… sie kommen bei Nacht, die K’isimiras!

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Heute im Naturhistorischen Museum, im vierten Stock, da sah ich sie! Dort in den langen durchsichtigen Röhren. Es ist der Museumssaal, in dem an der Decke eine zwei Meter grosse, orangene Milbe hängt und am Fenster ein echter Bienenstock steht.

Ich stehe also vor diesen Röhren, etwa 10cm im Durchmesser und beobachte. Dann schliesse ich die Augen und bin dreissig Jahre zurück, bin wieder der langhaarige Bauer in den Hochanden. Ich hatte den Auftrag einen Mustergarten anzulegen. In jenen Tälern gab es viele Ruinen der Inkas und alte Anbauterrassen, denn alles war sehr steil. In meinen Treibbeeten hatte ich schon über vierzig Gemüsesorten in Anzucht, von Randen bis Kohlköpfen und die kleinen Pflänzchen gediehen – ja es war ne wahre Freude.
Die Blumenkohlsetzlinge konnte ich sofort umsetzten, die Sonne stand schon tief und ich setzte die Pflänzchen, jedes mit etwas Schafmist, auf einer Terrasse, die keine zwei Meter breit war und etwa zehn Meter lang. Noch Angiessen und dann war es dunkel.

Am nächsten Morgen war ich wie immer früh auf, ging auf dem Weg zum Bach am frisch gepflanzten Blumenkohlbeet vorbei – und traute meinen Augen nicht: die etwa hundert Pflänzchen waren verschwunden. Einfach weg. Keine Ziegenspuren, kein Wildschweine hier, kein Wild. Ich überlegte hin und her und konnte es mir nicht erklären.

Gegen acht kam ein Miguel, ein Aymara vom Dorf oben. „Qamisaki“ mein Gruss; er antwortet „Waliki, jumasti?“ „Nayaj walikiraki!“ meine Antwort. Dann fragte ich ihn, was da wohl geheimnisvolles passiert sei, auf der Blumenkohlterrasse? Wir gingen hin. Er grinste, guckte mich so charakteristisch aus den Augenwinkeln an und sagte: „Du weisst das wirklich nicht?!“ Peinlich. Nein. Er zeigte mit den Fingern auf dem Boden auf einen dünnen Trampelpfad, etwa 1 cm breit und blickte mich wieder an: K’isimiras. Ameisen.

Nun betrachte ich wieder die Röhren im Museum. Da gehen sie emsig, die grossen Ameisen. Jede hat ein Stück Blatt, das halten sie wie ein Segel in den Mandibeln, sieht witzig aus, die Kolone. Hier im Museum ist alles so hübsch, man kann den langen Röhren folgen und in ihr Nest blicken, und überall sind noch erklärende Schilder über das geheimnisvolle Leben der Blattschneiderameisen.

Dort in Südamerika war ich natürlich die nächste Nacht auf den Beinen. Mit der Taschenlampe in der Hand. Und bald waren sie gefunden. Natürlich nicht mehr auf der leeren Terrasse. Diese Nacht war ein kleiner Baum dran, dessen Blättchen systematisch gerodet wurden. Ich folgten den tausenden von Fähnchen und fanden ihr Nest, etwa 200 Meter entfernt in einer großen Agave. Am nächsten Tag war traurigerweise Weltuntergang für diese Kolonie – dafür gedieh dann der Garten wieder wundervoll.

BILD
Ameisenland /39cm x 29cm / Aquarell und Tusche auf Papier / 2011, Nr.11-091
Kostet 150.- CHF


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