Revolution – National und sozial?! // Einige Überlegungen zum Film „Tanz auf dem Vulkan“ (1938)

Es war ein ganz schöner Schreck, als mich ein Bekannter, dem ich von meinem Artikel in der Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“ erzählte, mit einer gewissen Ironie fragte, ob sich der Titel der Zeitschrift auf den Nazi-Film mit Gustaf Gründgens von 1938 beziehe und was das in Bezug auf „Blockupy“ zu bedeuten habe. Ich versicherte mich sofort bei der Redaktion, dass sie ebensowenig wie ich von der Existenz dieses Films gewusst haben, dass namensgebend eher Klaus Manns antifaschistischer Roman „Der Vulkan“ gewesen sei. Eine google-Recherche versicherte mir, dass die Metapher des Tanzes auf dem Vulkan in allen politischen Lagern verbreitet ist und dass ich mir also keine Sorgen machen muss, in Verdacht zu geraten, unwissentlich in einem Querfront-Magazin veröffentlicht zu haben.
Dennoch ließ mir die Existenz dieses Films keine Ruhe. Ich wusste, es gab nur einen Weg: ich musste ihn mir einmal in voller Länge anschauen. Also besorgte ich ihn mir in der Videothek und tat dies. Es ist sowieso immer wieder interessant, sich Nazi-Filme anzuschauen (ein wirklicher guter Film ist etwa „Münchhausen“ von 1943 – nach einem Drehbuch von Erich Kästner).
Doch es war nicht nur das, was mich neugierig machte. Zum einen war es dieser einzige Ausschnitt aus dem Film, den es bei youtube zu finden gab:

Ein musikalisch zwar nicht besonders innovativer, aber fetziges Lied mit Ohrwurmqualität, das nach 1945 von diversen klar linken Künstlern gecovert wurde. Kein Wunder: bei dem Text würde auf den ersten Lauscher wohl niemand denken, es handelte sich um den Titelsong eines Nazi-Films. Zumal – ein Nazi-Film, an dessen Ende die Tricolore im Bild flattert?!
Zum anderen ging aus dem wikipedia-Eintrag zu dem Film hervor, dass der Film, speziell auch der Schlager „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ Goebbels in der Tat nicht ganz geheuer war. Andererseits aber auch, dass sein Regisseur, Hans Steinhoff, kein verkappter Antifaschist, sondern richtiger, echter, wirklicher Hardcore-Nazi gewesen war, dem man wohl kaum unterstellen kann, einen versteckt subversiven Film drehen gewollt zu haben.

Es stellte sich also ein echtes Rätsel. Und als guter Philosoph kann ich nicht ruhen, ehe sich mir ein solcher scheinbarer Widerspruch in Wohlgefallen auflöst. Lange Rede, kurzer Sinn: ich ging in die Videothek und schaute mir den Film an. Es folgt eine Art Rezension.

Wirklich empfehlen kann ich den Film nicht. Es ist vor allem ein Unterhaltungsfilm. Er spielt in Paris 1830 kurz vor der Julirevolution. Der beliebteste Schauspieler von Paris (Jean-Gaspard Debureau, gab es wirklich, allerdings ist der Film nur sehr lose an der Realität angelehnt) nutzt seine Popularität, um ein wenig Stimmung gegen den amtierenden König, Karl X., und für Louis-Phillip, seinen Vetter, zu machen. Außerdem hat er eine Affäre mit einer Gräfin, in die zugleich der König verliebt ist, was den Konflikt verschärft. Am Ende dreht er durch und beschimpft den König auf der Bühne in dessen Anwesenheit. Dafür wird er hingerichtet. Der Zorn über seine Hinrichtung löst dann im Film im Julirevolution aus. Er entgeht so dem sicheren Tod, das Volk bejubelt ihn als Helden und singen „sein“ Lied, „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“.

