Seyran Ates – Der Multikulti-Irrtum

[Erstveröffentlichung: 2. Februar 2010]

Seyran Ates – Der Multikulti-IrrtumMeine Besprechung des aktuellen Buches „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ ist noch recht frisch und war rundum positiv. Das davor erschienene, von mir aber als zweites gelesene Buch „Der Multikulti-Irrtum“ ist meiner Meinung nach noch besser. Setzt es sich doch in einem bedeutend umfangreicherem Rahmen mit Fragen der Integration und dem Selbstverständnis der Muslime in Deutschland auseinander.

Gegen dieses Buch haben nicht nur islamische Fundamentalisten protestiert. Sondern auch die politischen Parteien in Deutschland, von denen man meinen sollte, dass sie auf Seiten eines aufgeklärten Islam stehen sollten und von denen man annehmen müsste, dass sie sich mit den Ideen von Integration auseinander setzen sollten. Doch leider wehte ein kalter Wind der Autorin vor allem auch von Links ins Gesicht. Das verwundert aber auch nicht, greift Seyran Ates schon gleich auf den ersten Seiten des Buches auch genau diese an:

Wirkliche Toleranz bedeutet, dass man den anderen, sein Umfeld und seine Kultur kennt und akzeptiert. Sie ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Ignoranz. Viele Deutsche, vor allem viele Linke, glauben noch immer, der Traum von der multikulturellen Gesellschaft werde irgendwann Wirklichkeit, wenn man den Dingen nur ihren Lauf lässt. Doch das ist ein Irrtum. Multikulti, so wie es bisher gelebt wurde, ist organisierte Verantwortungslosigkeit. (Seite 9)

Insbesondere gegen die Partei B90/Die Grünen richten sich ihre Vorwürfe; ist es doch für sie erstaunlich, dass gerade auch eine Partei, in denen Migranten in den Präsidien sitzen, die Augen vor der Realität einer in 40 Jahren gescheiterten Integration verschließen.

Doch Seyran Ates ist fern davon, Vorwürfe in eine Richtung zu machen; so, wie sie die deutsche Politik und deren Versagen in Sachen Integration kritisiert gibt sie auch den Migranten eine Mitschuld am Entstehen von Parallelgesellschaften und der mangelenden Integration. Sie geht in jedem Falle davon aus, dass das deutsche Grundgesetz; sprich: der demokratische Grundkonsens der Gesellschaft, auch für muslimische Migranten gelten muss. Denn zwar gibt es auch von der „urdeutschen“ Bevölkerung die Tendenz zum Ausgrenzen der „Ausländer“; aber umgekehrt auch von den Deutschtürken gegenüber jenen. Ates versucht nicht, hier Ursache und Wirkung zu ergründen – das wäre wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei – sondern Denkanstöße zu geben, wie diese zugegeben unerfreuliche Situation aufzulösen sein könnte.

So haben sich in Deutschland aus den Minderheitsgesellschaften Parallelgesellschaften entwickelt. [...] Ich meine damit tatsächlich eine Gesellschaft, die sich als Konkurrenz und in Abgrenzung zu unserer Mehrheitsgesellschaft gebildet hat und das erklärte Ziel verfolgt, Strukturen der Mehrheitsgesellschaft, die nicht mit der eigenen Kultur vereinbar sind, zu verändern. Die Mehrheitsgesellschaft soll sich den Traditionen und Gewohnheiten der Minderheitengesellschaft anpassen oder gar unterordnen. Wir haben es mit einer sehr starken, selbstbewussten und teilweise ausgesprochen arroganten muslimischen (egal ob praktizierend oder nicht) Gemeinschaft zu tun, die sich eine von der Mehrheitsgesellschaft unabhängige Welt mit eigener Legislative, Judikative und Exekutive geschaffen hat. Kontakt zu Urdeutschen ist in dieser Gesellschaft gar nicht mehr nötig und oft auch nicht erwünscht. (Seite 16/17)

So wie dies die Situation auf der einen Seite charakterisiert, zeigt das Folgende die Denkfehler der „urdeutschen“ Seite auf:

Wenn urdeutsche PolitikerInnen “Integration” sagen, meinen viele von ihnen damit “Assimilation”. Ayse, in Deutschland lebend, will aber nicht Anja werden, denn zu ihrer Persönlichkeit und Identität gehören beide Kulturen.
(Seite 37)

Seyran Ates weitet den Bogen des Buches über diese genannten Abgrenzungsfragen hin zu Fragen der Bildung (und damit Chancengleichheit) der Migranten (oder „Deutschländer“, wie sie die Deutschtürken bezeichnet) hin zu Fragen von der Reformierbarkeit des Islam. Insofern greift sie jedes Feld auf, das die Probleme der Integration in der Gesellschaft aufzeigt. Es ist klar, dass es sich bei vielen dieser Felder um Minenfelder handelt.

