Schwarze Tasten und erotische Musik

„Stellen Sie sich Ihre Beziehung als eine Musik vor, die Sie vierhändig auf einem Klavier spielen“, forderte ich die beiden auf. Darauf wandte sich der Mann an seine Frau und meinte: „In letzter Zeit spielen wir auf unserem Klavier wohl eher eine Katzenmusik.“ Leicht säuerlich erwiderte die Frau: „Katzenmusik würde ja noch gehen. Unsere Musik wird stiller und stiller, vor allem in sexueller Hinsicht.“ Nach einer kurzen Atempause fragte ich den Mann: „Ist die gemeinsame erotische Musik still geworden, weil Sie wenig miteinander musizieren oder weil es dem Klavier an Tasten fehlt?“ Darauf antwortete er: „Einige Tasten sind über die Jahre tatsächlich abhanden gekommen, andere bloss verklemmt beziehungsweise eingerostet.“ Mit einem Schmunzeln fügte die Frau hinzu: „Da gibt es auch Tasten, die keiner von uns zu berühren wagt.“ Verschmitzt fragte ich nach: „Meinen Sie etwa die schwarzen Tasten?“ Die Heiterkeit über ein vermeintlich schwieriges Thema tat den beiden sichtlich gut.

„Was vermuten Sie?“, fragte ich den Mann, „möchte Ihre Frau eine verklemmte Taste ölen, eine verlorene Taste wiederfinden oder mit einer schwarzen Tasten spielen?“ Er schaute zuerst seiner Frau in die Augen und senkte dann seinen Blick auf den vor ihm liegenden Teppich. „In dieser Frage liegt Zündstoff, nicht wahr?“, mutmasste ich. Er nickte. Daraufhin bedeutete ich der Frau, dass die Frage auch ihr gelte. Was sie vermute, wo ihr Mann wohl ansetzen möchte. Beide schwiegen nachdenklich.

In der Folge unterbreitete ich dem Paar einen Vorschlag: „Wer sich zuerst in die Karten schauen lässt, wird vom anderen zu einem Glas Prosecco eingeladen. Was halten Sie davon?“ Darauf reagierte die Frau unverzüglich: „Das will ich mir nicht entgehen lassen. Ich vermute, mein Mann möchte zuerst eine seit einiger Zeit verklemmte Klaviertaste wiederbeleben.“ Was sie sich denn davon verspreche, fragte ich sie neugierig, angenommen sie läge mit ihrer Vermutung richtig. „Dann würde er mich wieder sinnlich-erotisch berühren und mich mit seinen Küssen überall liebkosen und verwöhnen. Und ich würde daliegen wie eine Königin, wie früher.“

„Wie klingt das?“, fragte ich ihn. „Liegt Ihre Frau richtig? Ist das eine Klaviertaste, die zu ölen sich auch für Sie lohnen könnte?“ Nun blickte er seiner Frau geradewegs in die Augen. „Okay“, meinte er, „einverstanden, aber nur unter einer Bedingung, beziehungsweise mit einer Änderung gegenüber damals. Ich möchte mich auch wie ein König fühlen und von dir überall geküsst und liebkost werden, am liebsten leidenschaftlich.“ An dieser Stelle mischte ich mich wieder ein: „Das klingt, als ob Sie bisher vermieden haben, sich das von Ihrer Frau zu wünschen?“ Es sei halt immer irgendwie anders gelaufen, erklärte er. Meistens habe er versucht, die Wünsche seiner Frau zu erfüllen. „Das könnte also bedeuten“, führte ich aus, „dass Ihre Beziehungsmusik ein bisschen lebendiger und lauter wird, wenn Sie sich um die Erfüllung Ihrer persönlichen Wünsche und Bedürfnisse kümmern.“

Beim Verlassen des Raumes meinte der Mann noch zu seiner Frau: „Ich bin neugierig von Dir zu hören, woran Du bei schwarzen Klaviertasten denkst.“ Darauf drückte sie ihm den Zeigefinger auf die Brust und antwortete: „Jetzt bist Du dran. Du schuldest mir noch etwas!“


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