skandalon

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Nun, für Biologen ist das nichts Neues. Aber für den Bereich der praktischen Theologie könnte diese Erkenntnis in der Tat ein Novum darstellen. Warum eigentlich?
Während Ende der 90er Jahre der beliebteste missionsstrategische Modebegriff noch zielgruppenorientiert war, lautet das Gebot der Stunde ganzheitlich. Soll heißen: die – biblisch so nicht nachweisbare – Einheit von Körper, Geist und Seele soll gleichermaßen angesprochen werden, Gemeinde muss daher pluralistischer sein und die drei Pfeiler des – ebenfalls außerbiblischen – Begriffes Mission, nämlich Verkündigung, Heilung und Taufe, sowie Diakonie sind absolut gleichbedeutend.
Dass es so einfach nicht ist, hat Volker Gäckle bereits 2010 nachgewiesen (Das Konzept der holistischen Mission im Licht des NT, Evangelikale Missiologie 26, 6-23). Und auch die Praxis zeigt, dass Einheit in Vielfalt all zu oft nur Profillosigkeit im Plural ist. Eine Erfahrung, die bei der Piratenpartei wahrscheinlich noch aussteht.
Nichtsdestotrotz ist der Ansatz, dass es keine Orthodoxie ohne Orthopraxis geben kann, darf und soll, keineswegs verkehrt. Anders ausgedrückt: „innere Mission“ (Diakonie usw.) darf nicht unter der Verkündigung, auch wenn sie dogmatisch noch so einwandfrei sein mag, leiden. Im Gegenteil sollte erstere der letzteren dienen (können). Insofern hat die Heilsarmee die Reihenfolge ganz richtig erkannt: Suppe, Seife, Seelenheil („soup, soap and salvation“).
Ausgesprochen ärgerlich ist aber, dass nicht selten gerade die größten Befürworter ganzheitlicher Konzepte im wahrsten Sinne des Wortes Wasser predigen und Wein trinken.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Alkoholismus in Deutschland eine Epidemie ist. Und dass Beiträge wie Peter Richters Über das Trinken (Goldmann, 2011) nicht sehr hilfreich sind, versteht sich auch von selbst. Schließlich behauptet der Autor einerseits, kein Plädoyer für die Alkoholkrankheit verfasst zu haben, postuliert aber andererseits in einem Werbeclip seines Buches: „Trinken muss zum Rausch führen. Das heißt nicht, dass Sie jetzt torkeln sollen, aber ein bisschen schwanken sollten Sie schon, sonst wäre das schöne Zeug an Sie verschwendet.“ (http://www.amazon.de/%C3%9Cber-das-Trinken-Peter-Richter/dp/3442312027). Würde er sich nur ein wenig mit der Suchtthematik auseinandergesetzt haben, dürfte ihm der Begriff Toleranzentwicklung geläufig und somit klar sein, dass der von ihm propagierte Umgang mit Alkohol über kurz oder lang auf jeden Fall zur Abhängigkeit führt.
Aber Peter Richter ist nicht das Problem. Er ist lediglich ein Wichtigtuer und vielleicht sogar ein Lobbyist. Das Problem ist noch nicht einmal die breite Masse der Gesellschaft, die zwar erkannt hat, dass es sich beim Alkoholismus um eine Krankheit handelt, deren Behandlung aber gerne bezahlten Spezialisten überlässt, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, eigene Verhaltensmuster überdenken zu müssen. Das Problem sind Gemeinden und bisweilen sogar Suchtkrankenhilfeorganisationen, deren Mitglieder bzw. Mitarbeiter ebenso handeln.
Wenn es aber nicht einmal dort gelingt, die Alternative zur Norm zu machen, wie soll dann die transformative Wirkung, von der (nicht nur) die Holistiker gerne reden, überhaupt in der Gesellschaft ankommen?
Dass Politik, Wirtschaft, Industrie und nicht zuletzt Otto Normalverbraucher dahingehend argumentieren, dass schon aus Gründen der eigenen Psychohygiene nicht jedes fremde Problem zum eigenen gemacht werden darf, ist verständlich. Es wäre auch vermessen, von diesen Institutionen bzw. Personen mehr zu erwarten. Aber es ist doch nun einmal der messianische Verhaltenskodex, sich gegenseitig die Lasten zu tragen (vgl. Gal 6,2). Und gemäß 1 Kor 9,22 ist das weit mehr als nur Zuhören, sondern bedeutet selbst schwach zu werden. Denn nur so funktioniert Solidarität. Mit dem Stärkeren kann man sich nicht solidarisieren. Schon der Volksmund sagt: jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Und es ist mit Sicherheit falsch, die schwächeren Glieder einfach aus der Kette zu entfernen und Spezialisten zu überlassen. Erst recht wenn nicht einmal diese Spezialisten dazu bereit sind, schwach zu werden.
Im Gegensatz zu Peter Richter mache ich keinen Hehl daraus, was mein Text ist, nämlich ein Plädoyer für die Abstinenz. Denn diese Solidarität ist nicht etwas, das ich mir von Mitarbeitern in der Suchtkrankenhilfe (z.B. dem Blauen Kreuz) und auch von Gemeinden wünsche, sondern etwas, das ich erwarte.

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