Review: DER BLINDE FLECK – „Die Unbestechlichen“ aus Deutschland

Review: DER BLINDE FLECK – „Die Unbestechlichen“ aus Deutschland
Fakten:
Der blinde Fleck
BRD. 2013. Regie: Daniel Harrich. Buch: Daniel Harrich, Ulrich Chaussy. Mit: Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, August Zirner, Heiner Lauterbach, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Tessa Mittelstaedt u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Im Kino.
Story:
Am 26.9.1980 sprengt ein Attentäter sich selbst und 12 weitere Menschen auf dem Münchner Oktoberfest in den Tod. Hunderte werden teils schwer verletzt. Der Attentäter? Gundolf Köhler, laut Ermittlungsergebnissen ein Einzeltäter. Aber der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) glaubt nicht daran. Zusammen mit dem Anwalt Werner Dietrich macht er sich auf eigene Faust an die Ermittlungen und deckt dabei immer mehr Merkwürdigkeiten auf und kann bald nicht mehr von dieser Geschichte loslassen.

Meinung:
Freitag, 26. September 1980. Am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes explodiert eine Bombe. 13 Menschen starben, unter ihnen auch der nach den Untersuchungsergebnissen Einzeltäter Gundolf Köhler, der anscheinend in der rechten Szene integriert war. Über 200 Menschen wurden verletzt, 60 davon schwer. Und man fand eine Hand. Eine Hand, die weder einem der Getöteten gehört hatte, noch einem der registrierten Verletzten. Merkwürdigerweise tauchen die Fingerabdrücke dieser Hand im Keller von Köhlers Wohnung auf. Ein Zufall? Allein schon dieser Hinweis lässt zumindest den Schluss zu, dass Köhler nicht alleine gehandelt hatte, wie die Ermittler weismachen wollten. Aber dennoch wurden in diese Richtung keinerlei Ermittlungen angestellt. Und diese Tatsache ist nur die Spitze des Eisbergs.

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Chaussy (rechts) und Dietrich (links) gehen Hinweisen nach

Diese kleine Episode wiederholt sich in vergleichbarer Weise immer wieder. Da ist ein Kronzeuge, der von heute auf morgen von der Polizei fallen gelassen wurde und der nur kurz darauf unter merkwürdigen Umständen starb. Da ist das Missachten vieler übereinstimmender Zeugenaussagen, denen nie wieder nachgegangen wurde. Da sind falsche Täterprofile, vernichtete Beweismittel und Asservate und vieles mehr. Dem Journalisten Ulrich Chaussy fällt dies auf. Immer wieder merkt er, dass hier etwas nicht stimmen kann, dort eine Ungereimtheit – und vor allem glaubt er zu keinem Zeitpunkt daran, dass es die Tat eines Einzeltäters war. Vielmehr merkt er, dass vieles vertuscht wird – und seitdem ist er auf der Suche nach der Wahrheit, seit nun schon über 30 Jahren.

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Auch zu Hause lässt ihn der Fall nicht mehr los

