Sakrallandschaft in Madagaskar

Wie ein feines Netz überziehen religiöse Inhalte die Insel Madagaskar. Die Sakrallandschaft ist breitfächrig und mehrschichtig. Einerseits sind traditionelle Glaubensvorstellungen nach wie vor aktiv, andererseits überzog das Christentum vor rund 150 Jahren fast ganz Madagaskar mit intensiven Missionierungsbemühungen. Nicht zu vergessen sind die moslemischen Glaubensrichtungen und ebenso hinduistische Strömungen.

Kathedrale Antsirabe Madagaskar Madagascar www.priori.ch Kathedrale Antsirabe Madagaskar Madagascar www.priori.ch

Drei markante Punkte fallen auf. So gut wie überall finden sich christliche Kirchen. Auf dem Hochland typischerweise eine katholische und eine protestantische. Meist während der Boomjahre der Christianisierung (um 1870) erbaut. Weniger offensichtlich, aber nicht weniger präsent, sind die althergebrachten Glaubensinhalte und ihre physischen Manifestationen. Dies sind Kraftorte, Opferstellen, verehrte Orte der Ahnen. Die Moscheen der islamischen Bevölkerung waren bislang eher diskret eingebettet in die Ortschaften. Neuerdings und dank Finanzierungen aus Arabien entstehen demonstrativ protzige Anlagen. Die Gebetshäuser der nicht-moslemischen Inder sind kaum wahrzunehmen. Die Hindu leben ihre Religion still und unter sich.

Natürlich gibt es nebst den Gotteshäusern überall Zeichen frommer Seelen. Da mag der Taxifahrer ein Kreuz am Innenspiegel baumeln haben, da mag ein Moslem einen Halbmond auf der Hand tätowiert  haben. Der Indo-Pakistaner hat einen in arabisch geschriebenen Spruch über dem Eingang seines Krämerladens. Nur diejenigen, die an ihre Urahnen glauben, geben sich sehr diskret. Aber sonntags nehmen sie an Zeremonien teil, die über Ekstase, Opfergaben, Anrufungen und Gesänge Kontakt mit den Verstorbenen aufnehmen und um Hilfe und Heilung bitten.

In Madagaskar leben viele Frömmigkeitskulturen miteinander und nebeneinander. Nicht ungewöhnlich, dass eine Frau nach islamischem Ritus mit ihrem Ehemann lebt, aber in ihrem Geburtsort mit ihren Eltern dem christlichen Glauben nachlebt. Auch ein katholischer Priester kann am Sonntag nach der Messe ein Huhn seinen Ahnen opfern und um Beistand bitten.

In der visuellen Landschaft der Frömmigkeit breitet sich in Madagaskar ein Patchwork-Teppich aus, dessen Knotenpunkte aber immer in tiefe Vergangenheiten reichen. Die Ahnen greifen auch heute noch stark in den Alltag der Lebenden ein. Ihnen sind an unzähligen Orten spirituelle Plätze zugewiesen. Pilgern als religiöse Aktivität ist kaum bekannt, obwohl es ein paar deutliche Pilgerstätten gibt. In ‚fremde Gebiete zu pilgern, um eine religiös-spirituelle Erfahrung zu machen‘ ist keine madagassische Kulturtradition, aber so gut wie jeder Madagasse hat seinen Kraftort im Umfeld seines Geburtsortes.

Der flüchtige Besucher mag kaum wahrnehmen, was im Schatten der Kirchentürme noch steht. Ein Bauinventar der Sakrallandschaft Madagaskars ist noch nicht erstellt. Das religiös-kulturelle Erbe ist dermassen aktiv, dass es weder inventarisiert noch geschützt wird.


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