T.I.C.: Stadt/Land-Gefälle

In Deutschland lebt der große Teil der Menschen in kleinen Städten, meist nicht allzu weit entfernt von der nächsten Großstadt. Diese kleinen Städte bestehen in der Regel aus altem Ortskern, Neubaugebiet und einem Industriegebiet, etwas außerhalb. Meistens liegen sie noch an einer Autobahn, oder Bundesstraße. In diesen Städtchen gibt es Schulen für alle Altersstufen, öffentliche Verkehrsmittel mit Anschluss an die nächste große Stadt, Geschäfte, Bürgerhäuser, Sportvereine, Kneipen und Restaurants. Kleinbürgerliche Betriebe, die die Jugendlichen hochqualifiziert ausbilden, gibt es im Idealfall auch. Zumindest in der Blütezeit der alten Bonner Republik soll es sie mal überall im ehemaligen „Westen“ gegeben haben. Das Straßennetz ist gut, die Leute haben ihre Autos und kriegen in ihrem Ort eigentlich alles was sie brauchen. Das Leben unterscheidet sich, was den Lebensstandard betrifft, nicht wesentlich von dem in den großen Städten. Nicht wenige Familien ziehen das ruhige, vermeintlich sicherere, Leben, in der sauberen Luft der Vorstädte und Dörfer, dem Leben in der Großstadt vor. Die Jugendlichen vom „Land“ haben mindestens ebenso gute Perspektiven, wie die aus den Großstädten.

In China merkt man den Menschen an, ob sie aus der Stadt kommen, oder nicht. Ihre Kleidung, ihre Haltung, ihr Auftreten, ihre Sprechweise, kurz gesagt, ihre gesamte Erscheinung ist anders, als die der Städter. Nun kann es natürlich sein, dass ein junger Mensch vom Lande einen Job in der Stadt findet und sich dort erfolgreich integriert. Nehmen wir als Beispiel Peking, so kann es sein, dass er sich in seiner Kleidung und seinem Auftreten dem Stil der Großstädter anpasst, und sein Schulbuch-Mandarin in eine „Pekinger Schnauze“ mit ihren vielen eigentümlich gerollten Rs wandelt. Für Laowais, wie uns mag er somit nicht mehr als Provinzler auszumachen sein, doch ein alteingesessener Pekinger wird, wenn die betreffende Person schon mehrere Jahre in der Stadt lebt, im Gespräch noch ziemlich schnell, wenn auch sehr subtil, bemerken, dass sein Gegenüber vom Land kommt.

Freundschaften zwischen Städtern und Zugereisten sind, meines Empfindens nach, auch sehr selten. Sie wissen gewöhnlich auch nicht viel, was sie einander zu sagen hätten. Oftmals bleiben die waidiren 外地人 (die von Außerhalb) auch in der Stadt unter sich. In der Regel sogar meist unter Leuten aus ihrer eigenen Herkunftsprovinz. Sichuanesen umgeben sich mit Sichuanesen, Leute aus dem Nordosten umgeben sich mit Leuten aus dem Nordosten, und so weiter.

Die Schulen auf dem Land sind qualitativ nicht mit denen in den Städten vergleichbar, der Arbeitsmarkt ist lange nicht so reichhaltig und vielfältig. Die Gründe, weshalb es viele Menschen von außerhalb in die großen Städte zieht, sind meist in den Bereichen von Bildung und Wirtschaft zu finden. Um die Landflucht zu bekämpfen, ergreift man verschiedene Maßnahmen. Eine davon ist das Hukou-System. Jeder Chinese hat sein Hukou 户口 an seinem Geburtsort und das Hukou bleibt immer dassselbe. Besitzt man nun kein örtliches Hukou, hat dies mehrere Konsequenzen. Der Zugang zu Schulen ist nur unter größerem finanziellen Aufwand möglich, als mit örtlichem Hukou. Dies gilt auch für Kinder von waidiren. Daneben ist auch der Grund- und Wohnraumerwerb ohne Hukou nur sehr schwer möglich.

Wer einmal Sonntag mittags in Peking versucht hat, von einem Ende der Stadt in die Innenstadt, oder an ein anderes Ende zu kommen, der wird diese Maßnahme zumindest ein Stück weit nachvollziehen können. Die Übervölkerung der großen Städte tut niemandem gut. Dennoch machen die waidiren einen bedeutenden Teil der chinesischen Städte aus. Man merkt dies vor allem in der Zeit kurz nach dem Frühlingsfest, wenn die Menschen (die Menschen, die zu dem Zeitpunkt in der Stadt sind) wieder arbeiten gehen, und Peking trotzdem wie auf Sparflamme läuft. Das Herz des Drachen schlägt gemächlicher als sonst, in  jener Zeit.  Die Busse sind plötzlich geräumig, die S-Bahnen auch, die Baustellen sind ruhig, bestimmte handwerkliche Dienstleistungen sind schwerer zu bekommen als sonst. Die waidiren fehlen. Denn nur einmal im Jahr, zum Frühlingsfest haben sie Gelegenheit, in ihre Herkunftsprovinzen zurückzukehren, und ihre Familien zu besuchen. Die Zugfahrkarten in die großen Städte sind nach dem Frühlingsfest natürlich außerordentlich begehrt und deshalb sehr teuer. Außerdem will das neue Jahr gebührend empfangen werden, und deshalb lassen sie sich mit der Rückkehr Zeit. Es kann durchaus bis zwei, oder drei Wochen nach dem Frühlingsfest dauern, bis wieder Normalbetrieb in den Städten herrscht. Langsam tröpfeln sie zu Beginn des neuen Jahres erst wieder in die Städte ein, und gehen wieder ihrer Arbeit nach. Die Städter kommen damit klar. Sie haben sich mit dem Fehlen der anderen engagiert; sowohl mit den positiven, als auch mit den negativen Seiten. Zurück in die Städte kommen sie, früher oder später, sowieso.

PS: Vielen Dank nochmal an Tom, der mich auf die Idee zu diesem Beitrag gebracht hat.



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