Diesen Ulrich Chaussy, den gibt es wirklich. Noch heute ist er Journalist beim Bayrischen Rundfunk. Und der Film zeigt wahre Abläufe. Keine Spekulationen, sondern nur Fakten werden verarbeitet. Gut, aus dramaturgischen Gründen wurden die drei Brüder des Attentäters in eine Schwester umgeändert und die meisten Namen, sollten sie nicht von historischer Bedeutung sein, wurden ebenfalls geändert, doch tut dies der Aussage und der Faktentreue des Films keinen Abbruch. Aber ansonsten enthält er bei der Beschreibung der Vorgänge wahre, zeitgeschichtliche und politisch hochbrisante Fakten. Er zeigt, wie von staatlicher Seite wichtigen Indizien scheinbar nicht nachgegangen wurde, wie Informationen vertuscht, gezielt dafür andere Dinge an die Presse weitergegeben wurden, um so ein bestimmtes Bild der Situation zu kreieren. Und er zeigt, dass nicht erst bei den „Döner-Morden“ der NSU so manche Behörde den blinden Fleck auf dem rechten Auge haben musste.
Lange waren Ulrich Chaussy und Werner Dietrich, der Anwalt der Opfer des Wies’n-Anschlags, die einzigen Kämpfer. Doch mit dem jungen Regisseur Daniel Harrich haben sie, hat vor allem Chaussy einen jungen Mitstreiter gefunden. Für die beiden, die auch für das Drehbuch verantwortlich waren, war es darum auch letztlich nicht die Frage, ob, sondern wie man dieses Thema, das konsequent von Behörden verschwiegen und klein gehalten wurde, der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen konnte. Eine Doku mit allen Fakten? Ein Fernsehfilm, irgendwann um halb zwölf auf ARTE? Nein, es sollte ein Kinofilm werden, um so die maximale Aufmerksamkeit zu erreichen. Natürlich mit den bereits angesprochenen Zugeständnissen. Aber die sind nachvollziehbar. Viel wichtiger ist ohnehin, dass dieses brisante Thema endlich möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht und Denkanstöße geliefert werden können.

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Auch nächtliche Treffen mit Informanten fehlen nicht

Ein Spielfilm also. Und dafür hat man sich so einige bekannte Namen geangelt. Besonders Benno Fürmann kann in der Hauptrolle des Radiojournalisten Chaussy mit seiner tollen Stimme punkten und so auch die sehr dialoglastigen Sequenzen ordentlich rüberbringen. Zu Beginn wird viel mit Archivmaterial gearbeitet und zusätzlich Authentizität geschaffen. Im weiteren Verlauf konzentriert sich dann der Film auf die Ermittlungen Chaussys und besonders in der ersten Hälfte des Films herrscht auch ordentlich Tempo vor, doch genau wie Chaussys Ermittlungen im Lauf der Zeit immer mehr ins Stocken geraten, so wird auch der Film in der zweiten Hälfte eine Spur langsamer und zäher. Es ist auch kein angenehmes Kino. Bei einem solchen Thema wäre es aber auch schlimm, wenn der Film unterhält. Natürlich tut er das phasenweise, keine Frage, aber es sollte und darf auch nicht der Hauptzweck dieses Films sein. Sehenswert ist er, der Politthriller, auch wenn er keine konkreten Ergebnisse liefern kann. Und er ist schockierend. Schockierend in Hinblick auf das Wegsehen. Wegsehen von Staat, Wegsehen von Gesellschaft, wie auch lange bei den NSU-Morden. Brisant ist „Der blinde Fleck“ deshalb vielleicht mehr denn je.

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Was hat Langemann zu verbergen?

Im Hinblick auf die politische Dimension vor der Bundestagswahl 1980 übrigens auch. Kanzlerkandidat Franz-Joseph Strauß (CSU) schob den Anschlag sogleich Linksextremen in die Schuhe, aber Köhler hatte nachgewiesene Verbindungen nach rechts, in die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, eine rechtsextreme Organisation, die bewaffnet an Wochenenden durch den Wald robbte und den „Ernstfall“ probte - und die von Strauß als gefahrlos abgetan wurde. In diese Richtung wurde daher nicht einmal ernsthaft ermittelt! Heute, über 30 Jahre nach dem Attentat, da spricht der bayrische Innenminister Joachim Herrmann davon, diese Gruppe „Kolossal falsch eingeschätzt“ zu haben. Irrwitzigerweise sind übrigens nach erneutem Nachhaken etwa 15000 Seiten der angeblich komplett vernichteten und verschollenen Akten wieder aufgetaucht. Nicht bei der Bundesstaatsanwaltschaft, sondern im Keller des bayrischen LKA. Anwalt Dietrich erhält nun Einsicht. Chaussy und Regisseur Harrich erhoffen sich dadurch, dass die Hintergründe des Attentats doch noch aufgeklärt werden können und damit das Ende des Films umgeschrieben werden muss.
8 von 10 verschwundene Hände


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