Theaterclub Spezial 20.11.2009

„Nacht der Weltpremieren“ verkündete der Slogan auf der Homepage der Bühne im Bürgertreff – kurz BiB – für Freitag, den 20. November. Wie jedes Jahr gab es auch 2009 ein jährliches Theaterclub-Spezial, bei dem verschiedene Künstler aus unterschiedlichen Branchen (wie Musik oder Comedy) in gemütlicher Atmosphäre ihr Können unter Beweis stellen konnten. Das diesjährige Motto war nun Nacht der Weltpremieren – es stand dem gespannten Publikum also ein einmaliger Abend bevor!

Pünktlich um zwanzig Uhr – die Zuschauer hatten es sich in den Stuhlreihen und an den Tischen am vorderen Bühnenrand gemütlich gemacht – wurde es dann schlagartig dunkel, die Scheinwerfer wurden auf den weinroten Vorhang gerichtet (der später noch Scherereien machen sollte) und eine ominöse Stimme aus dem „Off“ ertönte, die den ersten Künstler ankündigte, der anschließend als Gastgeber durch den Abend führen würde: Jan Jahn. Passend zum Anlass handelte sein erster Song von verschiedenen Weltpremieren. Er war, wie später bekannt wurde, sogar extra für diesen Abend geschrieben worden!
Seine beiden nun folgenden Songs (er hatte bereits am Ende des ersten Songs gestanden, dass er statt wie ursprünglich geplant zwei Songs zu spielen, sein Repertoire auf drei Songs aufgestockt hatte) hatten mit dem ersten zwar thematisch nichts gemeinsam, lösten beim Publikum aber mindestens ebenso großen Beifall aus, so dass man durchaus von einem gelungenen Auftakt sprechen konnte.

Wer nun, vor Beginn des zweiten Auftrittes, noch dachte, dass das (durchaus hohe) Niveau wohl nun fürs Erste nicht noch weiter gesteigert werden würde, da das Beste ja bekanntermaßen immer zum Schluss käme, der musste sich schon nach wenigen Sekunden eingestehen, dass dies ein riesengroßer Irrtum war (und falls einige Zuschauer nach diesem nun folgenden Auftritt immer noch derselben Meinung waren, so sollte man sie schleunigst einweisen und ihre Gehirnwindungen auf Löcher in Meteoritengröße untersuchen lassen!): Nach kurzen Umbauschwierigkeiten betrat Kathrin Carbow die hell erleuchtete Bühne – gemeinsam mit einem extra aus Berlin angereisten Pianisten, der ihre Songs aus der Filmmusik begleiten sollte. Was jetzt passierte, lässt sich mit Worten kaum ausdrücken – die Bezeichnung „zu schön, um wahr zu sein“ trifft nur ganz grob, was ihre unglaubliche Stimme bei den Zuschauern auslöste. Ob eine wunderschöne Ballade – wie „Soldier in the Rain“ aus dem gleichnamigen Film, mit einem gesungenem Bläsersolo, das das ohnehin schon vorhandene Staunen auf den Gesichtern der Zuschauer noch größer werden ließ und sich mit unverhohlener Bewunderung vermischte – oder ein schneller Pop-Song („It had better be tonight“ aus dem weltweit bekannten Film „der rosarote Panther“) – wahnsinnig viel Gefühl mischte sich mit ebenso viel Power und greifbarer Leidenschaft. Das Publikum war hin und weg von ihrer uns alle berührenden Stimme und mehr als einmal sah man, wenn man sich denn überhaupt der Bühne losreißen konnte, eine Hand, die sich verstohlen über die Augen wischte. Und auch das vereinzelte Schniefen war bestimmt nicht auf eine akute Ausbreitung der Schweinegrippe zurückzuführen.
Nach fünf wunderschönen Songs kündigte sie dann leider schon den letzten für diesen Abend an, was bestürzungsähnliche Zustände bei mir und auch allen anderen Zuschauern auslöste, die – genau wie ich – noch stundenlang hätten zuhören können. Doch der letzte Song besänftigte die aufgebrachten Gemüter schnell wieder – „Moon River“ aus dem Film „Frühstück bei Tiffany’s“, nach dem gleichnamigen Buch von Truman Capote.
Dieses Lied, das mit der richtigen Stimme und der richtigen Portion Gefühl einer musikalischen Offenbarung gleichkommt, schaffte uns alle. Ausnahmslos.
Noch Stunden später verspürte man dieses Gefühl von Leichtigkeit, gemischt mit Sehnsucht, das einem immer wieder die Tränen in die Augen trieb. Innerhalb weniger Minuten (genau wie die anderen Lieder war auch dieses viel zu kurz!) war auch der kritischste Zuhörer dahin geschmolzen. So kam es auch, dass, als die letzten Töne langsam verklungen waren, es erst noch einen Moment dauerte, bis man aus dem Lied wieder in die Gegenwart zurückgekehrt war und anfangen konnte, begeistert und ergriffen zu applaudieren. Dieses Stadium hielt dann dafür aber umso länger an – als sie den Saal bereits längst verlassen hatte, trat immer noch keine Ruhe ein, die Zuschauer klatschten begeistert weiter (völlig zurecht!), bis sich irgendwann der Gastgeber Jan Jahn wieder einschaltete, um den nächsten Künstler anzukündigen.

