Social Media und Entropie

In diesem Artikel beschäftige ich mich mit dem namensgebenden Phänomen dieses Blogs, oder besser gesagt dem überkomplexen Begriff der Entropie und dessen Verbindung zum Web 2.0.

Von jurvetson via flickr 
Visualisierte Ausbreitung des Internet von Beginn an (Seit Arpanet) Quelle: jurvetson via flickr

Entropie oder entropy (engl.): Man kann es niemandem verübeln diesen Begriff nicht vollständig zu verstehen, da er verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven entstammt und die geistes-wissenschaftliche Füllung des Begriffs erst nach der naturwissenschaftlichen erfolgte. Ein paar Herleitungen der Entropie findet Ihr auf unser Seite: „Was ist ntropy?“, zusammengetragen von Kollege „Phire“: Angefangen mit dem postmodernen Bedeutungsgehalt der Entropie im Sinne eines „alles schon einmal da gewesen“ ergo „jegliche Kreation ist nur noch referentiell und hybrid“, stellt Phire hier voll allem heraus, das Entropie als ein Überangebot an Information zu verstehen sei. Eine Unordnung, die zu dem Lehrsatz/Theorem  führt: Je höher die Entropie, desto höher ist der Informationsverlust. Denn je mehr Informationen zu einem Thema bereitstehen, desto geringer ist die Chance, diese in ihrer Ganzheit und Komplexität zu erfassen. Dieser Zustand der Entropie manifestiert sich in keinem Medium mehr, als in dem (Meta)-Medium Internet.

Seit Wikipedia und Co. die sozialmediale Revolution eingeläutet haben, die sich wohlgemerkt schon viel früher in Form von Internetforen und Bulletin Boards vollzog,  ist zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Wissensschatz für die meisten Menschen mit Internetzugang von einem zentralen Ort abrufbar. Nirgends wird das Überangebot an Information deutlicher als im Internet [siehe Fußnote 1]. In diesem Umfeld, also dem Internet in seiner Form des Web 2.0, bewegen auch wir uns in diesem Moment. Die meisten von uns befinden sich also täglich in einem Medium, das von vielen immer noch als virtuell, also allgemeinverständlich als nicht-real, bezeichnet wird. Innerhalb dieses Mediums haben wir uns kleine Informations- und Wissensinseln geschaffen, die auf sozialen Kontakten und Interessen basieren [siehe Fußnote 2].

Da im Internet am deutlichsten die meist genutzte Suchmaschine Google und das meist genutzte soziale Netzwerk Facebook unser Informationsstreben in die Bahnen seiner spezifischen Algorithmen lenkt, befürchten viele aufmerksame Betrachter des Sozialen im Internet eine Art Filterblase (Filter-Bubble), die uns vom „realen“ Weltgeschehen ablenkt.

Sicherlich eine wichtige Perspektive, die jedoch, wie die meisten Analysen des Web 2.0, vernachlässigt, dass diese Prozesse sich nicht von denen der „Offline-Welt“ unterscheiden. Im Mittelalter lebten die Menschen in einer weitaus kleineren Blase (Filter-Bubble) und waren abhängig von den spärlichen Informationen ihrer  Lehnsherren, der Kirche und einigen Aushängen in ihrem Dorf oder gar einer Stadt. Noch vor der Dominanz des Internets waren die Menschen abhängig von der Zeitung, dem Radio oder des ehemaligen Mediums Nr. 1; dem Fernsehen. Auch hier lenkten einzelne Redakteure und Programmdirektoren den Informationsfluss.

Bemerkenswert ist hierbei aber vor allem ein Fakt: Die veränderte Informationsverteilung bedeutet eine Verschiebung der Herrschaftsverhältnisse von menschlichen Akteuren hin zu technischen. Wir haben uns in die Abhängigkeit komplexer technischer Algorithmen begeben, die wir selbst erschaffen haben, die in ihrer Funktionsweise jedoch bereits selbstständig zu handeln scheinen.

Quelle: http://de.terminator.wikia.com/wiki/Datei:Cyberdyne.jpg
The future is now! Quelle: http://de.terminator.wikia.com/wiki/Datei:Cyberdyne.jpg

Natürlich basieren diese Algorithmen auf unseren sozialen Beziehungen. Jedoch steckt hinter ihnen noch ein weiteres Kalkül: Werbung und Marketing. Facebook, Google und Co. müssen sich finanzieren, um weiterhin agieren zu können. Der Selbsterhaltungstrieb, welcher jeder Institutionen innewohnt, führt zur Abhängigkeit von großen und kleinen Konzernen und Unternehmen, die ihre Marketingbudgets gerne in die neuen Netzwerke umschichten, weil sie hier zielgruppengenauer und ohne große Streuverluste ihre Angebote an den Mann oder die Frau bringen können. Wir können also eine weitere Machtverschiebung konstatieren. Waren in den alten Massenmedien Zeitung, Radio und Fernsehen (zumindest bei den öffentlich-rechtlichen) noch politische Zusammenhänge und Akteure prägend, so sind es nun die Unternehmen des globalen Kapitalismus.

Im nächsten Artikel werde ich mich mit einem weiteren, wissenschaftlich sträflich vernachlässigtem, Phänomen angereichert um die Perspektive der Entropie beschäftigen: Hyperrealität und Entropie


[1] Schon mit dem Verschwinden der Universalgelehrten wie Gottfried Wilhelm Leibniz Anfang des 18. Jahrhunderts, wurde deutlich, wie unüberschaubar und spezialisiert die unterschiedlichen Wissensgebiete werden.  Nicht zuletzt erklärt der Soziologe Émil Durkheim 1893 den Prozess der sozialen Arbeitsteilung und damit folglich auch Wissensteilung  als maßgebend für die Entwicklung der modernen Gesellschaft.
[2] Hierzu ist die Diskussion um den Kampf zwischen interessensbasierten (bspw. Pinterest aber auch Twitter) und sozialen Netzwerken (bspw. Facebook) im Internet interessant: http://techcrunch.com/2012/02/18/beyond-facebook-the-rise-of-interest-based-social-networks/ Müßig zu erwähnen, dass im Zeitalter der Postmoderne und der Entropie beide Arten der Social Media Sites selbstverständlich beide Formen des Netzwerkens beinhalten.


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