“Pulp”-Chronist John J. Sullivan in Frankfurt

“Pulp”-Chronist John J. Sullivan in Frankfurt

Grafik: Carolin Walch (via: http://www.basis-frankfurt.de)

Gestern las der amerikanische Journalist Sullivan in der Frankfurter Basis im Rahmen der TEXT&BEAT-Reihe aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Reportagen-Buch “Pulphead”…

 

 

Ein Fest der Eloquenz und des intellektuellen Diskurses über Popkultur und Gesellschaft, und das überraschenderweise ohne die Selbstgefälligkeit einer Schrifsteller-Lesung oder die zähflüssige Prätentiösität einer akademisch-geschulten Diskussionsrunde. Das innenarchitektonische Understatement der Basis spiegelte dabei das Auftreten des vom New Yorker mit David Foster Wallace verglichenen Autors perfekt. Denn seine Essays leben vor allem von subtilen Details und einer scharfen Beobachtungsfähigkeit. So antwortet er auf die Frage des Moderators Christian Werthschulte, dass langes und geduldiges Beobachten von Ereignissen und Menschen seine zentrale Arbeitsmethode sei. Scheinbar lassen sich nur so die Mauern der Klischees durchbrechen, bis sich irgendwann, so Sullivan, alles genauso zeige, wie es wirklich ist. Denn jeder Mensch, so ist er überzeugt, trägt eine Tolstoi-Geschichte in sich.

Und die Aufgabe des Journalisten bestehe darin, diese zu erzählen. Nichts anderes macht Sullivan, wenn auch auf einem schriftstellerischen und realitätssezierenden Niveau, den sich viele Journalisten aufgrund des hyperschnellen Tagesbetriebs nicht leisten können, wie der ebenfalls mitdiskutierende Jens Christian Rabe von der Süddeutschen Zeitung zwischendurch voller Neid zugibt. So ist Sullivans humorvolle Reportage über Axl Rose (“He looks increasingly like the albino reggae legend Yellowman”), gleichzeitig auch eine zynische Abrechnung mit der, durch politische Missstände herangezüchteten wütenden working class-Kultur der amerikanischen Provinz, aus der Rose entstammt und flüchtete. Im Verlauf des Textes wird auch die spezielle “Devil Woman”-Stimme von Axl beschrieben, die hier zu bewundern ist und deren Beschreibung hier nicht vorenthalten werden soll:

“The most important of the voices, though, is Devil Woman. Devil Woman comes from a deeper part of Axl than do any of the other voices. Often she will not enter until nearer the end of a song. In fact, the dramatic conflict between Devil Woman and her sweet, melodic yang—the Axl who sings such lines as Her hair reminds me of a warm, safe place and If you want to love me, then darling, don’t refrain and Sometimes I get so tense—is precisely what resulted in Guns N’ Roses’ greatest songs.”

 

“Pulp”-Chronist John J. Sullivan in Frankfurt

Da sitzen sie. Und reden. V.l.n.r.: Jens Christian Rabe, John J. Sullivan, Christian Werthschulte (Foto: Phire)

 

Man kann davon ausgehen, dass der besungene warme, sichere Ort auch heute noch das zentrale Ideal des kollektiven Bewusstseins der USA ist. Apropos Amerika. Zum Schluss brillierte Sullivan mit erhellenden Einsichten über die politische Gegenwart der USA, das ihm zufolge trotz des seines schwarzen Präsidenten immer noch ein zutiefst rassistisches Land sei.

Daran würde auch der Erfolg von Popstars wie Jay-Z nichts ändern, denn diese seien am Ende auch nur deshalb einflussreich, weil sie reich seien, wie Rabe ergänzt. Was die erhoffte zweite Amtszeit von Obama angeht, so wünscht sich Sullivan endlich einen aggressiver auftretenden Präsidenten, der die progressiven Forderungen seiner Wähler, immerhin die Hälfte aller Amerikaner, endlich durchsetzt anstatt vor der beängstigenden Tea-Party-Bewegung, die in Pulphead ebenfalls porträtiert wurde, zu kapitulieren. Vielleicht wäre das der Anfang einer Neuorganisation einer Gesellschaft, die Sullivan in einem Text über Reality-TV als ein “Volk gefühlsduseliger Barbaren” beschreibt.

Text: Phire

 


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