Selbstdementis

"Ich empfehle Standarddementi."
Möllemann zu Kinkel
Antiatomdemo geht heute so: Polizisten und Demonstranten bringen viel Verständnis füreinander auf und betonen, sie seien sich bewusst, dass die andere Seite ja nur ihre Rolle erfülle. Ja nee, der Polizist würde jetzt auch viel lieber mitdemonstrieren, weil, auch er ist gegen diese Castortransporte und die Laufzeitverlängerungen. Aber, Sie verstehen, sein Job ist es, jetzt den Pfefferspraystrahl in die Menge zu halten. Die Demonstranten betonen vor Filmkameras, ihre Steinwürfe richten sich keinesfalls gegen die Polizisten persönlich, darunter seien ja auch ganz nette und viele so alt wie man selbst, sondern nur gegen sie in ihrer Rolle. Als Polizisten. Ja, Pech gehabt eben.
Der Fortschritt der Demokratie lag auch mal darin, dass wir zwischen Person und Rolle unterscheiden. Dass man zum König nicht mehr geboren wird sondern: jeder kann die Rolle einer bestimmten Funktion übernehmen. Und natürlich kann man jede Rolle "interpretieren". Nur eins durfte man nie tun, wenn man ernst genommen werden wollte: Aus der Metaebene vor den anderen seine eigene Rolle zu thematisieren. "Ist ja nur meine Rolle, ich muss das ja tun."
Das wurde vor einigen Jahren zum Aushebelargument: "Der Joschka Fischer muss ja gegen Atomkraft sein, schließlich ist der ja ein Grüner." Einfach Ursache und Wirkung vertauschen, das sorgt immer für etwas Ablenkung in einer politischen Diskussion. Wenn wir jedem unterstellen, dass er nicht eine Position bezieht, weil er eine Haltung oder ein Interesse hat, sondern umgekehrt, wird Demokratie aber sinnlos. Das untergräbt Demokratie vielleicht mehr als rechte und linke (unpolitisch-aggressive) Extremisten.
Wenn aber die Akteure jetzt anfangen, ihre Rollen selbst zu dementieren, dann sind wir fast wieder am Start angekommen. Wenn es ja noch das Ergebnis einer tiefen Reflektion wäre. Aber es sieht eher so aus, als sei es Folge einer Überforderung durch Verantwortung, also der schleichenden Infantilisierung unserer Gesellschaft und Stewardessisierung unserer politischen Diskussionskultur.
Der erste Talkshowmoderator, der sich selbst dementierte, war Johannes B. Kerner. Der interessiert sich nicht nur nicht für Politik, der sagt das einem Helmuth Kohl auch offen: "Sie verstehen, ich MUSS Sie das fragen. Nicht für mich, schauen Sie mich nicht so grantig an, sondern für die Menschen da draußen." (Also für die Quote.) Man kennt das auch von besonders einfach strukturierten Callcenteragenten: "Ich MUSS das fragen, das steht in meinem Skript."
Wenn wir alle die Verantwortung für unsere Rolle nicht mehr aushalten würden, wäre unser Gemeinwesen schnell am Ende. Dann würde sich der Werkstattmeister vorm Kunden offen über die miese Qualität seiner Teilelieferanten beschweren, der Richter würde sich von seinem Urteil distanzieren, dass ja nur die Gesetzeslage aber nicht seine eigene Meinung widerspiegelt und der Tankwart würde sich täglich von seinen hohen Benzinpreisen distanzieren. Jeder würde das Vertrauen der Gemeinschaft in seine Rolle und Funktion einbüßen. Dann hätte nicht nur unser Finanzsystem einen Knacks weg sondern auch unser Konzept von der offenen Gesellschaft, in der fast jeder fast alles werden kann. Dann hätte sich das System der Trennung zwischen Person und Rolle bzw. Person und Leistung ad absurdum geführt, weil es für zu viele in Schizzophrenie geendet wäre.
Aber vielleicht leiden genau darunter inzwischen zu viele und halten es nicht mehr aus, weil die Rollen und Skripte, die sie spielen müssen, einfach zu schlecht geworden sind.