Rosen machen ihr Angst

Rosen machen ihr Angst


Veröffentlicht am 13 November 2013 - Tags: Blaue Vögel Gäste Schreiben

Die Zusammenarbeit zwischen Autorin und Lektorin ist ein sensibles Feld. In einem Gastartikel beschreibt meine Lektorin Dorothea Kenneweg dies am Beispiel meines ursprünglichen ersten Satzes beim Roman "Rausgekickt: Blaue Vögel".

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von aling_ bei Flickr

Foto: rose von aling_ bei Flickr


Rosen machen ihr Angst

So lautete der erste Satz des Manuskripts “Rausgekickt: Blaue Vögel”, als ich es zum Lektorieren auf den Schreibtisch bekam. Ein starker Satz, der Irritationen hervorruft. Zu viel Irritation, fand ich und verbannte ihn von seinem Platz in der ersten Reihe weiter nach hinten.
Nachdem Vera das Manuskript nach dem ersten Lektoratsdurchgang mit meinen Korrekturen und Anmerkungen zurückbekommen hatte, war sie mit den allermeisten Änderungsvorschlägen einverstanden, aber an ihrem originellen ersten Satz, auf den sie so stolz war, wollte sie unbedingt festhalten.
Ein typisches Tauziehen zwischen Autorin und Lektorin begann.

Natürlich hat der Autor am Ende das letzte Wort, immerhin ist es sein Buch und es ist für ihn oft schon schwierig genug, dass eine andere Person in seinem Werk “herumpfuscht”. Der Lektorin muss schon gute Argumente haben, um ihre Vorschläge zu begründen. Und ein Lektor hat ja auch nicht immer recht.
Ich sah die Gefahr, den Leser gleich mit einem so sperrigen Satz vor den Kopf zu stoßen und aus der Geschichte “rauszukicken”. Also war ich dafür, ihn erst zwei, drei Sätze später zu platzieren, wo er dann als Widerhaken immer noch seine Wirkung entfalten konnte. Vera hat sich schließlich überzeugen lassen und der besagte Absatz geht nun so:
Alles wirkt freundlich und lieblich in diesem Blumenladen. Mechthild beobachtet die Floristin, die mit einem Kunden spricht. Beide lächeln. Flirten sie etwa miteinander? Der Anblick fasziniert sie und versetzt ihr dennoch Stiche, als würden Rosen ihr Herz attackieren. Rosen machen ihr Angst. Dies ist keine besondere Auszeichnung für die Rosen, denn ihr machen viele Dinge Angst.

Allerdings war dies noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Nach dem Feedback einer Testleserin und einem weiteren Lektoratsdurchgang mit besonderem Fokus auf den Einstieg in die Geschichte beginnt das Buch jetzt ganz anders, nämlich mit der Vorstellung der Schicksalsboten Nullneun und Einszwo, die Mechthild durch die Fensterscheibe des Blumenladens beobachten.
Der Anfang eines Romans ist unheimlich wichtig und nicht umsonst hat es neulich eine Liebesromanautorin mal wenig damenhaft so formuliert: “Der erste Satz ist ein Arschloch”. Manchmal doktert man ewig daran herum. Der Romananfang muss den Leser in die Geschichte hineinziehen und neben dem Cover und dem Klappentext dafür sorgen, dass das Buch überhaupt gekauft und dann zuende gelesen, geliebt  und weiterempfohlen wird. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.
Darum bekommen der erste Satz, der erste Absatz, die ersten Kapitel besondere Aufmerksamkeit im Lektorat.
Die ersten Passagen von “Blaue Vögel” sind schließlich noch öfter als zwei Mal zwischen uns hin- und hergegangen, bis das Ergebnis uns beide – Autorin und Lektorin – zufriedengestellt hat.
Veras erster Satz hat im Roman nun eine weniger prominente Stelle eingenommen, darum möchte ich ihn hier als Überschrift meines Gastartikels noch einmal besonders ins Scheinwerferlicht rücken.
Ich wünsche noch vielen Lesern eine gute Zeit mit Mechthild und den Schicksalsboten in “Rausgekickt. Blaue Vögel” und freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit Vera an ihrem nächsten Roman.

Dorothea KennwegDorothea Kenneweg ist freie Lektorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Foto: Elge Kenneweg


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