Review: Die mittelmäßige Komödie “The Interview” kommt mit höchster politischer Brisanz daher

Review: Die mittelmäßige Komödie “The Interview” kommt mit höchster politischer Brisanz daher

“The Interview” von Seth Rogen und Evan Goldberg sorgte für politische Kontroverse // alle Bilder © Sony Pictures

Hätte ich mir The Interview angeschaut, wäre der Film nicht durch eine immens gute “Marketing-Strategie” so in den Fokus der politisch-medialen Berichterstattung gerückt worden? Ja, ich hätte mir die Seth Rogen/James Franco Schote trotzdem gegeben, wäre aber vermutlich mit weitaus weniger Spannung und Erwartung an das Regiewerk von Rogen und Evan Goldberg (zusammen: Das ist das Ende) heran gegangen.

Immerhin das haben die bisher unbekannten Hacker geschafft. Sie haben die Kinogänger weltweit vereint und das Interesse an einer „verbotenen Frucht“ geschürt. Erst eine Anschlagsdrohung auf die Filmpremieren, dann der Rückzieher der großen amerikanischen Kinoketten, dann Sonys Bekanntgabe, den Film vorerst überhaupt nicht an die Öffentlichkeit zu lassen. Doch die gemeinschaftlichen Aufrufe eines kleinen Zusammenschlusses von US-Arthouse-Kinos sowie den Fans, die mit Hilfe sozialer Medien The Interview die nötige Trending Topic-Aufmerksamkeit verschafften, konnte man den Entschluss Sonys doch noch einmal umdrehen und die wirklich nur mittelmäßige Komödie in den sonst so anspruchsvollen Kunstkinos und obendrein noch direkt in den heimischen vier Wänden als Video-on-Demand Angebot sehen.

Und so belanglos der Film daherkommt, so sehr ist er damit doch ein wichtiger Teil der Filmgeschichte geworden. Vielleicht der Vorzeigefilm der Neuzeit, wenn es um die Freedom of Speech und das Verbot von Kunst geht, das nun auch noch mit Mitteln moderner Medien und der Community-Kraft von Fans und Stars (vor allem über Twitter) gerettet werden konnte. Und möge man nun von dem Film halten was man möchte, allein dafür ist er es Wert gesehen zu werden.

James Franco spielt den Entertainment Moderator Dave Skylark, der mit seiner Show Skylark Tonight die irrelevantesten Themen der Branche abgrast. Er begrüßt Gäste wie Eminem, Rob Lowe oder Joseph Gordon-Levitt (allesamt via Gastauftritt im Film zu sehen) und inszeniert sich mehr selbst als dass es um seine Interviewpartner gehen würde. Während der etwas unterbelichtete Skylark sich für einen Star hält und Spaß an dem hat, was er tut, fühlt sich sein Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen) von einem Kollegen angegriffen, der inzwischen bei der Nachrichtensendung 60 Minutes arbeitet und von den „echten“ News spricht, mit denen Aaron nur herzlich wenig zu tun hat.

James Franco, Evan Goldberg und Seth Rogen (v. l. n. r.)

James Franco, Evan Goldberg und Seth Rogen (v. l. n. r.)

Dementsprechend ist die Freude natürlich groß, als man sich mit Kim Jong-un einen Interviewgast angeln kann, der aufgrund von Raketenstarts über Nordkorea gerade überall in den echten Nachrichtensendungen vertreten ist. Da ist es sogar egal, dass das Regime aus Nordkorea das gesamte Interview vorgeben möchte. Jedes Wort soll Moderator Skylark in den Mund gelegt werden. Aber für eine solche Möglichkeit, befolgt man treu die erste Regel des Journalismus: „Du gibst den Leuten, was sie wollen.“ Dann aber schaltet sich das FBI ein und verpflichtet Skylark und Rapaport zu einer Undercover-Mission, bei der sie den nordkoreanischen Führer ausschalten sollen.

Wenn der Film etwas vorzuzeigen hat, dann ist es die wunderbare Chemie, das Zusammenspiel von Seth Rogen und James Franco. Das merkt man immer dann, wenn die beiden voneinander getrennt agieren müssen. Gerade zur Halbzeit des Films gerät die Bromance zwischen den beiden in Gefahr. Kim Jong-un versucht Skylark mit manipulativen Süßigkeiten von der Friedfertigkeit Nordkoreas und Boshaftigkeit der USA zu überzeugen. Das nimmt etwas den sonst doch schon merklichen Schwung aus der Komödie. Der Witz beruht dabei meistens auf den schon aus anderen Franco/Rogen Zusammenarbeiten bekannten Jokes unter jeglicher Gürtellinie. Da spielen Penise, Brüste, Ärsche und Sex eine immens große Rolle. Auf diese Art von Humor muss man sich einlassen, sonst fallen einem recht schnell die Worte „Niveaulos“ und “Platt” ein.

Die Stärke liegt woanders begraben und wird leider kaum zu Tage gefördert. Ganz schwach sind dort immer wieder Spuren von Medienzynismus zu vernehmen, besonders dann wenn es um die Entertainment Branche im Kontrast zum Nachrichtenwesen geht. Gerade auch wenn die Interviewsituation zwischen James Francos Skylark und Kim Jong-un (Randall Park) an das durchaus historisch monumentale Aufeinandertreffen von David Frost und Richard Nixon erinnert. Aber auch wenn solche Töne anklingen, wird am Ende weder eine Lanze fürs Entertainment gebrochen, noch werden Skylark und Rapaport zu echten Newsmenschen. Irgendwie verläuft diese Schiene gänzlich im Sande.

Randall Park macht aus seinem Kim Jong-un derweil einen puren Amerikaner, der eben jene US Entertainment Branche so sehr liebt. Ein großer Fan von Skylark Tonight, lädt er den Moderator höchstpersönlich auf eine Rundfahrt mit seinem Panzer ein, bei dem dann gleich mal ein wenig Musik von Katy Perry angeschmissen wird. Jong-un ist in The Interview ein Mix aus missverstandener Göre, die nie elterliche Liebe und Anerkennung erlebt hat und naivem Opfer der amerikanischen Unterhaltungskultur, gepaart mit nordkoreanisch-manipulativer Gier nach Macht. Er ist quasi der kleine Hosenscheißer, der im Sandkasten versucht die Kontrolle zu übernehmen, am Ende aber lediglich weinend und ohne Freunde zurückbleibt.

The Interview bietet gesundes Mittelmaß. Verglichen zu anderen Seth Rogen/James Franco Spielereien, stellt sich der Film qualitativ weit vor den Ananas Express und ebenso weit hinter Das ist das Ende. Aber wie schon gesagt, allein das besondere „Marketing“ sollte dafür sorgen, dass irgendwann jeder diesen Film gesehen haben wird. Ob im kleinen Arthouse Kino, über ein Video-on-Demand Angebot oder spätestens wenn der Film dann auf DVD und Blu-ray zu haben sein wird. Spannend bleibt dabei die Frage, wie ein Barack Obama oder eine Angela Merkel (Alternativ: Joachim Gauck) darauf reagieren würden, selbst Opfer eines filmisch inszenierten Attentats zu werden. Das wäre doch ein unterhaltsamer Konter seitens Nordkoreas. Auge um Auge. Film um Film.

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