Richard David Precht – "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?"

Richard David Precht – Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Das Buch möchte einladen zu einer Reise durch die Philosophie und erinnerte mich daher anfangs an Jostein Gaarders „Sophies Welt“. Das war allerdings noch, bevor ich auch nur eine Zeile von Prechts Buch gelesen hatte. Als ich damit begann wurde mir schnell klar, dass diese Reise woanders hingeht als bei Gaarder und sich anders gestalten wird.

Ich muss das vielleicht voran schicken: viel von meiner Neugier und meinem Interesse an der Philosophie habe ich Gaarders Buch zu verdanken. Dass ich inzwischen in einigen Teilen weit über Sophies Welt hinaus gereist bin – und vor allem den religiösen Ballast Gaarders abgeworfen habe, ist eine ganz andere Frage. Umso mehr interessierte mich, ob und wie Precht es anpackt, diese manchmal nicht unbedingt leichten Themen einem (jungen) Publikum nahe zu bringen. Und anders als Gaarder bedient er sich einer „moderneren“ und damit ungenaueren Sprache und macht es damit meiner Meinung nach viel schwieriger, ihm in seinen Gedankengängen zu folgen. Und ungenaue Sprache macht die Aussagen seines Buches an manchen Stellen einfach auch falsch. Wenn Precht schreibt:

Tiere und Menschen waren nicht von Natur aus gut, sondern sie waren völlig unmoralisch. (Seite 135)

dann ist das nicht nur lax ausgedrückt, sondern schlichtweg falsch. Wenn, dann können Menschen und Tiere (was selbst auch nur teilweise korrekt ist, denn der Mensch ist ein Tier) amoralisch sein; aber nicht unmoralisch. Wer sollte dem Tier Moral vorschreiben? Was soll ein Tier mit Moral anfangen? Und wie soll ein Tier unmoralisch handeln?
Das sind, aus philosophischer Sicht, grundsätzliche Fragen, denen sich und die sich Precht offenbar nicht stellt. Oder aber auch nicht stellen kann. Denn wenn er bereits in der Einleitung schreibt:

…seit ich die evangelische Kirche von innen gesehen habe, mag ich den Katholizismus.
(Seite 10)

dann bringt das eine Saite zum Klingen, die ich nicht sonderlich mag. Doch so erklärt sich auch Prechts oben genannte Aussage: wenn natürlich katholisches Denken hinter dem Buch steht, muss Precht den Menschen vom Tier trennen und er muss (zumindest dem) Menschen Unmoral (Erbsünde!) unterstellen.
Nur: kann er dann den Anspruch erheben, ein allgemeingültiges Philosophie-Einführungsbuch zu schreiben? Das mag ich bezweifeln.

Es gibt im Buch, das muss ich auch positiv anmerken, durchaus interessante Ansätze. So, wenn Richard David Precht versucht, auf moralische Fragen Antworten zu finden beziehungsweise die möglichen Antworten aufzuzeigen. So schreibt er über das Recht, sich selbst zu töten, Sterbehilfe zu leisten und auch über das Recht auf Abtreibung. Dabei bemüht er sich auffällig, nicht zu werten, sondern nur als „Berichterstatter“ zu fungieren.
Wenn er dies durch das gesamte Buch durchgehalten hätte… hätte es trotz zum Teil gravierender sprachlicher Mängel (also für meine Auffassung von Literatur) immerhin ein interessantes Buch werden können. Leider ist es das aber nicht.

In früheren Zeiten dürfte den Menschen das Töten der Tiere leichter gefallen sein, und Naturvölkern macht es in der Regel auch weniger aus. (Seite 219)

