Schienen im Herbst

Schienen im Herbst
Sie saß nur da und starrte vor sich hin. Sah auf die Schienen vor sich, auf die Mauer unter sich, auf den Wald um sie herum.

Der Wind blies mal sachte, mal stärker, immer einige vom Herbst angemalte Blätter mit sich tragend. Sie tanzten und raschelten durch den Wald, wirbelten freudig umher und folgten den Schienen, verschwanden in der Ferne, dort, wo längst kein Zug mehr fuhr.

Sie war wie diese Blätter. Mal hier, mal dort und immer auf dem Weg zu ferneren Orten. Weiter weg, fort und fort. Zu Hause, das wusste sie, wartete niemand. Freunde hatte sie nie echte gehabt. Immer nur vage Bekanntschaften. Und so war sie eines Tages einfach fortgegangen.

Ein Schlafsack, einige warme Klamotten und ihre Digitalkamera. Den verbliebenen Rest ihres Erbes hatte sie auch mitgenommen. Das hatte als Startkapital die ersten Monate genügt. Seither arbeitete sie mal hier, mal dort.

Zurück sah sie nie.

Die Welt lag ihr zu Füßen.

Ausgebreitet, wie ein bunter Teppich. Einladend, groß, gefährlich und unglaublich aufregend. Natürlich gab es auch schlechte Tage. Aber die gingen vorbei. Ebenso, wie es der Sommer getan hatte und wie es langsam auch der Herbst zu planen schien.

Nach Menschen sehnte sie sich nicht. Nur manchmal, da gab sie ihr Geld für einige Stunden in verschiedenen Internet Cafés aus. Dann zog sie alle Bilder von ihrer Kamera auf einen kleinen USB-Stick. Und die besten Bilder, die teilte sie mit der ganzen Welt. Mit dem ganzen Internet. Mit jedem, der sie sehen wollte. Sie allein blieb fremd. Ein Mysterium für viele. Aber ihre Bilder, die reisten um die Welt, genau wie sie.

Und wenn ihr die Aufmerksamkeit zu viel geworden war, nahm sie ihren Rucksack und ihre Kamera und zog weiter. So wie sie es heute getan hatte, ehe sie diesen beinahe magischen Ort entdeckt hatte.

So ruhig und friedlich, verlassen und scheinbar vergessen von allen, die hier einst gelebt hatten. Die Schienen waren völlig von Gras und Moos überwuchert, bedeckt von heruntergefallenen Zweigen, Ästen und Blättern. Goldenes Licht strömte durch die kahlen Kronen des Waldes und tauchte die Szene in ein märchenhaftes Licht.

Erst nach und nach bemerkte sie, dass es plötzlich zu schneien begonnen hatte. Kleine weiße Kristalle, die vom Himmel auf sie niederfielen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem friedlichen Lächeln. Ihre Augen schlossen sich. Und sie atmete tief ein und aus, um dieses Bild in sich aufzunehmen, ehe sie ihre Kamera hervorholte und ihre Erinnerung festhielt.

Dann stand sie endlich auf, streckte sich, noch immer lächelnd. Nach allen Seiten sah sie und hörte doch nichts als den Wald und den Wind. Kein Zug weit und breit, wie sie erwartet hatte.

Und so verschwand sie. Wie die Blätter im Wind, den alten, verlassenen Schienen folgend.


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