Als Credo Seyran Ates‘ kann dieser Satz gelten:

Die Mehrheitsgesellschaft kommt nicht mehr drum herum, sich mit den kulturell-religiös begründeten Sichtweisen der Deutschländer auseinanderzusetzen. Vorab muss allerdings klargestellt werden, dass ein friedliches Zusammenleben nur möglich ist, wenn kultureller Toleranz dort Grenzen gesetzt werden, wo es um Menschenrechtsverletzungen geht.
(Seite 91)

Alles wird gewertet und gewichtet anhand der universellen Menschenrechte, nichts, was dagegen verstößt kann nach Auffassung der Autorin – und darin stimme ich ihr uneingeschränkt zu – in irgendeiner Weise von der Mehrheitsgesellschaft toleriert werden. Daher greift Ates vehement die deutsche Rechtsprechung vor allem da an, wo diese anstelle von für alle in Deutschland lebenden Bürgern das gleiche Recht gilt, die Gerichte aus vermeintlich religiöser Toleranz Urteile fällen, die den Menschenrechten widersprechen:

In einem Urteil von 10. November 1993 folgte das Verwaltungsgericht Freiburg bezüglich der Befreiung eines muslimischen Mädchens vom Sportunterricht dem Argument, der Prophet haben keinen Sport getrieben und auch niemanden aufgefordert, er solle sich sportlich betätigen. Mohammad fuhr weder Auto, noch besaß er ein Handy. Ob die Eltern des Mädchens wegen der Nachahmungspflicht auch auf diese zivilisatorischen Errungenschaften verzichtet haben? (Seite 141)

Erinnert sei auch an das Urteil, in dem einer muslimischen Frau von Gerichts wegen zugemutet wurde, der körperlichen Gewalt ihres Ehemannes weiterhin ausgesetzt zu sein, da „dies kulturell bedingt“ sei. Hier stellt sich tatsächlich die Frage ob die Scharia in Deutschland bereits stillschweigend eingeführt wurde.

Ates mischt sich auch in den sehr aktuellen „Kopftuchstreit“ – sie ist der Auffassung, dass das Kopftuch in vielfacher Weise mehr politische denn religiöse Gründe hat und die Abgrenzung der Parallelgesellschaft gegenüber der Mehrheitsgesellschaft manifestieren will. Das beweist sie unter anderem auch damit, dass die Trägerinnen des Kopftuches immer jünger werden und inzwischen dieses Symbol der Unterdrückung bereits im Alter von 10 Jahren (oder jünger) tragen.

Für mich steht das Kopftuch, unabhängig davon, ob es eine religiöse Pflicht zur Verschleierung gibt oder nicht, in eklatantem Widerstand zum Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes. (Seite 120)
Das Kopftuch ist untrennbar verbunden mit der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter. Daher sind nicht nur diejenigen Stellen im Koran interessant, die sich vermeintlich mit der Verschleierung beschäftigen, sondern auch jene, in denen Äußerungen zur Geschlechtertrennung enthalten sind. (Seite 125)
Immer mehr muslimische Frauen tragen ein Kopftuch, und es fällt auf, dass sie es meinst anders tragen als die Frauen der ersten Generation. Das Kopftuch meiner Mutter ließ es zu, dass hier und da mal ein Haar herausschaute. Es war so gebunden, dass es durchaus verrutschen konnte. Heutzutage ist immer öfter die Art der Bindung zu sehen, die wir aus dem iran kennen. Kein Haar, kein Ohr darf freiliegen. Der Hals ist ebenfalls streng bedeckt. Mit dieser Art, das Kopftuch zu binden, bekennt sich die Trägerin zum fundamentalistischen Islam.(Seite 130)

Seyran Ates schreib auch darüber, das es ihrer Meinung nach eine sehr starke Reformbewegung innerhalb des Islam gibt; diese vor allem – im Gegensatz zur (historischen) christlichen – von Frauen ausgeht. Allerdings widerspricht sie sich selbst, wenn sie sich (zu Recht) fragt, was am Islam denn reformierbar sei, wenn dort die Ungleichbehandlung der Geschlechter schon festgelegt sei.

Wie es trotz [...] eindeutig frauenverachtender juristischer Regelungen möglich ist, dass sogar Frauenrechtlerinnen in einigen islamischen Ländern der Ansicht sind, die Benachteiligungen würden abgeschafft, wenn der Islam nur richtig ausgelegt werden würde, ist mir ein Rätsel. (Seite 153)
Dass der Islam nicht reformierbar sei, sagen die Orthodoxen, die Fundamentalisten, auch einige Islamkritiker. (Seite 215)

Da ist es dann für mich ein auch Widerspruch, wenn sie selbst über ihre privat gelebte Religion spricht und diese als ritual und familiär beschreibt. Doch vielleicht mangelt es mir dafür als Atheist an Einfühlungsvermögen: ich verstehe nicht, wie man eine Religion und die in ihr angelegte Unterdrückung aufzeigen und kritisieren kann um dann darauf zu verweisen, dass man trotzdem glaubt.
Allerdings sieht Seyran Ates Religion als etwas definitiv Privates an. Und spricht sich für die strikte Trennung von Staat und Religion – Schule und Religion aus.

Ich bin entschieden dagegen, dass unsere Kinder in der Schule konfessionellen Religionsunterricht erhalten. Es sollte unser Ziel sein, mündige, selbstständige Bürgerinnen und Bürger heranzuziehen, die sich zu gegebener Zeit selbst für oder gegen einen Glauben entscheiden können. Es kann nicht sein, dass Eltern unter Missachtung individueller Persönlichkeitsrechte, die auch Minderjährigen zustehen, ihren Kindern die eigene Religion aufzwingen. (Seite 217)

Meiner Meinung nach ist das Buch ein manchmal vielleicht sehr subjektiver, manchmal sogar übereifriger und zorniger, nichtsdestotrotz jedoch wichtiger Teil der aktuellen politischen Debatte. Und ehe wieder einmal ein paar selbsternannte Gute der Welt erklären wollen, wie diese zu funktionieren habe, sollten sie dieses Buch lesen. Allerdings ist Seyran Ates nicht sehr beliebt bei gerade denen. Denn immerhin wagt sie es, auch diese „Gutmenschen“ für ihre Blauäugigkeit zu kritisieren.

Ich empfehle den „Multikulti-Irrtum“ uneingeschränkt Jedem, der es wagt, selbst zu denken und sich ein Bild zu machen von der Gesellschaft, in der wir leben. Mit dem Islam, mit „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Nic