Review: IN DEN WIND GESCHRIEBEN - Die bitterste Dynastie Amerikas

Review: IN DEN WIND GESCHRIEBEN - Die bitterste Dynastie Amerikas
Fakten:
In den Wind geschrieben (Written on the Wind)
USA. 1956. Regie: Douglas Sirk. Buch: George Zuckerman, Robert Wilder (Vorlage).
Mit: Rock Hudson, Lauren Bacall, Robert Stack, Robert Keith, Dorothy Malone, Maidie Norman, Grant Williams, Edward Platt, Roy Glenn, Harry Shannon u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD erhältlich.
Story:
Die Hadley-Familie sind durch das Geschäft mit dem Öl reich geworden. Vater Jasper, der nach dem Tod seiner Frau seine beiden Kinder alleine großzieht, nimmt mit Mitch, einem armen Freund seines Sohnes bei sich auf und ermöglicht ihm ein besseres Leben. Dabei entpuppt sich Mitch als ehrenwerter, fleißiger und verantwortungsbewusster junger Mann. Eine Eigenschaft, die Jaspers leibliche Kinder nicht besitzen. Es kommt zum Konflikt.


Meinung:
Bereits am Anfang legt der titelgebende Wind los, rast durch die Öl-Industrie von Texas, fährt den Exzess an die Haustür und richtet diesen in einem verschleierten Hurrikan der Gefühle nieder, während auf dem Soundtrack in subversiver Ironie das süßliche Barbershop-Titellied erklingt und die Hauptdarsteller inmitten dieser vorausschauenden Vorspann-Montage vorgestellt werden. Denn darauf folgt zunächst ein extensiver Rückblick in die Vergangenheit, der ganz unschuldig beginnt, zumindest von Lucys (Lauren Bacall) Seite aus, die für die Hadley-Öl-Company als Werbedesignerin arbeitet, sodann allerdings durch ihre natürliche Erotik die besten Freunde Mitch Wayne (Rock Hudson) und Kyle Hadley (Robert Stack) auf den Plan ruft, um ihre Gunst zu buhlen. Letzterer kann als Millionenerbe mit der Macht und Faszination des Reichtums glänzen und sieht sich dabei auch siegessicher, so energisch er die verheißungsvollen Weichen legt. Doch wie bei der Geschichte vom Rennen zwischen dem Hasen und der Schildkröte ist jene Siegessicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Lucy ist nicht eine dieser Frauen - das belegt auch der Vaseline-Schleier, der anfangs nur in ihren Nahaufnahmen vorkommt. Dennoch lässt sie sich zum Bleiben überzeugen, da sich bei Kyle Zeichen der inneren Verzweiflung bemerkbar machen, er dafür sogar einen demütigen Appell an sie richtet. Ist ihr Entschluss eine Mitleidstat? Das Schicksal ist jedenfalls nicht allzu guter Dinge, legt bereits hoch über den Wolken in Kyles Privatflugzeug eine rote, fatale Aura um seinen Körper.

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"Jetzt wollen wir mal rausfinden, wie schwul du echt bist"

Allmählich offenbart uns Regisseur Douglas Sirk ohnehin die finstere Seite des Hadley-Imperiums, die sich in Kyle und seiner Schwester Marylee (Dorothy Malone) manifestiert hat. Alkoholmissbrauch ist beiden eine belastende Crux, woher genau dieser rührt, ist nicht wirklich motiviert, aber ein klares Zeichen verzerrter Dekadenz und leidlich unterdrücktem Frust. Speziell Marylee hadert in unterschwelliger Nervosität mit ihrer ewigen unerfüllten Liebe zu Mitch Wayne, welcher wiederum nicht ganz von Lucy lassen kann. Jener Umstand entgeht auch nicht wirklich Kyles Auge, der seinen Herzensbesitz bei Lucy ständig in Gefahr sieht, zudem mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat, die seine Paranoia noch stärker forcieren. Die beidseitige, verzweifelte Eifersucht der Hadley-Geschwister entfacht sodann einen folgenschweren Sturm von Nachlässigkeit, Misanthropie und Intriganz, in dem das verständnisvoll-umklammernde, unausgesprochene Verhältnis zwischen Mitch und Lucy nicht anders kann, als sich gegenseitig emotional zu stützen. Eine Flucht aus dem Sturm soll jedoch nicht unternommen werden, dafür sind beide zu stark mit ihren besorgten Gefühlen zu Kyle verbunden, um ihn im Stich zu lassen, erst recht da Lucy jetzt doch, entgegen der ärztlichen Meinung, von ihm ein Kind erwartet.