Man kann dem Film gewisse „subversive“ Qualitäten durchaus nicht absprechen. Ein „NS-Film“ ist er sicherlich nicht. Es lassen sich doch einige Merkmale dieser „Subversion“ aufzeigen, die sie doch in einem etwas fragwürdigem Licht erscheinen lässt:

- Es geht nie um irgendwelche Inhalte. Gerade der Hauptdarsteller ist rein ästhetisch-persönlich motiviert.
- Im Grunde wird an Karl X. nur kritisiert, dass er persönlich verkommen und nicht volksnah genug ist.
- Es geht ganz klar nie um Demokratie oder sonstige bürgerliche Ideale, sondern schlicht darum, den einen König gegen einen anderen zu ersetzen. (Natürlich in totaler Verzerrung der realen Geschnehnisse von 1830.)
- Der Antiaristokratismus des Films ist generell ziemlich moralisch. Dem Adel wird vor allem Dekadenz vorgeworfen.
- Debureau ist eine Art Führerfigur, die sich durch Entschlossenheit und Opferbereitschaft auszeichnet. Er ist charismatisches Vorbild der Massen. Im Grunde wäre er ein besserer Führer als der entscheidungsschwache Louis-Phillip (den im Gegensatz zu Karl X. nur seine Volksnähe auszeichnet).

Es stellt sich weiterhin die Frage, welchen Sinn es haben kann, 1938 einen antiaristokratischen Film zu drehen.

Der Film ist in seinen ästhetischen Mittel sicherlich stellenweise sehr effektvoll, arbeitet mit sehr originellen und sauber gesetzten Schnitten etc. Er ist aber letzten Endes doch sehr seicht: die Handlung ist extrem stereotyp, es gibt nichts, was einen beim Anschauen irgendwie fordern würde. Gerade das versöhnliche happy end nimmt den Film geradezu jeden wirklich subversiven Stachel. Die Botschaft ist schon eher, dass die Revolution bereits vollzogen ist – die verkommene Aristokratie ließe sich vielleicht als die alte bürgerliche Elite verstehen, die nun durch den NS abgelöst wurde.

Interessant ist in dem Film auf jeden Fall, wie sich der NS selbst darstellt:
Botschaft des Films ist ja ganz offen, dass es einer Ästhetisierung der Politik bedarf, damit diese glaubwürdig sein kann. Karl X. scheitert, weil er es nicht schafft, die richtigen Symbole zu produzieren. Louis-Phillip obsiegt, weil er es versteht, mit dem Schein zu spielen und weil er mit der Kunst im Bunde ist.
(Witzigerweise ist das Beispiel für Louis-Phillips „Volksnähe“, dass er immer einen Regenschirm trägt, den er ganz bewusst als Markenzeichen einsetzt.
Ein weiteres lustiges Detail: Debureaut arbeitet v.a. mit dem Verteilen von subversiven Flugblättern nach und während seinen Vorstellungen – ob die Leute von der „Weißen Rose“ den Film gesehen haben?
(Wobei es am Inhalt der Flugblätter wieder hapert: das sind reichlich platte Spottverschen.))

Der Titel „Tanz auf dem Vulkan“ wirkt dem Film etwas aufgesetzt – auf das Bild des Vulkan wird im Film nie mehr Bezug genommen.
Letztendlich bedeutet „Tanz auf dem Vulkan“ wohl nur so viel wie: es sind schwierige, vorrevolutionäre Zeiten, der Vulkan, in denen es gilt, die richtigen Entscheidungen zu treffen (der „Tanz“). Also letztendlich das, was man als Kommunist mit der Verwendung dieser Metapher auch sagen möchte.

Das beste am Film ist wohl wirklich das Lied „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“. Am subversivsten ist natürlich diese Strophe – wobei gerade die wiederum reichlich sexistisch ist:

Wenn der Morgen endlich graut
durch die dunst‘gen Scheiben,
und die Männer ohne Braut beieinander bleiben,
schmieden sie im Flüsterton
aus Gesprächen Bomben.
Rebellion, Rebellion
in den Katakomben!