Konnte es jetzt NOCH besser werden?

Die einleuchtende – und zugleich ernüchternde – Antwort lautete: Nein, konnte es nicht.

Als nächstes trat der Comedian Herr Kammann auf, der auf dem Programmzettel mit „Schockierende Weltpremiere! Herr Kammann mit schlechten Gedichten!“ beschrieben worden war. Zwar räumte er gleich zu Beginn ein, dass er nun doch keine schlechten Gedichte präsentieren würde, da fremd verfasste Texte nicht gelten würden und somit alle Entwürfe für diesen Abend in den Papierkorb gewandert waren, doch gegen Ende verfestigte sich der berühmte erste Eindruck, dass wir hier auf den Arm genommen worden waren – dass er sehr wohl schlechte Gedichte präsentieren würde. Inwieweit dies beabsichtigt und inwieweit dies abhängig von der individuellen Einschätzung jedes einzelnen Zuschauers war, sei offen gelassen, doch ein Gedicht anzukündigen, das durch seine geschickten Alliterationen ein literarisches Meisterwerk sei, um dann nicht ein einziges Mal von diesem rhetorischen Stilmittel Gebrauch zu machen, ist nicht unbedingt en Zeichen davon, dass jemand sich hiermit auseinandersetzen sollte. Im Zweifelsfall sollte man auf so etwas verzichten, zumal er recht unmittelbar davor auf einen vermeintlich eher geringen Durchschnitt des Intelligenzquotienten der anwesenden Zuschauer angespielt hatte.
Zu diesem Fauxpas gesellten sich mehrere Schläge unter die Gürtellinie und abgedroschene Witze, zum Beispiel als er auf den Verkauf seiner Gedichtbände in der bevorstehenden Pause hinwies und die Frage nach dem Preis mit „Eins für sieben, zwei für fünfzehn Euro“ beantwortete. Wäre der Bart, den dieser Witz hat, wirklich vorhanden gewesen, so hätten sich vermutlich alle Künstler des Abends hintereinander aufstellen müssen, um diesen halten zu können. Zumal er dies auch noch ein zweites Mal sagte (die Grabesstille, die daraufhin herrschte, war wohl Antwort genug…).

Bevor man sich aber noch länger den Kopf über Sinn bzw. Nicht-Sinn einzelner Ausschnitte seines Repertoires machen konnte, ging es aber erstmal in die erste Pause des Abends.
In dieser konnte man sich mit – verhältnismäßig günstigen – Getränken und Snacks versorgen, kurz frische Luft schnappen, sich mit den Künstlern unterhalten (wenn man sich denn durch die Menschentrauben um sie herum kämpfen konnte) oder natürlich auch die Kamman’schen Gedichtbände kaufen, zumal sich der Menschenandrang hier deutlich in Grenzen hielt, sofern man einen solchen überhaupt mit bloßem Auge ausmachen konnte.

