Schulalltag in China

 

photoPhoto:OpenDemocracy

Hey ihr da draußen,

heute möchte ich euch mal wieder was von den chinesischen Gewohnheiten erzählen, da es hier in Nanning eigentlich nichts Neues gibt! Wenn ich jeden Morgen am Frühstückstisch sitze, ist genau neben unserem Wohnkomplex in einer Schule ein allmorgendliches Antreten. Solche Rituale sind sehr typisch für China. Um genau 08:00 Uhr höre ich vom Schulhof laute und pompöse Marschmusik, gehe auf den Balkon und werde Zeuge eines Fahnenappells, wie jeden Tag, wie ich langsam mitbekommen habe. Die Darbietung ist eindrucksvoll: Die gesamte Schülerschaft – immerhin rund 600 Schüler – versammelt sich  auf dem Sportplatz der Schule. In Zweierreihen strömen Kinder und Jugendliche aus den Klassenräumen ins Freie und formieren sich. Das Prozedere wird zwar von den Lehren überwacht und dirigiert, läuft aber auch so recht reibungslos ab. Keiner tanzt aus der Reihe. Nachdem alle Schüler in Reih und Glied Aufstellung genommen haben, erklingt die Nationalhymne, eine Gruppe auserwählter Schüler schafft eine Fahne der Volksrepublik herbei. Die Flagge der letzten Woche wird eingeholt, die neue gehisst. In zackigen Bewegungen faltet man die eingeholte Fahne und bringt sie weg, verdiente Schüler werden vor der Schule ausgezeichnet und Schüler mit schlechten Leistungen an den Pranger gestellt – das wars. Nach einer Viertelstunde begeben sich die Schüler diszipliniert und in Zweierreihen zurück in die Klassenräume. Und ich bin beeindruckt.

In den ersten Tagen habe ich das Lernen und die neue Umgebung als unheimlich anstrengend empfunden. Aber das ist relativ, verglichen mit dem Alltag der Schüler und Studenten. Jeden Tag, auch samstags, zwölf Stunden Unterricht, Sport, AG’s und danach Hausaufgaben – das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Man sieht, dass sie total übermüdet sind. Dafür spricht auch ihre liebste Freizeitaktivität. Die meisten sagen: Schlafen. Die Schule und Uni lässt sie einfach nie in Ruhe. Selbst die Pausen sind mit reichlich Programm angefüllt: Fahnenappell, Marschieren üben, Klassenräume aufräumen, Augenentspannungsübungen. Dafür schallt sofort nach der dritten und sechsten Stunde „Entspannungsmusik“ durch die Lautsprecher. Entspannung? Die Musik wird begleitet von einer schrillen und lauten Stimme, die immer wieder von 10 abwärts zählt. Fünf Minuten dauern diese Übungen, alle müssen sich die Augenpartien massieren. In jeder Klasse wird zur Überwachung ein Schüler abgestellt, damit auch ja alle mitmachen. Offenbar werden die Schüler auch dazu angehalten aufzustehen, sobald die Müdigkeit sie zu übermannen droht. Stehen bringt den Kreislauf wieder in Gang. Am liebsten würde man die Kinder und Studenten sofort ins Bett schicken – aber nichts da, sind ja nur acht Stunden bis Schulschluss.

Der Druck auf die Schüler ist enorm. Spruchbänder in den Klassenräumen fordern sie auf, noch mehr zu lernen. Ergebnisse von Klassenarbeiten und Klausuren werden öffentlich gemacht, am Schultor hängen endlose Listen der Absolventen, die es auf Unis geschafft haben. Die anderen können sich getrost als Versager betrachten. Darum schicken manche Eltern ihre Kinder auch noch sonntags zu Sprach- und Nachhilfelehrern – schließlich sollen die Kleinen später mal die gesamte Familie ernähren. Dass sie allesamt Einzelkinder sind, macht es für sie wohl nicht einfacher. Mein Eindruck nach zwei Monaten: In China funktioniert Schule ganz anders als in Deutschland. Der Stoff wird so lange wiederholt, bis jeder Schüler ihn auswendig kann. Verurteilen möchte ich das nicht, hier hat das Bildungssystem eine ganz andere Geschichte, Humboldtsche Bildungsideale sind so fremd wie Schnitzel oder Sauerkraut. Schade finde ich allerdings, dass es Musiker, Zeichengenies oder Schauspieler schwer haben, ihr Talent zu entdecken. Die Schüler bekommen kaum Möglichkeiten, sich auszuprobieren.

Das nächste Mal mehr zu dem Thema…


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