Sternenzeit - Kurzgeschichte von Rolf Unterfenger und Lothar Seidler

Sternenzeit - Kurzgeschichte von Rolf Unterfenger und Lothar Seidler
Hans fror. Er hatte sich außerhalb des Bahnhofs platziert, da innen das Rauchen verboten war, mit Blick zum Haupteingang. Hinter sich hörte er an der Haltestelle Straßenbahnen abbremsen und wieder anfahren. Normalerweise machten ihm Aufträge dieser Art nichts aus, aber heute waren es mal wieder unbezahlte Überstunden, noch dazu am Feiertag. Der Tag begann, in die Dämmerung überzugehen.
Zugegeben, es gibt keinen Grund sich am 6-ten Januar auf dem Heidelberger Hauptbahnhof herumzutreiben. Begreiflich allerdings, dass man – hier also ich – keine Lust auf Feiertags-Innenstadt-Spaziergänger hat und somit seinen eigenen Bewegungsdrang an solch einem, als universell zu betrachtenden Ort ausleben will, wie eben Bahnhöfe, Botanische Gärten, Uni-Gelände oder ähnliche es sind.
Also jetzt Bahnhof; gleich rechts erst mal eine Brezel kaufen und dabei aufwärmen von den Minusgraden draußen. Die Brezel wird sukzessive in Stücke zerlegt und bedächtig gekaut im Rhythmus der Schlenderbeine. Die Augen sind auf »nichts zu suchen« eingestellt; aber gerade dann wird üblicherweise etwas gefunden.
Hier und heute nun in der Auslage der Zeitschriftenhandlung »Schmitt« die Ausgabe 1-2003 des Magazins »Sterne und Weltraum« mit dem Aufmacher »Einhorn – ein Juwel am Winterhimmel«. Zugegeben, ich bin weder Physiker noch Hobbyastronom, aber durchaus von universeller Neugierde getrieben. So kommt es immer wieder vor, dass ich allerhand Themenmagazine erwerbe, so etwa von A wie »Astrologie« bis Y wie »Yoga«.
Hans sah auf die Uhr und zündete eine Zigarette an. Das Plakat, das er vor sich hielt, war auf einem Pappkarton festgeklebt. Bis jetzt hatte ihn noch niemand angesprochen, nicht einmal die Leute vom Sicherheitsdienst hatten sich blicken lassen. Menschen eilten an ihm vorbei, umströmten ihn von hinten und von vorn, Erstere mehr rechts vorbei, die anderen mehr links. Gelegentlich gab es auch Irrläufer gegen den Strom, die dann im Zick-Zack-Kurs ihren Weg suchten und vermeintlich viel schneller vorwärts kamen. Hans stellte ein wirksames Hindernis dar, sodass er wenigstens sicher sein konnte, nicht übersehen zu werden.
Weiter geht es mit dem Heft in der Jackentasche »Zu den Zügen«. Zumindest streune ich ein wenig in der Gleisüberführungshalle herum, während unter mir, auf Gleis 5, der Intercity 2296 von Salzburg über München, Augsburg, Ulm, Stuttgart nach Frankfurt einfährt; 16:45 Uhr.
Derweil ich mir die Ankommenden aus dem tiefen Südosten so betrachte, fallen mir drei Gestalten besonders auf, wie sie langsam und unsicher die Treppe emporklettern. Auffällig ist erstens, dass sie entgegen der Mehrzahl ortskundiger Reisender bei der Treppe nicht den nördlichen Aufgang, sondern den gegenüberliegenden benutzen, der jedoch gebäudetechnisch in eine Sackgasse führt. Zum Zweiten ihre etwas fremdländisch exotische Erscheinung. Die Kleidung erinnert an Kaftane und ähnliche folkloristische Moden; die Gesichtsformen und -farben lassen an Nordafrika, Arabien und Persien denken. Wer lange genug mit offenen Augen durch Heidelberg geht, entwickelt für solch ethnische Feinheiten durchaus ein gewisses Gespür, wenn der einzelne Fall vielleicht auch nicht immer genau begründbar sein mag.
Über diesen Gedanken haben die drei Herren den rechten Weg zur Bahnhofshalle gefunden, und ich hinterher in gemessenem Abstand. Dabei fällt mir eine weitere Besonderheit an den Reisenden auf: Neben den üblichen Reiseutensilien wie Koffer, Rucksack, Fototasche tragen sie noch besondere Behältnisse mit sich. Der Eine trägt eine unförmige Holzkiste mit Henkel, der Zweite einen in die Länge gezogenen Metallkoffer und der Dritte eine fast einen Meter lange, zylindrische Tragetasche. »Für eine abgesägte Oboe könnte sie reichen« fällt mir ein, aber diese Musikinstrumententhese gebe ich gleich wieder auf, denn solche Futterale sieht man öfter und sie sind doch etwas vertrauter als diese Gefäße.
