Sehen allein genügt nicht - Eine Geschichte auch für unsere Kinder und Enkelkinder

Sehen allein genügt nicht - Eine Geschichte auch für unsere Kinder und Enkelkinder
"Nimm ein Kind an die Hand und lass Dich führen, betrachte die Steine, die es aufhebt, und  lausche und hör aufmerksam zu, was es dir erzählt ... und es wird Dich in eine Welt entführen, die Du schon längst vergessen hast."
Unbekannter Autor

Ihr Lieben,
ich möchte Euch heute eine Geschichte von Linde von Keyserlingk erzählen:
"Sehen allein genügt nicht, wir müssen 
auch aufmerksam sein und wirklich hinsehen"
"Es war einmal ein Junge, den schob seine Mutter jeden Morgen auf den Balkon. Dort sass er dann in seinem Rollstuhl und schaute auf die Bahnstation des kleinen Ortes. Wenn die Mutter ihre Arbeit getan hatte, holte sie den Jungen wieder herein.
Aber dann war er jedes Mal so wütend, dass er mit der Faust auf den Rollstuhl schlug und sich die Haare büchelweise ausriss. Schließlich ging die Mutter mit ihm zum Arzt.
"Herr Doktor", sagte sie. "Sie müssen meinem Bub ein Beruhigungsmittel verschreiben. Ich weiß mir keinen Rat mehr ..."
Müde setzte sie sich auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch. Der Arzt ließ sich erklären, um was es ging. "Weiß der Himmel warum, aber er ist oft so wütend, dass er sich die Haare büschelweise ausreißt. Und wenn`s nicht die Haare sind, dann sind es die Blätter von meinen Topfpflanzen. Sein Kopf und mein Gummibaum sehen sich jetzt sehr ähnlich. Wie soll das denn weitergehen?"

"Das ist wirklich schlimm", sagte der Doktor und sah sich die ausgerissenen Haarbüschel und Blätter an. "An was mag das nur liegen?" Und er schlug einen Test vor. "Sprich mir einfach alles nach", sagte er zu dem Jungen: "Die Blätter sind grün." - "Die Blätter sind grün", sagte der Junge. "Die Blätter sind grün." - "Die Blätter sind grün", wiederholte der Junge. "Die Blätter sind grün." - "Die Blätter sind grün." "Welche Farben habe die Blätter?" -"Die Blätter sind grün", sagte der Junge.

"Aber nein", rief der Doktor. "Du solltest mir doch nur alles nachsagen." Da war der Junge verdutzt. "Erzähl mir mal, warum du immer so wütend wirst", sagte jetzt der Doktor. "Weil es so langweilig ist". 

"Was?"
"Immer das Gleiche", sagte der Junge. "Das tut richtig weh." "Was ist immer das Gleiche?", fragte der Doktor. "Na der Bahnhof. Morgens kommt ein Zug. Da steigen die Leute ein. Dann ist lange nix. Mittags kommt ein Zug. Da steigen die Leute aus. Immer das Gleiche." Der Junge stöhnte.
"Hm", machte der Doktor und strich seinen Bart. "Das lange Nix interessiert mich. Komm morgen wieder und beschreibe es mir ganz genau."
"Ja, aber ...", sagte die Mutter und der Doktor nahm einen Rezeptblock und schrieb darauf: 3-mal täglich eine halbes Glas Orangensaft.
Am nächsten Tag brachte die Mutter den Jungen wieder zum Arzt und der Junge erzählte: "Wenn der Zug weg ist, kommen Tauben und picken die Krümel vom Bahnsteig. Da steht auch ein kleiner Baum. Der Hund vom Bahnwächter pinkelt an den Baum. Sein Herrchen ruft ihn und sie gehen dann zur Bahnschranke."
"Für nix ist das ja ziemlich viel", sagte der Doktor und strich sich den Bart.
"Und das ist immer das Gleiche?" Der Junge wusste es nicht . "Man müsste es testen", schlug er vor. Der Doktor war einverstanden. "Teste es eine Woche lang und komm dann wieder", sagte er. Und auf einen Rezeptblock schreib er: 2-mal täglich einen halben Apfel. Die Mutter lächelte.
Von jetzt an konnte die Mutter dem Jungen morgens die Socken gar nicht schnell genug anziehen, denn er hatte ja eine wichtige Aufgabe vor sich.
Er beobachtete die Tauben, wie sie sich um ein Stück Brot stritten. Dann kam eine Krähe und schnappte den Tauben den Happen weg. Unerhört!
Der kleine Hund lief am Baum vorbei. Erst am Ende des Bahnsteiges fiel es ihm ein.
Er lief noch einmal zurück und hob sein Bein. "Komisch", dachte der Junge. "Kann er ohne Baum nicht pinkeln?" Er besprach das alles mit dem Doktor und der erzählte ihm etwas von Duftmarken, die Hunde setzten.
Am nächsten Tag war es sehr windig. Aber der Junge wollte unbedingt auf seinen Balkon hinaus. Etwas wirbelte über seinem Kopf und fiel auf seinen Schoß. Es war ein Blatt. Kein grünes, sondern ein gelbes. Der Junge schaute hinunter zu dem kleinen Baum, von dem der Hund glaubte, dass er ihm gehöre. Der Baum war gar nicht mehr grün, sondern gelb, rot und braun. "So sehr hat er sich verändert und ich habe es nicht bemerkt?" Das verwunderte den Jungen.

