Review: TRANCE – GEFÄHRLICHE ERINNERUNG – Danny Boyle und die Schluchten der Gedankengängen

Review: TRANCE – GEFÄHRLICHE ERINNERUNG – Danny Boyle und die Schluchten der Gedankengängen
Fakten:
GB. 2013. Regie: Danny Boyle. Buch: John Hodge, Joe Ahearne. Mit: James McAvoy, Rosario Dawson, Vincent Cassel, Tuppence Middleton, Lee Nicholas Harris, Danny Sapani, Seelan Gunaseelan, Ben Cura, Wahab Sheikh, Matt Cross u.a. Länge: 101 Minuten. Ab dem 08. August im Kino.
Story:
Simon arbeitet als Auktionator von wertvollen Kunstwerken. Eines Tages hilft er einer Diebesbande ein Goya-Gemälde zu stehlen, wird dabei aber am Kopf verletzt und kann sich darauf nicht mehr daran erinnern, wo er das Gemälde versteckt hat. Die Gang, angeführt von Franck ist darüber natürlich nicht begeistert und schickt Simon zur Hypnotiseurin Elizabeth, die Simons verschollene Erinnerung wieder frei legen soll. Als sie immer tiefer in sein ohnehin schon kaputtes Unterbewusstsein vordringt, vermischen sich für Simon die Grenzen zwischen Realität und Illusion.


Meinung:
Wenn sich ein Regisseur in der Filmwelt langfristig etablieren möchte, dann sollte er die uneingeschränkte Fähigkeit besitzen, sich mit jedem Film weiterzuentwickeln und sich ebenso in seinem künstlerischen Rahmen neu zu erfinden. Man darf innerhalb seiner fachbezogenen Abilität nicht berechenbar werden und muss dem Publikum beweisen, dass man zu seinen eigenen Attributen auch die wandelbare Vielseitigkeit zählen kann. Wie man sich zum Beispiel den noblen Titel eines mannigfachen Allrounders aneignet, zeigt der polnische Meisterregisseur Roman Polanski auch heute noch, der sich in so ziemlich jedem (Sub-)Genre heimisch fühlen kann. Ähnlich abwechslungsreich, aber lange nicht auf der gleichen qualitativen Wellenlänge, agiert auch der britische Filmemacher Danny Boyle, dessen Sprunghaftigkeit schon einen charakteristischen Status innerhalb des Filmgeschäfts besitzt. Man muss nur an seine hervorragende Drogen-Groteske „Trainspotting“ denken, die bis heute als Boyles Opus Magnum gilt, seinen Horror-Thriller „28 Days Later“ oder das visuell berauschende Sci-Fi-Poem „Sunshine“.

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Simon steckt in Schwierigkeiten

Nachdem Boyle aber in aller inszenatorischer Deutlichkeit auf den Konsenszug aufgesprungen ist und sich wohl endlich selbst auf dem Siegertreppchen der Oscar-Verleihung sehen wollte, verließen ihn auch die ansprechenden Manierismen und Werke wie sein mit 8 Oscars ausgezeichnetes Feel-Good-Märchen „Slumdog Millionär“ und der auf wahren Ereignissen beruhende Abenteuerfilm „127 Hours“ konnten die qualitativen Standards seiner Sternstunden nicht mehr einholen, wenngleich Boyle sich nach wie vor neugierig in Sachen formaler Fortschritte zeigte, doch handwerklich wollte seine von Diversitäten dirigierte Œuvre nie sonderlich eklatante Defizite aufweisen. Es fehlten nur einfach der Pepp und der antreibende Zündstoff, der einen Film von solider Unterhaltung für zwischendurch zu einem nachhaltigen Ausflug in fremde Welten stilisieren konnte. Mit seinem neusten Streifen „Trance – Gefährliche Erinnerung“ scheint Boyle jedoch sein vermisstes Mojo wiedergefunden zu haben und fährt eine irre Show auf, wie man sie so vorher wohl nicht erwartet hat.

Wenn auf Danny Boyle in einer Hinsicht durch sein gesamtes Schaffen immer Verlass war, dann auf seine exzellente Schauspielerwahl, die sich durch ihre Varietät auszeichnen durfte und die interessantesten Kollaborationen entwarfen. In „Trance – Gefährliche Erinnerung“ blieb er sich diesem Ruf ebenso treu und sein dreier Gespann aus James McAvoy („X-Men: Erste Entscheidung“), Vincent Cassel („Black Swan“) und Rosario Dawson („Sin City“) ist auch im vollendeten Film so ansprechend zusammengewürfelt, wie es  sich auf dem Papier bereits liest. Dabei gehört der Hauptanteil dem schottischen Frauenschwarm und aufstrebenden Stern James McAvoy, der als Simon die verschiedenste Charakterfacetten ausspielen darf und von den brodelnden Wutanfällen bis zur durchgeschwitzten Verzweiflung durchweg überzeugt. Ähnliches gilt auch für Frau Dawson, die im Laufe der Geschichte eine immer gewichtigere Rolle zugesprochen bekommt und ihre augenscheinliche Zwiespältigkeit Stück für Stück ausreizt. Da bleibt der brillante Vincent Cassel zwar etwas auf der Strecke, besitzt aber ein so enormes Charisma, dass die reduziere Screentime nicht weiter stört.