Hans dachte an Lena und ihre Kleine, die er nun endlich einmal sehen wollte. Sobald er seinen Auftrag erledigt hatte, würde er sie besuchen und sich mithilfe von Lenas Kräutertee aufwärmen und entspannen. Sie servierte den Tee, der Kardamom und andere besondere Gewürze enthielt, immer in den Tassen mit Goldrand und brannte dazu ein Räucherstäbchen an. Eigentlich hatte er den Besuch schon viel früher am Nachmittag machen wollen, damit die Kleine wach war, wenn er kam, aber sein Kollege Mark hatte sich krank gemeldet. So war der Chef darauf gekommen, Hans am Feiertag zu Hause anzurufen. Es gab zwar noch einige andere Leute am Institut, aber die waren wohl alle nicht verfügbar. Und Hans hatte mit der Veranstaltung eigentlich gar nichts zu tun. Sie haben aber doch Zeit, Sie sind Junggeselle, hatte der Chef gemeint. Hans dachte an das Observatorium auf dem Cerro Paranal. So ein Forschungsaufenthalt in Chile wäre schon hilfreich für seine wissenschaftliche Laufbahn. Und deshalb stand er jetzt hier, damit der Chef einen guten Eindruck von ihm bekam? Wenn Hans nach einem Jahr zurückkehren würde, wäre Lenas Kleine schon ein schönes Stück gewachsen.
Mittlerweile ist die kleine Gruppe in der Bahnhofshalle angelangt und steht vor den Auslagen der Geschenkeboutike. Und siehe da, auch den zwei Herren von der Bahnsicherheit sind die Drei, insbesondere deren Koffer, aufgefallen; sie deuten, sehen sich an und treten dann zielbewusst an die Gruppe heran, die sich mittlerweile zu dem Großweihnachtsbaum in der Halle weiterbewegt hat. Dort setzen sie ihre Lasten ab und kramen diverse Papiere, wohl auch eine Karte hervor, als sie von den Sicherheitsexperten angesprochen werden. Verstehen kann ich zwar nichts, denn ich stehe etwas zu weit weg; aus den Gesten ist jedoch herauszulesen, dass der Einblick in die vorgezeigten Papiere die Besorgnisse der BSG-Herren zerstreuen. Außerdem scheinen diese nun zu einer fremdenführerischen Beratung überzugehen. Die endet damit, dass sie die kleine Fremdengruppe zum nächstliegenden Seitenausgang hinausbedeuten.
Hans hatte fertig geraucht und trat die Kippe auf dem Boden aus. Er überlegte, ob er eine Runde durch den Bahnhof drehen sollte, andererseits hatte sein Chef mehrmals wiederholt, dass es am allerbesten sei, wenn er sich am Haupteingang aufstellte. Also blieb Hans dort stehen, obwohl er weiterhin fror.
Während der gesamten Szenerie brennt die Neugierde unter meiner Hirnschale wie tausend Feuer. Also links um den Tannenbaum herum den dreien nach. Sich immer wieder umblickend stehen bleibend gehen sie Richtung stadteinwärts, bis sie völlig überraschend an einer Bushaltestelle den Aushang studieren. Kaum dass ich die Szene recht erfasst habe, kommen sie mir auch schon entgegen, lamentierend, mich fast über den Haufen rennend. Ich nehme also auch den Busfahrplan in Augenschein und erfahre: Linie 21 zum Königstuhl über Römerstraße, Drei Eichen, Sternwarte; fährt aber nur einmal am Tag, frühmorgens. Deswegen waren die drei so genervt! Wie war das, »Sternwarte«? Dort war ich zwar noch nicht, aber aus meinen umfänglichen, mehrjährigen Heidelberger Stadtplan-Recherchen weiß ich, dass es dort auch ein Max Planck Institut für Astronomie gibt – interessant fürwahr. Womit die ominösen Koffer eine völlig neue Deutung erhalten hätten. Apropos »Koffer« – wo sind denn meine drei Spezialisten abgeblieben? Schnell hinterher, zurück zum Bahnhof. Doch als ich wieder die vierspurige Stadtstraße überquere, sehe ich sie gerade noch in ein Taxi steigen und dahinfahren.
Wieder in den Bahnhof, diesmal durch einen Osteingang und aus lauter Langeweile in das Reisezentrum, die Streckenfahrpläne inspizieren, auch einen, zwei davon einstecken, denn seit der Fahrplanumstellung vor drei Wochen haben die Herren Oberbahner lieb gewordene Verbindungen auf das Übelste verbogen oder gar gekappt.
Hans blickte ein weiteres Mal auf die Uhr und stellte fest, dass der Zug eigentlich schon längst angekommen sein musste. Er zündete eine weitere Zigarette an. Wenn er die aufgeraucht hatte, sollte es genug sein mit dem Warten. Er würde noch schnell bei der Auskunft nachfragen und bei pünktlicher Ankunft des Zuges beschließen, dass die drei Ehrengäste diesen wohl verpasst hatten. Aber Lenas Tochter würde dann schon schlafen. Ein Mann mit irgendwie interessiertem Gesichtsausdruck näherte sich der Stelle, wo Hans stand. Aber der kam keinesfalls in Frage. Er warf auch nur einen kurzen Blick auf das Schild und war schon an Hans vorbei.
Nun raus aus dem Reisezentrum und links herum zum »Ausgang Nord«, wo die Straßenbahnen abfahren. Stopp – was sehe ich da? Ein Mensch meines Alters steht da, ein Plakat in der Hand, wohl um ankommende Reisende suchend herauszufiltern. »MPI für Astronomie« steht da zu lesen, auch »Int. Symposion: Sternen-Konjunktionen besser vorhersagen und beobachten.«
Ich bin böse, ich sage nichts und schlendere Richtung warmer Wohnung.
Sternenzeit - Kurzgeschichte von Rolf Unterfenger und Lothar Seidler
Veröffentlicht in: "FlussAuf FlussAb – Literarisches Treibgut", herausgegeben von der Literatur-Offensive 2014,
ISBN 978-3-931382-55-1
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