Reichsparteitag: Entsetzen in Echtzeit

Noch nie war es so leicht wie heute, Empörung und Entsetzen herbeizuheucheln. Die Fernsehkommentatorin bedient sich, wie das zuvor ein Grünen-Politiker und sogar der Chef der deutschen Sozialdemokratie gelegentlich taten, im Wörterbuch des Unmenschen! Was in den guten alten Tagen mühselig hätte aufgeblasen werden müssen, indem der Zentralrat der Juden, die Verfolgten des Naziregimes und die Urenkel von Victor Klemperer befragt worden wären, lässt sich heute in Echtzeit und ohne große Mühe skandalisieren.
Es wird nicht einmal mehr ein gratismutiger Leitartikelkomponist benötigt, der Trauer, Wut und eingebildete Scham über das ungeheuerliche Versagen von Erziehung, gesellschaftlicher Kontrolle und Staat in eigenem Namen anprangert. Nein, inzwischen darf jedwede Kritik sich direkt auf das Volk berufen, zu dessen Meinung man das erklärt, was man sich an passenden Satzfetzen aus dem allgegenwärtigen Buchstabenrauschen bei Twitter und Facebook gefiltert.
Das beschleunigt den Ablauf eines sogenannten Medienskandals sichtlich auf die doppelte Geschwindigkeit: Wo die Welle der Kritik früher am Tag nach dem ungeheuerlichen Ausfall losgebrandet wäre, angetrieben von notorisch hellwachen Protagonisten wie Stephan Kramer, Claudia Roth oder der "Spiegel"-Redaktion, ebbt sie heute mit Anbruch des Tages danach schon wieder ab. Die "gewerblichen Wortzuchtmeister und Nazi-Experten" (Eckhard Henscheid) können bei Dienstantritt nicht mehr das Eisen schmieden, das schon eiskalt über die Agenturen läuft.
Also zieht die Empörungskarawane einen Haltestelle weiter: Weil die Angriffe aus dem Off herbeizitiert wurden, stehen dieselben Akteure nun allerdings parat, Mäßigung zu erflehen. Der Zentralrat der Juden, im November 2008 noch unterwegs, die Verwendung des Wortes "reinrassig" unter Entgleisungsstrafe zu stellen, stellt sich vor die Moderatorin. Zwar sei der Ausdruck unglücklich gewählt, doch habe "keine böse Absicht" bestanden, hat ein offensichtlich schnell zusammengerufenes Sprachgericht entschieden. Zudem habe sich Müller-Hohenstein bereits entschuldigt, teilte Vizepräsident Dieter Graumann mit, ohne zu sagen, bei wem sie sich in diesem Fall zu entschuldigen hatte. Etwa bei Daniel Andersson aus Borås in Schweden? Dem Inhaber von Reichsparteitag.de?Wir sprechen zwar verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes.

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