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Kann Hypnoteseurin Elizabeth weiterhelfen?

Nun ist also der besagte Fall eingetreten, dass Boyle sich seinem Oscar-Trichter aus den Gehirnwindungen geblasen hat und einfach mal wieder die Sau rauslassen möchte, um die Tinte auf dem Füller ordnungsgemäß nachzufüllen – Ohne Frage, es ist ihm gelungen. Nur ist die wichtigere Frage, worum es sich denn nun eigentlich in „Trance – Gefährliche Erinnerung“ handelt und was den Film von Boyles vorherigen Arbeiten differenziert. Den Grundstein legt da – wie immer – das konzipierte Drehbuch von John Hodge und Joe Ahearne. Bevor es in die intentionale Tiefe geht und der wahre Fokus an die Oberfläche gekehrt wird, ist es besonders ansprechend und ebenso innervierend, dass die Querverweise auf Christopher Nolans starbesetzten Megablockbuster „Inception“ repräsentativ in das geschriebene Geschehen gerückt wurden und schließlich von Danny Boyle in so manchen, kleineren Momenten immer wieder aufleben dürfen. Hier mit dem Unterschied, dass Boyle nun mal ein wirklich guter Film über das unbegrenzte Vermögen der (unterbewussten) Gedankenwelten gelungen ist.

Danny Boyle war, wenngleich er sich dem Markenzeichen eines Autorenfilmers Zeit seiner Karriere entzogen hat, nie ein Regisseur, der sich für ein einziges Genre innerhalb eines Filmes interessierte und sich dann an auferlegten Konventionen Anhand der kinematographischen Grundsätze entlanghangelte. Boyle überzeugte mit seinem potpourriartigen Output, die so manches Mal den Eindruck eines ästhetischen Konglomerates machten, aber immerhin nie stringent einem stumpfen Ziel entgegensegelten. Gleich gilt für „Trance – Gefährliche Erinnerung“, zu viele Elemente aus vergangenen Zeiten lassen sich entdecken und verschmelzen mit Boyles neophiler Kunstauffassung, die sich auch durch die visuelle Klasse verdeutlicht. Es wird schnell klar, dass hier Subjekte und Objekte in jeder Szene mit penibler Sorgfalt präzise an Ort und Stelle positioniert wurden, um nichts dem Zufall zu überlassen. Dass die Welt, in der „Trance – Gefährliche Erinnerung“ atmet, in Wahrheit aber schon längst aus den Fugen geraten ist, suggeriert bereits die dezentrierte  Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle – Einziger Störfaktor ist die permanente musikalische Untermalung, die von sämtlichen Artisten beigesteuert wurde.

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Franck wurde hintergangen, oder?

Man würde es sich zu einfach machen und „Trance – Gefährliche Erinnerung“ letzten Endes auch Unrecht tun, wenn man ihn salopp als gelungene „Inception“-Variation tituliert, so einladend das herablassende Prädikat auch erscheinen mag. „Trance – Gefährliche Erinnerung“ taucht ebenso in die verschachtelten und unergründlichen Irrgärten in der Gedankenwelt seiner Charaktere ein und lässt ab einem bestimmten Punkt die repetitiven Erinnerungswurzeln in einen elliptischen Wirbelsturm aus Schein und Sein strömen, in dem man sich am Ende immer weiter von der Wahrheit entfernt, je besessener man sie ergreifen möchte. In der modifizierten Kombination aus den Stilblüten eines modernen Neo-Noir und der standardisierten Handhabung herkömmlicher Heist-Thriller, entwirft Boyle einen unhaltbaren Ritt durch das nebulöse wie ambivalente Reich der Lügen, des Wahnsinns und der konträren Abhängigkeit altertümlicher Kunst und fortgeschrittener Technologie. Nicht umsonst darf ein iPad letztlich über alles entscheiden, während zwischenmenschliche Beziehungen bloße Behauptungen sind und ein rasierter Intimbereich zum einzigen Anhaltspunkt zweier Individuen wird.

Fazit: Danny Boyle meldet sich mit einem echten Knaller zurück ins Filmgeschäft und beweist, dass ihm der Mut und die Freude am Filmemachen noch lange nicht abhandengekommen sind. „Trance – Gefährliche Erinnerung“ ist ein irrer, rasanter und durchweg unterhaltsamer Wellenritt durch die verschnörkelten Schleichwege menschlicher Erinnerungen und Gedanken. Am Ende siegt die charakterliche Ambivalenz Hand in Hand mit der visuellen  Akkuratesse und „Trance – Gefährliche Erinnerung“ wird zu einem spannenden und unbedingt sehenswerten Heist-Neo-Noir-Thriller, der seinen hochgradigen Platz in Boyle Schaffen bereits jetzt gesichert hat.

7 von 10 halben Köpfen mit einem Lächeln auf den Lippen

von souli


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