Eigentlich macht sich das reaktionäre des Films sogar gerade in dem Refrain des Liedes fest:

Berauscht Euch, Freunde, trinkt und liebt und lacht
und lebt den schönsten Augenblick!
Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht,
bedeutet Seligkeit und Glück!

Das ist ja genau die Umkehrung von Goethes „Faust“ (dessen Botschaft ja gerade ist, dass der „höchste Augenblick“ nicht mephistotelisch im Augenblick, sondern nur im Vorgefühl eines Künftigen, der Utopie, liegen kann) – das gegenwärtige, ephemere Behagen wird schlecht antiaufklärerisch der Idee wirklicher Versöhnung zum Opfer dargebracht. Eigentlich lässt das die „Rebellion in den Katakomben“ in der dritten Strophe in keinem guten Licht erscheinen.

Die Botschaft wäre also insgesamt eher „Lasst es euch gut gehen in den relativen Freiräumen, die das System euch bietet“ als „Rebelliert“.

***

Letztendlich ist das Fazit meiner Überlegungen zu dem Film, dass man sich durchaus entwendend auf ihn beziehen kann. Die Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“ hat also, sei es selbst versehentlich, nichts falsch gemacht. Es gibt nun mal so etwas wie einen „revolutionären Nationalsozialismus“, mit dem sich Bilder wie das des Tanzes auf den Vulkan ganz gut vertragen. Der Film zeigt freilich selbst gegen seine Intention gerade, wie unmöglich es fast ist, für den Nationalsozialismus nach der Machtergreifung noch seinen revolutionären Kern ästhetisch darzustellen ohne ihn entweder gänzlich zu entpolitisieren oder in Widerspruch mit sich selbst zu treten.
Witzigerweise tut sich hier eine interessante Parallele zu Martin Heidegger auf, den man ebenso jenem „revolutionären Nationalsozialismus“ zurechnen kann. Denn Heideggers Aufsatz über den „Ursprung der Kunstwerks“, basierend auf einem Vortrag von 1935, lässt sich sehr direkt als Intervention in den sich von seinem revolutionärem Ausgang verabschiedenden NS deuten, als Versuch, den Nationalsozialismus an seinen eigenen radikalen „Ursprung“ zu erinnern – und dies macht sich wesentlich daran fest, dass Heidegger die entscheidende Rolle des Kunstwerkes als „Sich-ins-Werk-Setzen der Wahrheit“ betont. Die griechische Polis hätte es gerade ausgezeichnet, dass in ihr der Tempel den echten Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens gebildet hätte. Mehr noch: Heidegger geht sogar soweit zu behaupten, dass in der griechischen Welt der Tempel als paradigmatisches Kunstwerk die Lebenswelt um ihn herum erst stiftet. Dorthin gilt es nach Heidegger natürlich zurück zu kehren und der Kunst wieder einen würdigen Platz im Leben zu verschaffen. Die Kunst wird so radikal Politik, Moral, Ethik, sogar der Philosophie etc. vorgeordnet.
Auch wenn Heidegger dabei natürlich an van Gogh und Hölderlin und nicht an die NS-Propagandamaschinerie, die er sicherlich verabscheute, dachte, ist die Nähe zu jener doch augenfällig: die Revolution des Nationalsozialismus zeichnet sich gerade durch diese Ästhetisierung nicht nur der Politik, sondern des gesamten Lebens aus. Weil das Sein der Gesellschaft nicht verändert werden darf, muss der Schein umso radikaler verändert werden. Doch weil eine radikale Veränderung des Scheins nicht möglich ist, ohne das Sein zu affizieren, muss nicht nur die Philosophie Heideggers, sondern auch der gesamte NS stecken bleiben – der Film „Tanz auf dem Vulkan“, der dieses Wesen des NS offen ausspricht, zeigt dies beispielhaft. In diesem Scheitern an seiner ideologischen Intention ist vielleicht tatsächlich subversiv.


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