Sachlich bleiben. Diskussion mit Richard Wagner. Zwei Epochen der Securitate

Lieber Richard,
als hättest du mich mit irgendjemandem verwechselst in deiner Mail, kommt es mir vor; so fällt es mir schwer, dir zu antworten; vielleicht finde ich später einmal Zeit und auch den richtigen Ton. Jetzt, da ich sehe, dass du dich für mein Werk interessierst, möchte ich dir nur geduldig einiges erklären, damit Du ein wenig besser Bescheid weißt!
Ich arbeite hier einsam in einem Weiler, den ich nicht zufällig gewählt habe: ganz nahe von Sant´Anna, einem von der SS ausgelöschten Bergdorf, nicht im ehemaligen Stasiundgestapoberlin. Hier, wo ich mein Buch über den siebenbürgischen Auschwitzapotheker Capesius geschrieben habe, das du ja kennst, du hattest meine Lesung daraus im Berliner Literaturhaus moderiert; hier schreibe ich auch über das andere Trauma, die Rote Hölle, ein Buch, das ähnlich aufgebaut ist wie der „Capesius“, der unter den Sachsen zu einiger Aufregung geführt hat. Für jemanden der nur die halbe Wahrheit sieht, ist die ganze immer unangenehm.
Was nun dieses neue Buch betrifft: Und die neue Aufregung. Auch hier ist der einzige Ausweg Sachlichkeit. Auf die Sache und nicht auf persönliche Verletzlichkeiten muss eingegangen werden, aber das weißt du ja. Ich werde mich im nächsten Jahr nochmal ausführlich mit dem Thema beschäftigen ;daher bin ich dir eigentlich dankbar, dass Du das Ganze nochmals angestoßen hast.
Um wirklich wahrheitsgemäß zu schreiben, gehört (auch für einen kritiker) als erstes, das „krinein“ (das Unterscheiden und Unterscheidungsvermögen, die Dinge genau auseinanderzuhalten, und das Ganze sehen!), das aber ist nicht möglich nur im schnellen journalistischen Aktualitätsstil. Und da muss ich auf etwas besonders hinweisen; ich werde in deinem langen Artikel in der „Achse des Guten“ unter-scheidungslos einfach mit Namen und Zusammenhängen zusammengepackt, wo ich nicht hingehöre! Ich glaube, auch das weißt du, kannst es nicht vergessen haben, wie ich eurer Gruppe, im Gegensatz zu den beiden anderen Namen, in schwierigen Zeiten geholfen, euch unterstützt habe. Willi Totok habe ich sogar 1986 durch Medienhilfe aus dem Gefängnis geholt (vgl den ganzen Fall und min Verhältnis zur Aktionsgruppe in: W. Totok, Streiflichter. Aus den Hinterlassenschaften der Securitate, hjs, herbst 2010 S.50-57. Und W. Totok, Die Zwänge der Erinnerung.) Daher bitte ich dich, da es auch deinem Artikel und seiner Glaubwürdigkeit nur schadet, meinen Namen herauszunehmen, was ja bei blogs möglich ist.
In der hjs, da wirst du meine Einstellung und meine Solidarität mit euch dokumentiert nachlesen können. Und daran hat sich nichts geändert. Dass ich nicht kritiklos bin und eure etwas übertriebene Medienshow und die Einseitigkeit nicht so recht goutieren kann, das und eine eigene Meinung auch Freunden gegenüber, ist doch wohl noch erlaubt. Die Einteilung und Gegenüberstellung der zwei Securitateperioden war der Wahrheit wegen notwendig. Ihr wart auch in jener Ceausescu- Zeit vom ganzen Zusammenhang der Opferseite her gesehen, nicht sehr wichtig! Das lässt sich in den Quellen nachlesen, etwa im "Raport Final" (Humanitas, 2007, aber auch in den büchern von Marius Oprea, Romulus Rusan usw.). (Übrigens der große rumänische Roman über jene Zeit fehlt, wenn man "Ostinao" nicht gelten lassen will, dafür gibt es aber eine wichtige Memoirenliteratur, denk nur an "Jurnalul fericirii" u.a.)
Ich bin leider einer der letzten Augenzeugen für beide Epochen! Daher fühle ich diese Verpflichtung der Aufarbeitung besonders! Viel Zeit habe ich nicht mehr!!! Und beim Pastiorartikel (Die Zeit, 23.09)war es äußerst wichtig, eigene Erfahrung einzubringen! Ich habe Oskar verteidigt, nicht die Securitate! Wie kannst du so etwas sagen? Das war wohl Ironie, oder? Falls nicht, bitte ich dich, lies die Sachen genauer!
Ich bin ein friedfertiger Mensch und gehe auch mit dir auf keinen Streit ein. Doch die SACHE ist mir wichtig, mit ephemeren persönlichen Eitelkeitsauseinandersetzungen möchte ich nichts zu tun haben!
Der Ingenieur und Autor Ursu kommt bei mir überall vor, auch andere Mordfälle. Er war ein typischer Folterfall der sog. Divisa Z, „operatiuni umede“ in der Calea Rahovei 37-39, noch aus der Dej-Zeit übernommen! Im Buch wird der Fall genau untersucht, auch das unmögliche Gerichtsverfahren von heute. Und sogar in einem Gedicht, das ich Bossert gewidmet habe, kommt er vor, weil mir sein Fall besonders nahe ging.
... zu Hause
ein Dichter erschlagen vom Staat, wir sahn ihn
er lag im Sarg, nur von unsern Gedanken getragen,
mit einem Loch in der Stirn.
Die Sache mit den "Luxusdissendenten" war doch eher ironisch gemeint. Von manchen wie ein Witz aufgenommen. ich dachte du kannst Zwischentöne hören. In den neueren Fassungen gibt es das Wort schon lange nicht mehr, da es zu diesen Missverständnissen geführt hat, Samson hat mich darauf aufmerksam gemacht; und auch anderes ist in der neuen Fassung, die jetzt erscheinen wird, gestrichen, weil ich auch den Ton ganz objektiv haben möchte, da es mir nicht um Polemik, sondern um die Sache geht!
Lassen wir bitte die Verletzlichkeiten ruhn. Und bleiben wir objektiv! Die Zeit drängt!!!!
Ich möchte keinen persönlichen Streit mit dir. Und dich bitte ich auch, Attacken zur Person zu unterlassen! Ich werde auf so etwas von jetzt an nicht mehr eingehen!
Schöne grüße und alles gute auch für deine Arbeit und in deinem Leben! Und ich hoffe weiter auf den Erhalt guter Beziehungen, die wichtiger, produktiver und der Sache dienlicher sind als unnötiger unfruchtbarer persönlichen Streit! Für jeden sachlichen kritischen Hinweis zur Korrektur in meinen Arbeiten bin ich dir dankbar! Auch wenn es um Fehler in Daten, Zitaten etc. geht!
Dieter Schlesak
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