Tabubruch im Nestroyhof Hamakom

Eine jüdische Familie – Lidia und Paula, zwei Schwestern, sowie Albert, der Sohn Lidias – müssen in den Keller ihres Herrschaftshauses fliehen. Für ein paar Tage, wie sie zuerst annehmen. Während der Naziherrschaft in Budapest. Aus der Flucht, die für wenige Tage vorhergesehen ist, wird ein Aufenthalt, der mehr als ein Jahr lang dauert. Eine Folter für alle, die daran beteiligt sind. Sonia, das Dienstmädchen einer befreundeten Familie, ist die Einzige, die den Keller wann immer sie will betreten und verlassen kann.In Savyon Liebrechts Stück „Sonia Mushkat“, das derzeit im Nestroyhof Hamakom gespielt wird, wird das Publikum Zeuge einer zwischenmenschlichen Tragödie, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Und es wird Zeuge eines veritablen Tabubruchs. In der Geschichte, die das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen dem Oben und dem Unten im sozialen Gefüge mehrfach durcheinander mischt, sind es nicht die Nazis, die an den Pranger gestellt werden. Dass die Familie sich verstecken muss, reicht als Anklage und wird nicht weiter breit ausgewalzt. Vielmehr sind es die Charaktere aller Beteiligten, die nicht nur während ihrer unfreiwillig-freiwilligen Haft eine Wandlung ins Monströse erfahren. Je mehr das Stück sich seinem Ende nähert, umso deutlicher wird, dass sich das Unmenschliche, das Lidia an einer Stelle ausschließlich den Umständen des Krieges zuschreibt, schon lange vorher in der Familie seinen Platz gefunden hat.

Katharina-Sara Huhn (Sonia) Sonia Kushkat Katharina-Sara Huhn (Sonia) und Dominik Raneburger (Albert)

Wer dürfte so etwas schreiben, ohne nicht in den Hautgout von Antisemitismus zu gelangen? Wer, außer jenen Menschen, die selbst von den Nazigräueln betroffen waren? Savyon Liebrecht wurde in München als Tochter polnisch-jüdischer Schoah-Überlebender geboren. Aufgewachsen in Israel, gilt sie dort heute als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Dramatikerinnen. Schon einmal, 2011, wurde im Hamakom ein Werk von ihr aufgeführt. Bei „Die Banalität der Liebe“ war wie im jetzt vorliegenden Fall Michael Gruner für die Regie zuständig.

Der führt mit sicherer Hand, ganz dem erzählenden Theater verpflichtet, die Figuren durch alle Höhen und Tiefen. Dabei lässt er mehrfach die Szenerie als stehende Erinnerungsbilder einfrieren und wechselt – durch Licht gekennzeichnet – elegant die Zeitebenen. Lidia, ätherisch schön von Juliane Gruner dargestellt, ist schon lange vor dem Kellerkerker von der Welt in ihren eigenen Kosmos entflohen. Ihre kindliche Entrücktheit, die ihre Schwester permanent auffangen muss, wird nur in jenen Szenen brüchig, in welchen ihr hartes Herz und ihre unbedingte Grausamkeit sichtbar werden. Babett Arens als Paula oszilliert zwischen handfester Zupack-Lady und von ihren erotischen Gefühlen überkommene Tante, die in ihrem Neffen mehr als nur ein Familienmitglied sieht. Dieser schwängert im Keller das Dienstmädchen Sonia, das, wie sich später herausstellt, die Tochter einer Halbschwester von Lidia und Paula ist. Ihre Mutter und schon ihre Großmutter dienten im Haushalt der jüdischen Fabriksbesitzer, die sich in letzter Konsequenz nicht scheuten, sie um jenes Erbe zu bringen, das ihnen per Testament von Lidias und Paulas Vater zugedacht war. Dominik Raneburger und Katharina-Sara Huhn werden ihren Rollen als jugendlicher Verführer und naivem Hausmädchen sehr gerecht. Huhn meistert dabei auch jene schwierige Aufgabe, die Entwicklung zwischen dem willfährigen Geschöpf und der rachelüsternen jungen Frau mitzumachen.

Liebrecht entwickelt in ihrem Stück in geradezu Tschechow´scher Manier ein Kompendium an seelischen Zuständen, die in den Personen selbst zwar angelegt sind, ihren vollen Ausbruch jedoch erst unter dem grauenhaften Ausnahmezustand erleben. Lidia, die – frei nach Brecht – zuerst das Fressen, dann die Moral – ihrem Hunger alles opfert, was ihr bis dahin heilig war, zeigt vor allem auch eines: Egal, welches religiöse oder soziale Mäntelchen den Menschen umgehängt ist, sie reagieren alle gleich, wenn es darum geht, die Primärbedürfnisse zu befriedigen. Einzig die Mutter Sonias – im Stück abwesend und über lange Strecken als langsamer Trampel gekennzeichnet – ist nicht dem allgemeinen Charakterwahnsinn anheimgefallen, der weder Freund noch Feind und auch keine Familie kennt. Sie als Christin ist es, welche die jüdische Familie vor dem Hungertod rettet und danach mit ihrer Tochter einen sozialen Aufstieg erleben darf. Dass sich das Drama jedoch auch in den nun angebrochenen Friedenszeiten fortsetzen wird, zeigt jener allerletzte Auftritt, in welchem der nun junge Vater Albert unverhohlen das neue, junge Dienstmädchen betrachtet, das die Familie nun betreut. Lydia Hofmann zeichnete nicht nur für die Bühne verantwortlich – akzentuiert durch eine lange, mit schwarzem Tischtuch verhangene Tafel, auf der sich allerlei Tafelsilber befindet, sondern agiert auch als kommendes Dienstmädchenopfer, völlig unbeschwert noch in die Zukunft blickend.

Ein – wie für das Hamakom geschriebenes Stück – in dem schauspielerisches Können, unterstützt durch eine feinfühlige Regie – auf einen fulminanten Text trifft.

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