Rambo III, Gedanken

In meinem Büchlein fehlen sechs Tage. Ich blättere durch Erinnerungen. Dann erwischen wir ein Schlagloch. Mein Kopf schlägt gegen die Scheibe. Zwei Clowns sind in den Bus gestiegen. Die Leute lachen nicht. Rambo zieht sich gerade eine Kugel aus den Rippen, seinen gestählten Torso anspannend.

Die Kleinen sind gebannt. Der Alltag eines Kindes ist gekennzeichnet durch Abhängigkeit und Machtlosigkeit gegenüber Erwachsenen: Sie müssen sich Gesetzen fügen, Bestimmungen anpassen, untereinander konkurrieren, sich Gruppen anschließen sowie abgrenzen, sie buhlen fortwährend um Aufmerksamkeit, Anerkennung. Es ist demnach nicht überraschend, dass Kinder gerne in die Rollen Erwachsener schlüpfen: Sie spielen Räuber und Gendarm – ich war gerne der Cowboy, der Indianer jagte, Mädchen spielen fürsorgliche Mütter. Rollen also, in denen sie selbst über sich und andere bestimmen, Figuren die Macht symbolisieren. Filme wie diese helfen dabei. Ob die Phantasie dabei angeregt wird ist fraglich.

Rambo in der Totalen: Versteinertes Gesicht. Lediglich die Mundwinkel zucken.

Eines Sonntags ging ich durch einen Markt spazieren. Frauen verkaufen Fruchtsäfte, mit Lauch und Käse gefüllte Maisplätzchen, Mehl, Nüsse, in Säcken gackernde Hühner, gegrillte Meerschweinchen und Lamm-Köpfe, die typischen Almuerzos. Männer offerierten bunten lauten Nippes, Potenzmittel, raubkopierte Musik, Heiligenbilder. Von weitem sah ich drei Gestalten auf umherzustolpern. Sohn und Tochter, beide kaum älter als 12, trugen das Familienoberhaupt. Wenige Schritte vor mir blieben sie stehen. Vater schaute. Zumindest versuchte er. Ich war überrascht in wie viele Richtung gleichzeitig sein Auge zu blicken vermochte. Sein Mund stand offen, das Gesicht war gerötet, dunkles Brusthaar lugte aus dem verschmutzen halboffenem Hemd. Die Kinder schauten verunsichert hoch. Dann trugen sie ihn weiter. Seine Füße schlurften hinterher. Er drehte sich noch mehrmals um. Ich ging schließlich auch weiter. Ich hatte Lust. Lust mich einfach nur zu betrinken. Nachdem ich mich durch den völlig überfüllten Supermarkt gekämpft hatte, meinen Rum fand und zur Kasse ging, hielt mich ein Sicherheitsmann an. Ich verstand erst beim zweiten mal: Alkohol darf Sonntags nicht verkauft werden. Eine Erklärung war überflüssig, so viele Kruzifixe wie hier rumhängen. Mein Alkohol bekam ich trotzdem. Im einem Kiosk. Der Frau war’s Hose wie Jacke. Der Mann rang. Sichtlich. Dann holte ich amerikanischen Noten aus meiner Tasche.

Neben Sketchen versuchen sie Eis zu verkaufen. Ihre Strategie ist genial wie banal. Ohne zu Fragen, reichen sie jedem Passagier ein Eis. Vanilleeis mit dunkler Schokolade und Krokant. Und dennoch, die meisten widerstehen der Versuchung.

Die Kinder hier – sie haben es nicht einfach. Ich bin immer wieder erschrocken in welchem Alter sie „ran“ müssen. Die Jüngsten Schuhputzer schätze ich auf 7, 8 Jahre. Sie kamen damals in einer kleinen Gruppe auch mich zu. Ich verneinte. Dann fragte die Älteste, ob ich denn ein Photo von ihnen machen wolle. Ich war verdutzt, bejahte aber schließlich. Dann sagte sie, dass das einen Dollar machen würde. Ich verabschiedete mich. Ohne Photo. Die Kinder hier. Eine Volunteerin aus Deutschland schilderte mir etwas von der Schulsituation in Chugchilán. Sie unterrichtet Englisch, eine besondere Qualifikation musste sie nicht vorweisen. In Ecuador gibt es keine Kita oder Kindergarten. Das bedeutet, dass schon teilweise Vierjährige in der 1. Klasse „mitsitzen“. Und, in Deutschland gäbe das einen Skandal – in Ecuador aber ist die Schwarze Pädagogik ein probates Mittel.

Vor mir sitzen drei junge Ecuadorianer. Sie tragen Straight-Edge-Shirts, einer von ihnen: „Kill your local drug dealer“. Irgendwer reist eine Tüte auf. Chipsgeruch.

Ich fragte sie nach Essen, denn wie auch schon in Kolumbien, kann ich nicht fassen, wie viel Scheiß diese Kinder in sich hineinstopfen: Chips, Weingummi, Bonbons, trockene Instant-Nudeln, süße Nüsse, Schokolade, Kuchen, Limos – Klar! Kinder brauchen Energie! Und was liefert mehr Energie als Zucker? – ein Trugschluss, dem auch viele Erwachsene erliegen. Aber die diplomierten Architekten unserer Träume wissen, wie man Honig um Mäuler schmiert. Zucker ist essentiell. Aber definitiv nicht der industrielle Gefertigte. In Fachkreisen gilt weißer Zucker sogar als totes Lebensmittel. Nun … die Kinder bekommen zum Frühstück ein sogenanntes Café. Dabei handelt es sich um einen stark gesüßten Grießbrei, getrunken wird dazu Kakao. Als Snacks werden oft Kekse gereicht, die in der Schule palettenweise gelagert werden. Und, weil Weihnachten vor der Tür steht, Zeit und Phantasie anscheinend den Wenigsten beschieden ist, werden für jedes Kind Süßigkeiten-Tüten gekauft: 1 $ das Stück. Ich bin mir nicht sicher, was das Hauptgewicht dieser Tüten ausmacht: Schokolade oder Plastik. Kein Wunder, dass der Kinder Zähne den der Erwachsenen in nichts nachstehen. An der Küste bekommen die Kinder wohl mehr Obst gereicht. Der Fokus der Regierung, die für die Schulspeisung aufkommt, liegt auf einer kostengünstigen Finanzierung.

Rambo zündet eine Fackel an. Langsam führt er sie an die Wunden. Aaaaargh! Gott, dieser Mann hat allein im Gesicht mehr Muskeln als das Fitness-World Ahlem zusammen. Rambo spürt sein Aua. Also doch ein Mensch, obwohl er die halbe russische Armee aus Afghanistan ins Jenseits befördert hat.

Miriam beklagte zudem den Geruch in ihrer Klasse. Wasser auf 4.000 Metern ist rar. Warmes dazu Luxus. Viele Menschen tragen also einen schwer zu beschreibenden Geruch, der meiner Meinung nach nicht unbedingt Gestank ist. Der Duft ist ähnlich dem von gesalzenem Fleisch, in der Kälte getrocknetem Schweiß, nasser Erde, fettigem Haar, Wind, Gras, Stall eine junge Mutter lupft ihre Brust raus. Das Weinen verstummt mit dem ersten Schluck. Dann wieder ein Schlagloch.



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