Santa-Cruz, noch einmal

 

Drei Tage später, Samstag. Der Wecker klingelte wieder um 5.15 Uhr. Zum Frühstück gab es diesmal Bananen und eine kalte Dusche – die vorausgegangene Nacht schlief ich also wieder im Bett und nicht auf dem Donnerbalken. Um 6 Uhr wurde ich abgeholt …

Wie schon zuvor hielten wir in Yungay, jenem Ort, der 1970 aufgrund eines Erdbebens vollständig von Granit und Eis begraben wurde – fast 18.000 Menschen ließen damals ihr Leben. Wir traten wieder in dasselbe Frühstückslokal. Meine Gruppe, das waren diesmal Kaz, in China geboren und Australien aufgewachsen, Christus aus Griechenland, seit Jahren in Europa arbeitend und derzeit auf dem Weg nach Australien, auf der Suche nach anderer Arbeit, Sandra aus Spanien und Freddie, unserer Führer. Bei Mate-Tee und Käsebroten stellen wir uns vor.

Wir starten diesmal in Cashapampa, einem weiteren kleinen Dorf in den Hoch-Anden. Wir folgten entgegen einem Strom. Von Anfang an waren wir von seiner klaren kühlen Farbe angetan. Wie auch schon im Nationalpark Cajas wuchsen auch hier unzählige der verwunschenen Papierbäume. Geröll bedeckte unseren Hang – vor zwei Jahren bebte hier zuletzt die Erde. Bei unserem langen Aufstieg begegneten wir Taranteln, in ihrer Größe nie zuvor gesehenen Insekten, Eseln, Rindern, Fischern mit Kindern und Hunden. Ich bekam wieder Magenschmerzen, Freddie pflückte mir Minzblätter. Der Duft unbekannter Sträucher drang in mich, und säte: Ich streifte wieder einmal durch ein Land, dass mit jedem Lebensjahr kleiner und geheimnisvoller wird: Die Kindheit. Das Licht graute. Es wurde kühl. Wir errichten nach vier Stunden unser Lager. Der Lastträger hatte bereits die Zelte aufgeschlagen und Wasser gekocht. Der Duft von Koka-Blättern stieg empor. Wir aßen Kräcker. Der Regen prasselte heftiger. Freddie kochte Gemüsebrühe, später Reis und Huhn. Ein ungebetener Gast drängte in unser Zelt: Kälte. Wir gingen dementsprechend früh schlafen. Die Nacht war furchtbar. Halbnackt schälte ich mich immer wieder aus dem Schlafsack: Durchfall.

Morgens zeigten sich für wenige Wimpernschläge die anmutenden Gipfel der Cordillera Blanca. Aber der Nebel umklammerte sie alsbald, versteckte sie hinter seinem nassen grauen Schleier, als wolle er ihre Schönheit bewahren, als wolle er sie noch begehrenswerter machen. Und in der Tat, ich verliebte mich in sie und wartete. Und wartete, und wartete. Einstige Bergspitzen lagen im Tal, in Jahrmillionen vom Regen rund geschliffen. In ihrer Form erinnerten mich einige Gesteine an prähistorische Werkzeuge, mit denen eine höhere Gewalt Furchen in die Landschaft gezogen hat. Mein Magen verkrampfte sich immer wieder. Auch Kaz bekam Magenschmerzen. Zusammen legten wir eine ekelerregende, grotesk anmutende Scheißspur hinter uns. Wie Hänsel und Gretel, nur in krank. Wir passierten zwei Lagunen. Doch wie die Berge, blieb auch ihre wahre Schönheit uns verwehrt: Es begann zu nieseln. Die Sonne war nur ein Fettauge in der grauen Nebelsuppe. Kurz vor Ankunft im Lager trennten wir uns. Ich, Christus und Sandra wollten eine ca. eineinhalb Stunden entfernte Lagune besichtigen. Freddie musste mit Kaz ins Lager, es ging ihr beschissen. Der Regen wusch unser Lächeln aus dem Gesicht. Und, nein, die Lagune sollten wir nicht finden. Dafür ein Pferde-Kadaver. Pumas leben hier. Nach fast zwei Stunden gaben wir auf – durchnässt, hungrig, durstig. Nach insgesamt über sieben Stunden Wanderung trudelten auch wir im Lager ein. Sandra war sauer, aber Freddie beharrte darauf, dass er sagte, die Lagune wäre zweieinhalb Stunden entfernt. Das Essen war phantastisch. Draußen: Regen. Der Lastträger, der die Esel führte und immer unsere Zelte aufstellte war ein schweigsamer Mann. Er hatte dunkle, kluge Augen. Nie sprach er ein Wort. Er beobachtete, wie eine Eule. Und auch ich schwieg. Wann immer mir die Vokabeln fehlten, weil mein Kopf müde war, weil ich nichts Falsches sagen wollte. Und in meinen verlegenen Gebärden erkannte ich meinen Vater.

