Streiten? Ja, aber richtig!

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Sich immer richtig zu verhalten, wenn die Emotionen hochkochen, man sich verletzt, missverstanden oder unfair behandelt fühlt, ist bestimmt nicht einfach und bedarf beiderseits sogar einer gewissen Form von Weitsicht, Reife und Erfahrung.

Bin ich mir über mögliche kurz- und langfristige Konsequenzen meiner Worte und meines Handelns bewusst?

Was vermittle ich damit meinem Partner?

Und ist es Ziel führend, was ich da tu und sage?

Was ist denn eigentlich mein Ziel?

Dennoch ist ein „richtiges“ Streiten nicht nur ausschlaggebend für die Lösung eines Problems sondern auch bezeichnend und richtungsweisend für die (weitere) Beziehung.

2 Ausnahmen

In nahezu jeder Partnerschaft kommt es hin und wieder vor, dass man sich streitet. Zugegeben, es gibt auch die beiden Extreme, die entweder nie streiten oder aber über jede Kleinigkeit:

  • Bei erstem Extrem wird diese Art der Kommunikation meist aus tiefem Harmoniebedürfnis und Verlustängsten vollkommen vermieden. Diese Paare bewerten Streit ausschließlich als negativ, was jedoch irgendwann zur Folge haben kann, dass sich die Unzufriedenheit aufstaut, sich in Wut verwandelt und letztlich zu einer Eskalation führt, die die Beziehung grundlegend erschüttert oder gar zerstört.
  • Das zweite Extrem zeigt hingegen, dass man sich weniger den Streit auslösenden Dingen widmen sollte als mehr der Frage, was den permanenten Auseinandersetzungen zugrunde liegt. Sind es vielleicht Machtspiele? Alte Konflikte, die nicht oder unzulänglich geklärt wurden? Oder fühlt man sich zu wenig beachtet, bevormundet oder eingeengt in der Partnerschaft?
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Explosions – The Mary Onettes

Abgesehen von diesen Ausnahmen, möchte ich mich aber im Wesentlichen dem Streiten in einer grundsätzlich gesunden Beziehung widmen.

Psychologen der neuen Schule

Sie gehen davon weg, immer sachlich und ruhig zu bleiben und ja keine Kritik am anderen äußern zu dürfen. Sie betrachten das Streiten als normalen und wichtigen Teil des Alltags, bei dem man dem Partner schon mal zeigen darf, dass man gekränkt ist. Sie unterscheiden 4 verschiedene Konfliktlösungsstile, wobei 1 davon lösungsorientiert ist, jedoch 3 davon so schädlich für die Beziehung sind, dass man lieber die Finger von ihnen lassen sollte, weil sie weit weniger zu einer Lösung beitragen, als viel mehr zu einer Verhärtung.

Zu dieser Kategorie „Hochrisiko-Beziehungsverhalten“ gehören den Psychologen zufolge:

1. Sehr kämpferisch sein

Ein Augenrollen hier, eine zynische Bemerkung da, ein persönlicher Angriff dort. Abwertende Gestik und Mimik sowie Beleidigungen rühren oft daher, den Partner dominieren zu wollen. Bei diesem Muster existiert in dem Moment kein gemeinsames, wertschätzendes „wir“ mehr sondern nur ein „ich“ auf der einen Gefechtsstation und ein gegnerisches „du“ auf der anderen. Man befindet sich plötzlich am Schauplatz eines Krieges, bei dem Non- und Verbales als Waffe gegen den eigenen Partner eingesetzt wird. Hinterher (wieder) in eine respekt- und liebevolle Beziehung zurückfinden? Uff.

Es ist schwer, in einem Jahr einen Freund zu gewinnen. Es ist leicht, ihn in einer Stunde zu verlieren.

2. Rückzug antreten

Weniger aggressiv, aber kein minderes Gift für die Beziehung, ist der Rückzug. Nach Absprache mal kurz den Raum verlassen, frische Luft schnappen, um bald darauf mit einem klaren Kopf und mit überlegten Worten zurück zu kommen, ist völlig in Ordnung. Es kann konstruktiver sein als sich ohne Gedankenpause gegenseitig immer mehr hochzuschaukeln und im Eifer des Gefechts womöglich Dinge zu sagen oder zu tun, die hinterher schwer wieder zurückzunehmen sind.

Gefährlich wird es hingegen bei einem Rückzug, der einem „ich bin dann mal weg“ gleichkommt. Ein Partner entscheidet dabei zu gehen und auch vorerst nicht mehr wieder zu kommen. Auch hierbei wird der andere Partner dominiert, indem der gehende Part den anderen handlungsunfähig zurücklässt und alleine darüber entscheidet, wann, wie und wo man sich wieder dem Konflikt annehmen wird. Gut möglich, dass solche Alleingänge dazu führen, dass der Zurückgelassene dem Flüchtling irgendwann die abermalige Rückkehr verwehrt.

Ganz nach dem Motto: du bist einfach gegangen als es schwierig wurde und ich dich zur Lösung gebraucht hätte, nun bleib auch dort.

