Solidarität mit Beirut, Bagdad und Karachi! Ein Kommentar

Manche mögen es heiß. Und manche lernen es nie. Der lakonische Ton möge verziehen werden, aber die Reaktionen auf den Terror in Paris dokumentieren in vielerlei Hinsicht den Gemütszustand des Westens, und der ist doch etwas besorgniserregend. Während sich der staatlich alimentierte Journalismus in der Berichterstattung über Nichtigkeiten regelrecht ergötzt, aber somit allen Konsumenten suggeriert, sie befänden sich in der Rolle von Ermittlern, fällt die politische Analyse dessen, was im 10. Pariser Arrondissement mit voller Wucht gewirkt hat, geflissentlich unter den Tisch. Und um ehrlich zu sein: Es wäre auch fatal!

Brunnendenkmal-Karlsruhe-Helene Souza_pixelio.de

Brunnendenkmal in Karlsruhe – Foto: © Helene Souza / pixelio.de

Dagegen wird der Verlust, der durch den Terror verursacht wurde, in allen Kanälen und sozialen Netzwerken regelrecht gefeiert. Denn die Geschehnisse eignen sich, zumindest in der westlichen Welt, um für eine Nanosekunde das zu begründen, was dort bereits seit langem nur noch ein schlechter Scherz zu sein scheint: Gemeinschaft. Plötzlich und für einen Augenblick sind alle Paris, und die eigenen Bilder erscheinen im Farbglanz der Trikolore. Und, um es ganz klar zu sagen: Als Suche nach Gemeinschaft und als Zeichen der Solidarität ist es menschlich und sympathisch, als politisches Signal ist es naiv.

Bereits nach dem 11. September wurde in der muslimischen Welt heftig über den so genannten islamistischen Terror diskutiert und gestritten. Hätte man im Westen gut zugehört, könnte die Welt heute ein Stück weiter sein. Die meisten Opfer des islamistischen Terrors weltweit haben die Muslime zu beklagen. Das, was am Freitag, den 13. in Paris vorgefallen ist, passiert regelmäßig in Beirut, in Bagdad oder Karachi. Die Liste der dann zu beklagenden Toten lesen die chicen Journalistinnen, die jetzt den Tränen nahe sind, wie kaltschnäuzige Broker des Todes vor. Die muslimische Welt weiß um die Zusammenhänge von Terror, den sie ablehnt, und der politischen Macht, die ihn immer wieder inszeniert und hervorbringt. Und die Bündnispartner des Westens sind zumeist diese Kräfte. Die Achse gegen den Terror, die George W. Bush nach dem 11. September schuf, war ein Who is Who des Terrorismus gegen das jeweils eigene Volk, ein Bündnis von Schurkenstaaten, das bei den moderaten, sich nach demokratischen Staatsformen sehnenden Muslimen dieser Welt nur Kopfschütteln und Enttäuschung hervorgebracht hat.

Bitte, versetzen Sie sich in die Situation derer, die mit dem Terror seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten leben. Wie gesagt, stellen Sie sich vor, sie seinen Bürgerinnen oder Bürger aus Beirut, aus Bagdad, aus Aleppo, aus Karachi oder Kabul. Sie alle haben in der Familien- und/oder im Bekanntenkreis mehrere Opfer des Terrors zu beklagen. Sie leben mit dem Terror, und sie leben sehr eingeschränkt, und obwohl sie eingeschränkt leben, schlägt der Terror immer wieder zu, ohne Ankündigung, ohne Begründung und für Sie ohne Sinn. Und nun schauen Sie Al Jazira, BBC oder CNN und sehen, was im Westen nach dem Terror zu Paris passiert. Sie hören die Erklärungen, dass das alles abscheulich und feige ist, dass dort, wo diese Schergen auftauchen, die Zivilisation am Ende ist, und dass nun der Krieg erklärt sei. Sie, die Sie das seit der eigenen Einschulung nicht anders kennen, sie hören jetzt, nach Paris, ist Schluss?

Sie, Bürgerinnen und Bürger der vom Terrorismus seit Jahren geschändeten Städte, sie werden tiefes Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörige in Paris haben, denn Sie wissen, wie das ist. Aber je länger sie hinschauen, desto mehr beschleicht sie das Gefühl, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. Und das ist nicht das erste Mal!

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Quellen – weiterführende Links

Brunnendenkmal in Karlsruhe – Foto: © Helene Souza / pixelio.de


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