Unsere Kleidung war nicht trocken geworden. Nein, hier, bei diesem Wetter wäre selbst ein Fisch noch nasser geworden. Dieser Tag markiert einen jeden Höhepunkt auf dem Santa-Cruz-Treck. Aber schon früh wirkte die Gruppe verstimmt. Bereits beim Antritt nieselte es. Es sah nicht aus, dass es aufklären sollte. Mehr noch! Es begann zu hageln. Dann zu schneien. Es hätte mich nicht überrascht, wären auch auch noch Kröten vom Himmel gefallen. Ein Gefühl der Enttäuschung und blindem Ärger machte sich in mir breit. Auf der Punta Unión, einer Bergspalte auf 4.760 Meter Höhe, dort, von wo man wahrscheinlich eine der schönsten Landschaften der Welt umblicken kann, hatte ich das Gefühl, in einer grau-gestrichenen Gefrierkühltruhe zu stehen. Unser Mittagspause währte ein Brötchen lang. Ich las das Schild: ›Mirador‹, ›Aussichtspunkt‹. Dann folgte ein vierstündiger Abstieg. Für wenige Minuten sollte sich die Sonne aber doch noch einmal blicken lassen. Sofort warfen wir uns ins Gras, zogen uns die Schuhe aus, versuchten die Jacken zu trocknen, aßen Mangos und Orangen. Schlossen die Lider. Die restlichen zwei Stunden marschierten wir durch Regen. Die Vegetation wurde wieder vielfältiger, die Temperatur höher. Im Lager angekommen, klärte der Himmel auf. Christus und Kaz zündeten sich eine an. Zum ersten Mal mussten wir bei Ankunft nicht sofort ins Zelt.

Am letzten Tag ging es weiter ins Tal. Ich ging mit Christus vor. Völlig verschmutzte, verrotzte Kinder fragten uns nach Süßem, nach Stiften. Wir hatten nichts, was wie weggeben wollten. Mussten die Kinder nicht zur Schule? Diese Frage stellte sich nicht. Vielmehr die, wie weit die nächste Schule ist. Zu weit! Und schon die Jüngsten müssen mit anpacken. Mütter mit Kleinkindern auf dem Rücken trieben Schafe her. Männer besserten einen Zaun aus. Mit krummen Rücken, und dennoch guter Laune. Sie gratulierten Christus zu seinen Gummistiefeln. Sie selbst hatten nichts gegen den tiefen Schlamm, gegen Regen. Das, was wir sahen, bewegte mich und Christus über unsere Eltern zu sprechen. Darüber wo sie herkommen, dass sie dieses Leben zu gut kennen, sich aber für das ›moderne‹, ›westliche‹ entschieden haben. Weil sie das andere satt hatten.

Schließt harte Arbeit Glück aus, oder tun es Vergleiche? Was ist eine Entbehrung? Und was Reichtum?

Kurz vor Mittag erreichten wir unser Endziel, Vaqueria. Abends trafen wir uns nochmals in Huaraz, Abschiedsessen, auf Empfehlung Freddies hin.


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