3. Zu große Nachgiebigkeit

Wer seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse des Friedens Willen leugnet, erreicht auch vorübergehenden Frieden, aber keineswegs die Lösung des Konflikts. Auch das ist eine Form von Rückzug, die hier aber meist ein Ausdruck von Selbstschutz, geringem Selbstwertgefühl und Verlustängsten ist. Wie beim erst genannten Extrem, dem niemals streitenden Paar, staut sich dabei Frust und Groll an, was über kurz oder lang vermutlich zum Scheitern der Beziehung führt. Oder aber zu erhöhtem Blutdruck und einem ausgewachsenen Magengeschwür^^

Wie nun aber ist streiten möglich, ohne der Beziehung zu schaden
sondern bestenfalls dadurch sogar eine reinigende Wirkung und
Festigung der Partnerschaft zu erzielen?

Die 10 goldenen Regeln

1. Vergangenes ruhen lassen

Es ist alles andere als förderlich für die Lösungsfindung, Altes aufzuwärmen. Gleiches gilt für den Vergleich mit anderen oder gar mit verflossenen Partnern. Konzentriere dich auf die aktuelle Situation.

Ist eine Sache schon geschehen, dann rede nicht mehr darüber. Es ist schwer, verschüttetes Wasser wieder einzusammeln.

2. Beleidigungen vermeiden

Ob eine abwertende Mimik oder verbale Beleidigungen und Provokationen, sie lassen kein „richtiges“ Streiten zu sondern verlagern es auf eine destruktive, feindliche und verletzende Ebene.

3. Privatsache

Ein Streitgespräch sollte stets unter vier Augen geführt werden. Weder im Beisein von Kindern noch von Familie und Freunden. Für Kinder kann dies belastend sein. Ein öffentliches Streiten vor anderen, schwächt das Paar oft zusätzlich.

4. Zuhören

Richtiges Zuhören beginnt mit dem ausreden lassen – auch wenn oder gerade wenn man nur seine eigenen Argumente als die richtigen betrachtet.

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Higher – Creed

5. Zeit

Eine Lösung für ein Problem zwischen Tür und Angel finden? Kaum möglich. Für ein konstruktives Gespräch braucht es genügend Zeit.

6. Der Sender ist immer Schuld?

“Wenn ich etwas falsch verstehe, liegt es einzig an dir!” Nein. Viele Faktoren, die allein den Empfänger betreffen können, wie eine destruktive Grundhaltung, negative Erfahrungen in der Vergangenheit, angestauter Frust oder sogar einfach nur ein schlechter Tag, können dazu beitragen, dass man auch 100 Male wiederholen kann, dass man ein schwarzes Pferd gesehen hat und der andere doch immer wieder versteht: “Ich hab ein weißes Pferd gesehen.”

7. Ein (gemeinsames) Ziel

Das sollten nicht das Dominieren des Partners sein, ein Wettstreit, wer die besseren Argumente hat und auch nicht das Siegen über ihn. Mein Partner = mein Freund. Und nicht mein Feind. Er ist mir im Grunde wohlgesonnen, also besteht kein Grund, um in Gefechtsposition zu gehen. Der Fokus sollte auf einer Lösung bzw. eines Kompromisses liegen und nicht auf dem Bekämpfen des eigenen Freundes.

Wer wütend ist, verbrennt oft das Holz an einem Tag, das er in vielen Jahren gesammelt hat.

8. Es tut mit leid

Schwächen und Fehler zuzugeben und sich zu entschuldigen, zeugt von Stärke und der Bereitschaft, sich weiter zu entwickeln und dazu zu lernen.

9. Gefühle und Wahrnehmung

Du bist nicht ich und ich bin nicht du. Gefühle und Wahrnehmung werden subjektiv empfunden. Nicht umsonst ist die Rede von einer Selbst- und einer Fremdwahrnehmung mit den daraus resultierenden Gefühlen. Beides existiert und hat seine Berechtigung. Es wird dich und deinen Partner nicht weiter bringen, wenn du sein dir mitgeteiltes Gefühl und seine Wahrnehmung in Frage stellst oder sogar als falsch oder lächerlich abtust. Im Gegenteil. Es wird ihn verletzen und er fühlt sich unverstanden. Denn selbst wenn du eine andere Wahrnehmung der Situation bzw. des Problems hast, so ist seine eigene ebenso real wie deine. Respektiere und nimm Gefühle und Wahrnehmung deines Partners genauso ernst wie deine eigenen. Das ist die Basis für ein besseres Verständnis füreinander. Und der nächste Schritt:

10. Perspektivenwechsel

Frag nach, hör zu und versuch dich doch mal in seine Lage zu versetzen. Kritik kann berechtigt oder unberechtigt sein – jenachdem aus welcher Sicht betrachtet. Oft hilft es, die Perspektive zu wechseln, um sich bewusst machen zu können, dass auch der andere durchaus Recht hat und es letztendlich gar nicht darum geht.

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Es geht meist nicht um Recht oder Unrecht haben. Sondern um die Lösung eines Konfliktes. Wenn man es sich zur gemeinsamen Verantwortung und Aufgabe macht, aktiv und konstruktiv eine Lösung für das Problem zu finden, ist man nicht nur dieser schon einen ganzen Schritt näher – auch dem Partner selbst.

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Save Me – The Storys

Es gibt kaum ein Gefühl, das mehr stärkt, verbindet und festigt…
als das des Miteinanders. Selbst im Streit.

Quellen unter anderem: zeit.de/zeit-wissen, zeitblueten.com, partnerschaft-beziehung.de, “33 und eine Form der Partnerschaft” von Nossrat Peseschkian, “Menschenkenntnis” von Alfred Adler usw.