Rollentausch

“Männer an die Macht” war gestern. Heute wollen, sollen und müssen Frauen da hin und Männer häufiger an den Herd. Jahrhundertealte Klischees sind in vergleichsweise wenigen Jahren auf den Kopf gestellt worden, und ich kann nur sagen: Das ist gut so.

Aber auch nicht immer einfach. Wie soll er denn nun sein, der neue Mann? Und wie fühlt sie sich, die neue Frau? Keine Frage, in meinem Freundinnenkreis ist man sich einig: Ein toller Mann muss einfühlsam sein, Autorität ausstrahlen, zuhören und über sich reden wollen, echtes Interesse an den Dingen um ihn herum haben, sich mit Höherem auseinandersetzen, Geld verdienen, romantisch sein und und und. Ganz ehrlich: wie viele Männer kennen wir, die so sind? Hängt die Latte nicht arg hoch?

Und was uns Frauen angeht, ist sich mein Freundinnenkreis auch einig: Karriere wollen wir machen, unsere Familien hoch halten (was den Bezug zu den Eltern als auch das Kümmern um vorhandene Kinder angeht), Freundschaften pflegen, sexy sein oder wenigstens regelmäßig Sex haben, Zeit für uns selbst finden und uns weiter entwickeln – krrrags, auch hier droht die Sackgasse. Wer ist schon so? Und wie viele gehen an diesem Anspruch kaputt, sind so damit beschäftigt, ihrem vermeintlichen Idealbild nachzueifern, dass sie zusammenbrechen?

Es ist unnötig, sich an diesen ganzen Bildern abzuarbeiten. Letztlich sind es ja auch nur Klischees. Wenn man das Experiment am eigenen Leib wagt und sich in diese Erwartungen begibt, dann sehen die Ergebnisse wohl durchwachsen aus. So schön das andere Extrem auch zu sein scheint, es ist halt ein Extrem und schon der Weg dahin ist steinig. Es ist wichtig und richtig und absolut gut, dass die Bilder sich wandeln, dass Männer und Frauen hoffentlich auf allen Ebenen gleichwertig behandelt werden können. Aber die Brechstange ist keine Lösung für jede/n. Nicht jeder moderne Mann ist ein glücklicher Babybespaßer, auch wenn er das sein möchte. Nicht jede karrierebewusste Frau muss gleichzeitig allen Erwartungen an sich selbst entsprechen. Dass man versucht, sich gleichwertig zu begegnen, dass man die Erfahrungen des Partners – und seien es nur die 2 Vätermonate der Elternzeit – nachvollziehen können will, DAS ist Emanzipation. Sich vom eigenen Klischee befreien, vom aufgedruckten Rollenbild einer Gesellschaft losmachen, die Gleichberechtigung ins Private holen, leben, ausprobieren.