Spiel mit dem Körperlosem

Roland Walter war Veranstalter des Abends, der Raum war brummend voll. Auf der Künstlerrampe kündigt Moderator und Rollstuhlfahrer Matthias Vernaldi die Schauspielerin an: “Marie ist extrem professionell, hat eine hohe Ausdruckskraft und kann mehrere Körper sichtbar machen.” Es war das erste Mal, dass ich die junge Frau Golücke sehen würde, ich wartete gespannt.

Da hopste sie aus dem Dunkeln hervor, in einem kurzen schwarzen Kleidchen. Ein körperlich behinderter Mann, Roland Walter, lag auf dem Boden. In diesem Moment erinnerte ich mich an all die Performer und Tänzer, die genau das versuchen darzustellen: die verlorene Kontrolle um den Körper, mit verzerrten Bewegungen, Zuckungen. Und hier war jemand, der das gar nicht darstellte, sondern eben so ist. Roland Walter ist seit 2010 als Choreograf, Tänzer und Performer tätig.

Marie Golücke // Ackerstadtpalast

Roland’s Künstlerrampe, Montag, 24.02.2014

Eine Stimme ertönte über die Lautsprecher. Ich nahm den Versuch wahr, zu verstehen, was er da sprach, und mich zu ärgern, dass ich nichts verstehen konnte, doch ich entspannte mich. Das Wort “Mitleid” kam ganz klar heraus für mich. Marie teilte den Raum sehr respektvoll mit dem Mann, gekleidet in schwarzer Jogginghose und T-Shirt, auf dem Boden umher rollend. Ich fragte mich, wie sie wohl die Choreografie zusammen eingeübt hatten und konnte gar nicht glauben, wie das möglich gewesen war. Darüber war ich überrascht und ließ diese Intimität auf mich wirken, wie sie so ungewohnt und teilweise verstörend auf mich einwirkte.

Das Publikum bestand zum größten Teil aus Frauen, vielen jungen Mädchen. Als wir in der zweiten Hälfte der Performance auf die Bühne gebeten wurden, hatte ich ich den Eindruck, dass es ihnen gut tat, Sexualität, Nacktheit und Intimität ohne Wertung zu sehen. Marie und Roland hatten da etwas Unglaubliches gezeigt. All die Schablonen, wie wir sexuelle Interaktion, Beziehung und Werte betrachten, fielen weg und waren schlichtweg ungültig, falsch, in diesem Moment. Was für eine Erleichterung und Befreiung.

“Ich bin auch da, wo ihr seid,” sprach Roland’s undeutliche Stimme, und Marie sprach sie nach, wieder als Tonbandaufnahme. Sie zog seinen Körper über die Bühne und legte sich zu ihm, zog ihn aus, streifte sich seine Klamotten über, nachdem sie sich selbst bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte. Diese Szene als pervers und geschmacklos zu betrachten, ja, das sind wir so gewohnt. Doch hier war kein Wort davon zu hören, nur das zu sehen, was ist, zu hören, wie es empfunden wurde.

Und es war wunderbar. All unsere eigenen sexuellen Gefühle und Gedanken kamen hoch: Scham, Sex, Ekel, Erregung. Ein Vater hielt seine junge Tochter in den Armen, voller Erschaudern, das mit ihr zusammen zu sehen, doch sie hatten keine Wahl. Und es tat den beiden gut, hier nicht weg zu schauen. Das, was man empfand, tauschte man vielleicht nachher in Worten aus oder eben nicht. Auf die Bewertungsmaschinerie, die wir antrainiert haben, können wir uns einlassen, oder eben nicht. Diese Wahl steht uns frei.

Ich bin sehr dankbar über die Möglichkeit, diese einzigartige Performance als Publikumserlebnis erfahren zu haben und die Chance zu bekommen, mein eigenes Schubladendenken- und fühlen aufwühlend und genussvoll zu konfrontieren. EAT LOVE PUKE geht auf Tour und wird als nächstes gezeigt in der GalerieOutOfMyMind in Bremen am 22./23.03.2014 und am 24.03.2014 noch einmal im Ackerstadtpalast in Berlin. “Paradies : Glaube” von Ulrich Seidel, oder die Performance “Liquid Skin” von James Cunningham lassen grüßen.


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