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Drei Geschwister, drei Ansichten, ein Drink

Doch der Pfad der Selbstdestruktion hat ihn bereits so verätzend eingenommen, dass er sein potenzielles Glück niederschlägt, die Fronten gegen sich aufhetzt und zur wutentbrannten Verzweiflungstat voranstürmt, gegen die nicht mal versöhnliche, klare und ehrliche Worte helfen können. Die Zerstörung findet ihre Konsequenz und als Schuldiger muss wie immer Mitch seinen Kopf hinhalten, was Marylee beinahe recht kommt, da sie seine 'Liebe' nun schlussendlich mit dem Geständnis der Wahrheit erpressen kann. Doch auch sie ist nicht gewappnet gegen die Einsicht über ihre gefallenen, selbstsüchtigen Entscheidungen und den Konsequenzen, anhand deren Egoismus sie ihr Glück von einst zerbrechen ließ - und so schreitet sie voller Demut zur Verantwortung, ihrem Mitch zuliebe, der ihrer Güte Tränen der Erleichterung entgegenbringt. Dieser moralische Schlusspunkt lässt ihr insofern nicht unbedingt die Erfüllung ihrer Wünsche, aber zumindest die Anerkennung ihres größten Freundes, den sie schweren Herzens, aber schuldbewusst ziehen lässt, damit er und die aufgrund ihrer Handlungen seelisch zerschundene Lucy doch noch von vorne anfangen und glücklich werden können. Sirk zeichnet diesen Weg dorthin mit direkten Offenbarungen unter der farbenfrohen Hülle des texanischen Industrie-Hedonismus mit seinen respektierten, doch innerlich dahin vegetierenden Größen, erhebt darin mit stetig anwachsender Charakter-Reibung ein aufregendes Spannungsfeld, das sich immer tiefer in den Teufelskessel vollends menschlicher Frustration hinein verliert und schließlich in brandheißer Eskalation explodiert.

Im Zentrum dieser Stärken brillieren vor allem Stack und Malone in ihrer Porträtierung der Hadley-Geschwister, zehren derartig hart am Limit der Verzweiflung, dass sie höchst authentisch, greifbar und äußerst verletzlich wirken, selbst wenn sie am meisten verletzen - viel mehr noch als Hudson und Bacall, deren bittere Sehnsucht im Narrativ natürlich trotzdem eine empathische Entsprechung erhält, aber dennoch von der brodelnden Macht der Hadleys übertrumpft wird. In dieser verstärkten Präsenz jener Geschwister zeigt sich jedoch am Besten, wie Sirk trotz moralischer Essenz weniger darum bemüht ist, ein Urteil über deren Wesen zu fällen, sondern aufzuzeigen, welch psychologische Problematik selbst in den Gesellschaftlich-Höhergestellten steckt, so dass diese auch Mitgefühl und Hilfe verdient haben, nicht grundlos böse/arrogant sind. Dass die Konsequenzen sich durchaus als brutal und erschütternd erweisen, steht natürlich außer Frage und zieht den Zuschauer in den aufregenden Sog der Intensivität, der in meisterhaft-pointierter Gestaltung ein genüssliches Drama amerikanischer Dynastien aufzieht. Unbedingt empfehlenswert, dieses kraftvoll-tragische Seelen-Abenteuer alter Schule.

7,5 von 10 Intrigen

vom Witte

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