Solch eine pauschale Aussagen ist einfach nur falsch. Denn erstens haben und hatten Naturvölker ein ganz anderes, meist engeres Verhältnis zur Natur und empfanden sich sehr wohl als Teil der Natur. Das Töten von Tieren zur Nahrungsgewinnung war oft mit Riten, die um Verzeihung baten, verbunden. Und ist ganz sicher nicht mit Massentierhaltung und industriellem Schlachten vergleichbar. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass das Töten leichter fiel halte ich für einen Fehlschluss. Denn ein Tier zu jagen und zu erlegen kann für den Angehörigen eines Naturvolkes ein existentielles Problem werden. Entweder er tötet das Tier (oder dieses ihn) oder er verhungert. Heute werden Tiere maschinell und anonym getötet – weshalb ich denke, dass das Töten von Tieren im Gegensatz zu Prechts Aussagen heute leichter fallen dürfte. Vielleicht nicht dem einzelnen Individuum, aber den Menschen insgesamt. Es gibt einen Grund, weshalb Fleisch im Supermarkt keinerlei tierische Form mehr aufweist, die verraten würde, dass dort ein Teil Muskelgewebe eines ehemaligen Lebewesens für unseren Verzehr bereit liegt.

Richtiggehend gefährlich dumm wird der Autor, wenn er so etwas wie diesen „Beweis“ beschreibt:

Weder Gottes Intelligenz noch die intelligente Anpassung der Natur haben zum Beispiel bewirkt, das Tiefseegarnelen knallrot sind. [...] Das Rot bringt keinerlei Vorteil. [...] Wie kommt es, dass Menschen sich in einen Partner gleichen Geschlechts verlieben? Solche offenen Fragen zeigen Blößen in der Evolutionstheorie, die jedes Phänomen und jede Verhaltensweise als möglichst optimale Anpassung an die Umwelt interpretiert. (Seite 297)

Ich habe keine Ahnung, wessen Beifall er damit einheimsem möchte. Für mich sind solche Ungereimtheiten einfach nur dummes Gequatsche. Und meine kreationistischen Alarmglocken schellen.
„Blößen in der Evolutionstheorie“… ich sehe da eher Blößen in Prechts Gedanken. Ob der Autor noch im Besitz seines Blinddarmes ist, der ja unter dieser Art Logik auch nur eine „Blöße der Evolutionstheorie“ ist (und nicht ein Relikt aus einer rein pflanzenfressenden Ernährungsweise in der Vergangenheit), weiß ich leider nicht.

Und manchmal gelingt Precht tatsächlich auch einmal eine gute Erkenntnis. So wie die hier:

Doch was bleibt von diesem Möglichkeitssinn [nach Musil], wenn es den freien Willen … gar nicht gibt? Wenn ich durch meine Erfahrung, Erziehung und Bildung tatsächlich zur sozialen Unfreiheit bestimmt bin, dann wiederhole ich in meinem Handeln in Wahrheit nur soziale Programme, spiele Rollen, erfülle Normen und folge dem sozialen Drehbuch. Was ich für meinen Willen halte, meine Ideen und meinen Esprit, ist nichts als der Reflex von Ideologien und kulturellen Mustern. Mit anderen Worten: Ich habe gar keinen Willen und keine eigenen Vorstellungen, sondern ich schreibe mir sie nur zu. (Seite 321)

Zwar findet – wie sich aus dem Kontext des Zitats ergibt, der Autor diese Möglichkeit nicht sonderlich erfreulich; doch nimmt er sie als gegeben hin. Und relativiert sie dann einige Seiten später

Man kann also sagen: Ja, wir sind in gewisser Weise frei, denn wir bestimmen uns durchaus selbst. Diese Freiheit wird allerdings von unseren Erfahrungen eingeschränkt. Der Mensch ist sein eigener Rahmen. Aber innerhalb dieses Rahmens sind Veränderungen sehr wohl möglich. (Seite 350)

Ich bin nicht ganz so boshaft wie der Autor der Süddeutschen in seiner Rezension zu Prechts aktuellem Buch, der schreibt:

Man macht sich nicht leicht eine Vorstellung von dem Bild, das Richard David Precht in “Liebe” abgibt; vom schieren Ausmaß an Inkompetenz und großspuriger Besserwisserei, das dieses Buch durchsetzt. Es ist eine pseudowissenschaftliche Blamage. Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat…
(Quelle: sueddeutsche.de)

aber ich bin wirklich enttäuscht und teilweise entsetzt. Weshalb dieses Buch – das seinen Titel im Vollrausch bekam – es auf die Bestsellerlisten schaffte, erschließt sich mir absolut nicht.

Nic

[Erstveröffentlichung: 12. Dezember 2009]


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