Einige Minuten später hatten wieder alle Platz genommen, der Saal verdunkelte sich und der Song „The Show must go on“ kündigte das zweite Drittel voller Weltpremieren an. Eröffnet wurde es durch die Hamburger Zwei-Mann-Band „der schöne Lutz“, die bis vor recht kurzem noch eine Drei-Mann-Band gewesen war und nun zum ersten Mal akustisch in dieser Konstellation auftrat. Ihre Songs gingen ins Ohr und sorgten zum Teil auch für Lacher auf Seiten des Publikums ( einige Zeit NACH Abtreten des Comedians..), als sie beispielsweise einen Song über eine junge Politikerin spielten und darin vorsichtig angedeutete Kritik an der Politik ausübten, die aber humorvoll transportiert wurde. Das erste Duo des Abends brachte seinen Auftritt somit genauso positiv zu Ende, wie es ihn begonnen hatte und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Applaus dementsprechend ausfiel.

Um keine Eintönigkeit (dieses Wort mag in diesem Zusammenhang doppeldeutig klingen, ist aber eindeutig gemeint) zu riskieren, trat nun der zweite Comedian des Abends auf– Joachim Zawischa. Bei seinem Programm griff (im Gegensatz zu vorhin) das Sprichwort „das Beste kommt zum Schluss“ voll und ganz, da man schon nach wenigen Minuten seines Repertoires immer wieder dieselben Assoziationen zu seinen Witzen hatte – „nicht lustig“, „niveaulos“ und wieder „nicht lustig“.
Über die Schweinegrippe zu reden, ist heutzutage nachvollziehbar und keine Besonderheit. Doch sie lediglich auf einen Gegenstand zu reduzieren, der nicht ernst zu nehmen ist und über den man sich schamlos lustig machen kann („Schreibt man die „Seuche“ bald mit ÄU?“), hatte etwas Besonderes – etwas besonders Armseliges. Die letzten fünf Minuten seines Auftritts machten jedoch schlagartig alles wieder gut, wofür er zuvor hatte Minuspunkte einstecken müssen: Er sang ein Lied über die – für Frauen – schönste Nebensache der Welt: IKEA!
Die Rolle des leidenden Ehemannes, der seine Frau bei einem Besuch des schwedischen Möbelhauses begleitet und sie am Ende alles im Auto verstaut haben, außer dem Bett, was sie ursprünglich hatten kaufen wollten, und der Tochter, die sie versehentlich (?) im Kinderparadies vergessen hatten, verkörperte er auf eine erschreckend realistische aber trotzdem lustige Weise, so dass man ihm sogar die – auch noch ausführlich dargestellte – Zweideutigkeit von BILLY schnell verzieh.
Mit dem Thema IKEA hatte er beim (überwiegend weiblichen) Publikum mitten ins Schwarze getroffen; vermutlich hätte er damit auch seinen gesamten Auftritt ausfüllen können, ohne überzogen zu wirken. Auf jeden Fall hinterließ dieses Lied einen deutlich besseren Eindruck als seine vorherigen „Witze“, die ohne die Anführungszeichen vermutlich mit einem „Achtung – jetzt kommt Ironie!“ – Warnschild untermalt werden müssten.
Ein Fall von Weiterentwicklung.

Nun wurde es wieder musikalisch – das Quartett „Gospel-Junction“ trat auf, die (passend zu ihrem Namen)…Jazz-Stücke a-capella sangen. Als Erklärung für diese ungewöhnliche Verbindung führten sie an, dass sie sich die ganzen letzten Jahre ausschließlich mit Gospel beschäftigt hatten und nun etwas Neues ausprobieren wollten. Hatte man am Anfang vielleicht Gedanken wie „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ oder wahlweise auch „Neu ist nicht automatisch besser“ gehabt, so wandelte sich dieser Eindruck im Laufe der drei Stücke, die sie sangen, so dass man gegen Ende dann doch von einem gelungenen Experiment sprechen konnte. Besonders dann, wenn man – wie ich – nicht weiß, wie sie vor der „Verwandlung“ geklungen haben.

