Spanische Treppe Rom: Verblasster Mythos

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Spanische Treppe Rom: Verblasster Mythos

In wenigen Wochen geht es wieder einmal für ein paar Tage in die Ewige Stadt, diesmal über den Jahreswechsel. Im Zuge der Vorbereitungen auf diesen Citytrip nach Rom stieß ich auf eine interessante Reiseführer-Neuerscheinung aus dem Michael Müller Verlag. Nach kurzer Rücksprache mit dem Verlag darf ich meinen Lesern hier im Reiseblog einen lesenswerten Auszug über die Spanische Treppe im Wandel der Zeit veröffentlichen. Warum ausgerechnet dieses Kapitel? Nun beim letzten Mal stand ich vor einer Glaswand als ich diese legendären Stufen erklimmen wollte…

Ein Päuschen auf der Spanischen Treppe…

+ + + Steckbrief + + +

  • WO? Piazza di Spagna, Scalinata di Trinità dei Monti – Metro A Spagna
  • WANN? Jederzeit
  • WIE LANGE? Nach Belieben
  • WIE VIEL? Kostenlos – solange man sich an die Regeln hält und somit auch kein Ticket kassiert

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, dass früher alles besser war. Früher sagte man: „Alles o.k.“ Heute ist „alles gut“, auch wenn nix gut ist, was aber noch lange nicht heißt, dass es früher besser war. Es bleibt nur alles anders. Vielstimmig kleckern Kaskaden von Lachen die Stufen herunter. Das zumindest war früher ebenso. Ich erinnere mich aber auch an Schwaden von sehr würzigem Rauch, die die Gruppen meist eher junger Menschen einhüllten. Und die Lambrusco-Flaschen kreisten. Treppauf, treppab ein vielsprachiger Chor, während Klampfen klampften und junge Sänger – mehr oder weniger talentiert, aber immer mit Begeisterung – sich an „Blowing in the Wind“ oder „Volare“ versuchen.

Die Spanische Treppe war für alle unter 30 „the place to be“, wie man heute sagt. Hier traf man sich, verabredete sich und wartete aufeinander in fast vergessenen Zeiten, als WhatsApp noch „Pinnwand“ hieß.

Das Ensemble ist aber auch bildhübsch: Von der Piazza di Spagna mit Fontana della Barcaccia – für uns in der schlichten Eleganz seiner Barke einer der schönsten Brunnen der Stadt – steigt die weitläufige Treppe hinauf, um von der Santissima Trinità dei Monti gekrönt zu werden.

Das war nicht immer so: Bis ins frühe 18. Jahrhundert erstreckte sich unterhalb der Dreifaltigkeitskirche eine wilde Brache. Eine Schande!, befand der Papst, und gab die ausladenden Stufen in Auftrag. Schon mit Fertigstellung 1726 wurde die Spanische Treppe zu einem Wahrzeichen der Stadt und bald auch zu einem Treffpunkt für Rom-Touristen. Als ein unbekannter Maler aus Deutschland namens Filippo Möller (also Goethe) in Rom weilte, lebte er ganz in der Nähe. Weil alle hier lebten. Auch der romantische Dichter John Keats wählte ein Appartement mit Blick auf die Spanische Treppe. Mit der Popularität begannen die Massen zu pilgern, und den Massen auf den Fersen folgten Verschleiß und Schmutz.

Die Treppe musste renoviert werden. Aber ach, die Stadt war wie immer klamm. Also sprang der örtliche Nobeljuwelier Bulgari werbewirksam ein, um die dreckigen Stufen edelzukärchern – seither platzieren sich die Hintern aus aller Welt auf neuem Glanz.

Eben noch standen wir – zugegebenermaßen auch ein wenig staunend – vor einem Schild, mit dem uns die Stadtverwaltung darauf hinweist, was nicht erlaubt ist. Picknicken: verboten! Nickerchen machen: verboten! Wein trinken: ohnehin verboten – nicht auszudenken, wenn die frisch polierte Treppe Rotweinränder bekäme! Singen – Sie ahnen es: auch verboten!

Puh. Und trotzdem gehört es halt irgendwie dazu: sich auf der Spanischen Treppe ein bisschen die Zeit zu vertreiben. Also sind wir die Treppe hinaufgestiegen und
sitzen nun ganz oben auf den warmen Stufen, mit Blick auf die Kuppeln der Stadt. Ein polyglottes Stimmengewirr schnurrt um uns herum. Ein Stück unter uns eskaliert beinahe ein Selfie-Stick-Duell. Dennoch kommen wir schnell zur Ruhe und blinzeln träge in die Sonne. Am Ende bleiben wir doch eine ganze Weile sitzen, genießen den Nachmittag, während wir über vergangene Zeiten sinnieren. Sie kommen nicht wieder. Dafür kommen andere.

Nachtrag: Wenige Tage vor Drucklegung dieses Buches erreichte uns die Nachricht, dass aus dem römischen Rathaus folgender Erlass erging: Sitzen auf der Spanischen Treppe: verboten! Widerstand regt sich, doch drohen bei Sit-ins empfindliche Strafen, Ordnungshüter patrouillieren.

Tja, Zeiten ändern sich…

Spanische Treppe – wenn man schon mal hier ist:

(Window-)Shopping: Entlang der Via dei Condotti präsentieren die handelsüblichen Luxuslabels ihre sündteuren Waren in der Auslage. Wer das Kreditkartenlimit schonen will, findet in der langen Via del Corso gleich um die Ecke die römische Shoppingmeile für Normalbetuchte schlechthin.

Disclaimer: Dieser Text über die spanische Treppe in Rom stammt aus dem Reiseführer Rom – Stadtabenteuer von Sabine Becht und Sven Talaron Die Illustrationen stammen von Berit Kröner, das Foto im Header ebenfalls aus dem Buch. Die Veröffentlichung dieses Kapitels erfolgt mir freundlicher Genehmigung des Michael Müller Verlages. Es erfolgte keine Bezahlung.

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