Schwerkraft

Das Leben läuft meistens nach einem bestimmten Plan ab. Also zum Beispiel: Kindergarten, Schule, Bund, Studium, Job in der Bank, Ende. Es ist gut, wenn man einen Plan hat, der funktioniert, blöd nur, wenn man einen Punkt vor „Ende“ merkt, dass der Plan ganz und gar nicht das Richtige für einen ist und zudem noch dafür sorgt, dass man keinen Platz für unerfüllte Träume haben kann. Viele Menschen fügen sich dann dem Gedanken, ein Scheißleben zu haben und kompensieren diesen Mangel durch völlig ausgeflippte Hobbies oder Vorlieben. Manche wenige Menschen dagegen flippen einfach nur aus, ohne sich dem Gedanken zu fügen. So, wie Frederik im neuen Film von Maximilian Erlenwein, „Schwerkraft“
Frederik, hat einen biederen Job in einer Bank. Sein größtes Ärgernis am Tag ist, dass er nie einen Parkplatz findet. Außerdem nagt an ihm, dass er schon immer mal nach Island wollte und, dass ihn seine Freundin verlassen hat. Das ist allerdings schon eine Weile her. Eines Tages kommt Herr Schneider in die Bank und Frederik muss ihm mitteilen, dass sein Kredit gekündigt werden muss. Herr Schneider muss etwas ähnliches bereits erwartet haben, denn er legt Hand an und richtet sich kurzerhand selbst. Dieses Ereignis wirft Frederik völlig aus der Bahn und auch, wenn er von vielen Menschen umgeben ist, hat er das Gefühl, von niemanden wirklich verstanden zu werden. Eines Tages trifft er jedoch auf seinen alten Freund Vince. Der kommt gerade frisch aus dem Knast und hat auch wenig Gründe, mit seinem aktuellen Leben zufrieden zu sein. Er will einen eigenen Club eröffnen und braucht Geld. Der eine also aus Geldnöten, der andere aus Gründen der psychischen Kompensation, tun sie sich zusammen, um gemeinsam Reiche Villen aus zu räumen.
Es hat den Anschein, dass die coolsten deutschen Filme dadurch so cool werden, weil sie von großen Genrekollegen zitieren. Mir persönlich gefällt das vielleicht deshalb so gut, weil deutsche Filme für mich immer, wie der ganz normale Alltag aussehen. Die Filmfiguren fahren die gleichen Autos, wie die, die vor meiner Tür stehen; die tragen die gleichen Klamotten, wie ich und gehen im Rewe einkaufen. Wenn in diesem Alltagsbild Dinge passieren, die man aus Filmen kennt, macht das die Filme irgendwie fast echt. Ich glaube, dieser Effekt ist völlig unbeabsichtigt und auf viele Zuschauer wirkt er bestimmt auch völlig anders. Aber Fakt ist: „Schwerkraft“ klaut, zitiert und adaptiert frech, wie Oskar, erzählt dabei aber eine völlig neue und sehr frische Geschichte. Uns begegnen Zitate aus „Fight Club“, „Public Enemy No.1“, oder „Die fetten Jahre sind vorbei“. Regisseur Maximilian Erlenwein packt alles in einen lockeren, nicht all zu übertrieben Rahmen, würzt das ganze mit fetziger Surf-Rock-Tiki-Funk Musik, gräbt ein paar urige Figuren aus und heraus kommt ein kurzweiliger Film über die Wahrheiten des Lebens. Die beiden sehr unterschiedlichen Schauspieler Fabian Hinrichs und Jürgen Vogel spielen auch zwei sehr unterschiedliche Charaktere und allein durch den Kontrast wirken sie realistisch, ohne, dass sich Darsteller und Zuschauer verbiegen müssen.
Und das ist auch schon alles. Das Schöne an „Schwerkraft“ ist die schlichte Inszenierung einer absurden Geschichte. Dieser Spagat gelingt so gut, dass einem die Absurdität gar nicht mehr auffällt. Kein großer Film, dem man eine übergewichtige Bedeutung andichten muss, aber er macht großen Spaß und lädt gar zum wiederholten Genuss ein.
Schwerkraft (D, 2009): R.: Maximilian Erlenwein; D.: Fabian Hinrichs, Jürgen Vogel, Nora von Waldstätten, u.a.; M.: Jakob Ilja; Offizielle Homepage

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