Jetzt begann er, sich die Menschen näher anzusehen, die morgens in den Zug stiegen und mittags heimkehrten. Gewöhnlich stiegen fünf Kinder mit Schultaschen in den Zug. Sie fuhren wohl ins Gymnasium in der Stadt. Einmal waren es nur vier. Früher hätte der Junge das gar nicht bemerkt. Jetzt machte er sich Gedanken. 
Wo war das fünfte Kind geblieben? War es vielleicht krank? 
Er sah das Kind, das gar nicht da war, mit Windpocken im Bett liegen. Gerade wurde es mit weißer Salbe eingerieben. Die roch nach Lebertran. Der Junge konnte es genau riechen. Und obwohl seine eigenen Windpocken schon lange vorbei waren, juckte es ihn am ganzen Körper. Ja, bald würde das Kind wieder gesund sein. Und tatsächlich: 
EinesTages war es wieder da und stieg mit den anderen Kindern lachend und schwatzend in den Zug. Die Winde wurden stärker und rissen dem kleinen Baum alle Blätter ab. "Auch das habe ich nie bemerkt", dachte der Junge. Beim Anblick des kahlen Baumes wurde ihm ein wenig bange.
Würde er, von dem der kleine Hund glaubte, dass er ihm gehöre, je wieder grüne Blätter haben? Die Blätter wirbelten durch die Luft wie ein prächtiger Vogelschwarm und verschwanden.

Der Junge saß nun im Zimmer und hielt sein gelbes Blatt in der Hand. Obwohl das alles nicht mehr da war, konnte er sich doch ein Bild machen von den grünen Blättern des Frühlings und den roten des Herbstes. Ja, er konnte sie sogar riechen. Er sah die Krähe, die sich doch nur einmal hatte blicken lassen, sah den kleinen Hund des Bahnwärters und das gesund gewordenen Kind. So genau hatter er sich alles gemerkt, dass er die Anzahl der Tauben und die Frabe ihres Gefieders genau vor sich sah.
Von Zeit zu Zeit erzählte er das alles dem Doktor. Er zeigte ihm das gelbe Blatt, das ihn gelehrt hatte, auf Veränderungen zu achten. Und der Doktor sagte: "Du solltest alles aufschreiben, Blatt für Blatt."

"Ich kann nicht schreiben", sagte der Junge. Aber auch das war kein Hindernis mehr. Seine Mutter zeigte ihm, wie er mit der linken Hand auf der Schreibmaschine tippen konnte. So wurde aus ihm in diesem Winter ein Schriftsteller. "Andere haben ein gelebtes Leben. Ich habe ein erzähltes Leben", sagt er und schrieb es auf, Blatt für Blatt, grün, gelb und rot."
Ihr Lieben,

wir alle ähneln mehr oder weniger diesem kleinen Jungen in unserer heutigen Geschichte. Wir sehen und wir sehen doch nicht. Wenn wir uns die Geschichte des kleinen Jungen durchlesen, dann merkt wir, wie  viel wir uns selbst rauben, weil wir nur sehen, aber nicht aufmerksam hinschauen.
Ich kenne auch viel Menschen, die meinen, jeder Tag sei gleich, selbst in einem sonnigen Sommer behaupten sie, jeder Tag sei gleich, jeden Tag gehe die Sonne auf und jeden Abend wieder unter.
Aber wenn ich dann diese Menschen frage: "Haben Sie sich schon einmal die Mühe gemacht, an einem schönen Sommerabend an eine Stelle zu fahren oder zu gehen, von der aus Sie in aller Ruhe und Gelassenheit einen Sonnenuntergang beobachten können?", antworten die meisten ganz erstaunt: "Nein."
Unsere Kinder und Enkelkinder in ihrer natürlichen Neugier können uns dabei helfen, wieder das Besondere im Alltag, in der Natur zu entdecken. Wir müssen ihnen aber auch die Gelegenheit dazu geben.
Wer seine kleinen Kinder bereits in ganz jungen Jahren vor einen Computer setzt, damit sie später in der Schule "mitreden" können, statt mit ihnen in die freie Natur zu gehen, kann nicht erwarten, dass die Kinder Liebe zur Natur und Neugier entwickeln.

Es gibt so viele schöne interessante Kleinigkeiten, die wir jeden Tag in der Natur beobachten können, wir müssen nur unsere Augen darauf richten und uns die Zeit dafür nehmen, die Kostbarkeiten und kleinen Wunder zu sehen.
"Ich habe keine Zeit", antworten mir viele Menschen, wenn ich sie darauf anspreche.
Was sind das nur für unglückliche Menschen!
Ich arbeite auch jeden Tag sehr hart in meinem Job, aber ich habe Zeit für die Schönheit der Natur und ihre kleinen Wunder, die meinen Geist, meine Seele und mein´Herz erfreuen, weil ich mir die Zeit nehme.


Ihr Lieben,

ich wünsche Euch Zeit mit Euren Kindern und Enkelkindern und den Blick für das Schöne, das Besondere und Beachtenswerte in der Natur und im Alltag.
Und denkt immer daran:
Es genügt nicht zu sehen, man muss auch wirklich hinschauen.
Ich grüße Euch ganz herzlich aus dem sonnigen Bremen,
Euer fröhlicher Werner

Sehen allein genügt nicht - Eine Geschichte auch für unsere Kinder und Enkelkinder

Das Foto wurde von Karin Heringshausen zur Verfügung gestellt



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