Bevor nun das letzte Drittel der Weltpremieren begann, gab es noch einmal eine kleine Pause, in der man dieses Mal unter Anderem die neue CD von dem „schönen Lutz“ käuflich erwerben, sich aber genauso gut mit Kaffee oder einem anderen koffeinhaltigen Getränk versorgen konnte, da es mittlerweile deutlich auf 23 Uhr zuging.
Als dann zum zweiten Mal „The Show must go on“ erklang und Jan Jahn die nächste Band – Stains of Time – angekündigt hatte, geschah das, wovor man sich den ganzen Abend schon gefürchtet hatte – der Vorhang schwang nicht, wie bisher, elegant zur Seite, sondern blieb genau dort, wo er war, nämlich frontal vor der Bühne. Während dahinter die Künstler darauf warteten, dass sie endlich losspielen konnten, wurde am Vorhang gezogen und gezerrt, bis er schließlich zum Teil nachgab, wenn auch nicht auf die gewünschte Weise – mit einem unschönen Geräusch und einer Menge winziger Stoffteilchen, die langsam zu Boden segelten , löste sich die Hälfte des Stoffes von der Schiene, die ihn hielt und gab somit einen kleinen Blick auf die Bühne frei. Um nicht jetzt noch große Umbauten vornehmen zu müssen (zumal der Beginn des Auftrittes sich bereits um ein paar Minuten verzögert hatte), wurde der Vorhang einfach provisorisch hinter einen an der Wand montierten Lautsprecher geklemmt, so dass der Großteil der Bühne nun sichtbar war. Nur gut, dass die Band keinen Pianisten hatte, da dieser sonst vollständig verdeckt gewesen wäre.
Jetzt konnte es endlich losgehen, die Band begann mit ihrem ersten Song, den früher einmal Bob Dylan gesungen hatte. Die außergewöhnliche, raue Stimme des Sängers passte perfekt zu diesem Song und schuf somit ein gutes Argument dafür, zu einem der Konzerte der Band zu gehen, die in den nächsten Wochen stattfinden sollten.
Auch die nächsten Songs (unter anderem von Johnny Cash) begeisterten das – dann doch langsam ermüdende – Publikum, was zum Teil auch an dem Gebrauch einer Mundharmonika liegen konnte, die ja nun nicht zwangsläufig das gängigste Musikinstrument in einer Band ist, aber sich gut in diese Songs einfügte, so dass die Band am Ende ihres Auftritts mit großem Beifall verabschiedet wurde.

Und auch wenn ich die beiden letzten Auftritte – von einem Duo namens „Reizende Aussichten“, das eine Mischung aus Comedy und Klavierspiel präsentierte, und von der Band m.a.g. – nicht mitbekommen habe, so bin ich doch davon überzeugt, dass sie den Abend angemessen abgeschlossen haben und den Eindruck, den man schon recht früh bekommen hatte, nur noch verstärkt haben: dass sich jeder einzelne investierte Cent absolut gelohnt hat.
So einen tollen, hochmusikalischen, beeindruckenden und fesselnden Abend erlebt man nun wirklich nicht alle Tage, zumal der Zauber von „Weltpremieren“ an sich auch etwas ganz Besonderes ist: man zählt zu den ersten Menschen, die das Ergebnis von langer Arbeit erfahren dürfen, man wird Teil von etwas Neuem, etwas noch nie Dagewesenem. Noch nie hat jemand zuvor bei diesem oder jenen Song anfangen dürfen, vor Rührung ein paar Tränen zu vergießen, noch nie hat jemand zuvor über diesen Witz gelacht oder mit dem Solisten mitgefiebert. All dies geschieht zum ersten Mal und ist damit etwas Außergewöhnliches, das für die Ewigkeit bleibt. Noch Jahre später kann man sich daran erinnern, wie etwas zum ersten Mal war, auch wenn damit nicht zwangsläufig zum Ausdruck kommen soll, dass Auftritte wie diese später zur Routine werden. Natürlich ist jeder einzelne Auftritt ein Unikat, das es vorher nie gab und auch später so nicht noch einmal geben wird, doch der Zauber einer Premiere hebt sich davon noch ab.
Es war eine unglaubliche Ehre, an diesem – vorrangig musikalischem – Spektakel teilhaben zu dürfen und noch heute bekomme ich jedes Mal, wenn ich an diese einmalige Atmosphäre und die wunderschönen Lieder denke, eine Gänsehaut. Und der eine oder andere Gag der Comedians ruft auch heute noch ein Lächeln auf meinem Gesicht hervor. (Aber das wirklich in Maßen.)
Möge dieser Abend uns Allen ewig in Erinnerung bleiben.