Sehr geehrter Herr Gröhe, #ohnehebammeistallesdoof

Derzeit erwarten mein Mann und ich unser erstes Kind, auf das wir lange warten mussten.
3 künstliche Befruchtungen waren dafür nötig (über diese Kosten sehen wir heute mal hinweg, auch wenn ich da noch ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen hätte). So hatte ich viel Zeit, mich auf die Schwangerschaft vorzubereiten und zu informieren.

Positiver Schwangerschaftstest: Hebamme suchen! Sofort!

Ich wusste um die problematischen Umstände in Bezug auf die Verfügbarkeit von Hebammen, und mein Mann und ich saßen bereits in der achten Schwangerschaftswoche, 4 Wochen nach dem positiven Test, beim Infoabend im Geburtshaus. (Falls Sie es nicht wissen: Eine Schwangerschaft kann durchaus mal 42 Wochen dauern, 8 Wochen ist also ziemlich früh.)
Denn: nur weil mein Kind mit Hilfe von Technik gezeugt werden musste, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich es auch mit Hilfe von Technik gebären möchte.
Ich habe ein Recht auf Normalität und auf qualifizierte Betreuung unter der Geburt, die im Schichtdienst eines Krankenhauses nicht gewährleistet ist. Im Prinzip muss ich befürchten, wie ein Stück Vieh auf einem Operationstisch zu landen. Das nennt man „wegsectionieren“ von Sectio, Kaiserschnitt.

Ein 35 Jahre altes Problem

Es mag sein, dass, wie sie sagen, das Problem für Sie neu ist (auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann) – ich würde Ihnen jedoch gerne aus einem Geburtsbericht zitieren:

„Zwischendurch wurde eine Frau zum Kaiserschnitt vorbereitet, so dass die Hebamme nicht so viel Zeit bei uns verbringen konnte. Der Arzt hatte bei der ersten Untersuchung allerdings auch gemeint, es würde wohl die Nacht noch dauern bis das Baby käme. Die Wehen kamen alle 15-20 Sekunden. Ich hatte gar keine Zeit zum Erholen und Entspannen.“

Dieser Geburtsbericht ist mein eigener, oder auch: der meiner Mutter, von 1982. Bereits vor 35 Jahren war die Lage schlecht genug, um dagegen etwas zu unternehmen, und in den letzten Jahren hat sich die Lage dramatisch verändert.

Warum Herr Gröhe, lege ich meinen Beruf auf Eis, nehme finanzielle Einschränkungen in Kauf, schlafe kaum, sorge mich, und vor allem: Warum bin ich damit noch ein privilegierter Einzelfall?

Mein Mann und ich hatten nun das große Glück, noch eine Beleghebamme für eine Hamburger Klinik zu bekommen, und auch die Gebühr für die Rufbereitschaft werden wir irgendwie zusammenbekommen. In Berlin zahlen Familien für die Rufbereitschaft einer Hebamme mittlerweile 2000 Euro und mehr!

Und wie Sie wissen, liegt das nicht daran, dass Hebammen Ferraris fahren und Trüffel-Kaviar-Butter auf ihr Frühstücksbrot schmieren.
Wieso bleibt die 1:1 Betreuung unter der Geburt eine Option für wenige Privilegierte?

Echte Vorsorge vs. Abstellkammer-Medizin

Meine Hebamme bestärkt mich in meinen eigenen Entscheidungen, sie berät mich, sie beruhigt mich, und sie kann die Kindslage mit ihren Händen bestimmen, ohne teure Geräte, ohne einen Ultraschall nach dem anderen, wie ihn die niedergelassenen Gynäkologen gerne durchführen.
Und ohne Frauen für eine halbe Stunde in eine Abstellkammer ans CTG zu legen, ohne Sinn und Grund, nur weil man das hervorragend abrechnen kann, ohne dafür Personal bereitstellen zu müssen.

Ohne Hebamme

Meine Hebamme telefoniert eine halbe Stunde mit mir, ohne dass ich das Gefühl habe eine Last zu sein. Ohne, dass ich Ihr das irgendwo auf dem Abrechnungszettelchen unterschreiben muss. Einfach so.
Meine Hebamme wird nach der Geburt des Kindes da sein, sie wird hierher zu uns nach Hause fahren, mit dem Fahrrad, nicht dem Ferrari.
Sie wird mir beim Stillen helfen, sich eventuelle Geburtsverletzungen ansehen, das Kind ansehen und medizinisch versorgen. Mich beruhigen, wenn ich mir Sorgen mache ob alles in Ordnung ist, den Bauchnabel versorgen.

Ich habe den Eindruck, dass Hebammen eher mit Hexen und Wahrsagerinnen gleichgestellt werden, anstatt als das qualifizierte medizinische Personal, das sie sind. Das sollte nicht so sein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das nicht sehen und dieses Bild fördern möchten.

Kinderärzte in Hamburg übrigens sind dermaßen überlastet, dass ein Hausbesuch für die U2, nach einer ambulanten Geburt, nicht möglich ist. „Bleiben Sie doch im Krankenhaus“, werden Sie mir sagen. Ich sage: Krankenhäuser sind keine Orte, um Kinder zu gebären, sie sollten für Kranke da sein. Mein Kind ist nicht krank, ich bin nicht krank, warum also wird nicht das System der Hausgeburt wie in England gestützt? Man kann viel gegen die NHS sagen, ich hörte, die Zahnärzte seien ein Graus. Aber warum müssen wir als Frauen in Deutschland neidisch auf Großbritannien sehen, wo es völlig normal ist, dass ein zweiköpfiges Hebammenteam für die Geburt nach Hause kommt?
Oder in den Niederlanden, wo außerklininische Geburten ebenfalls Standard sind?

Tun sie was.

 An dieser Stelle bereits jetzt ganz herzlichen Dank an Miriam, Larissa, Pia, Alina.
Und an Lisa aus Brandenburg.

Natürlich habe ich diesen Brief als Mail auch direkt an Herrn Gröhe geschickt.
Danke für das Artikelbild und den Hashtag #ohnehebammeistallesdoof an Christine Niersmann

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