für einen Bruchteil der allmonatlichen GEZ-Gebühr umsonst.Wir sprechen zwar verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes.

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