Psychostress beim DGB

Unter der Überschrift “DGB-Index: Prävention gegen Psychostress mangelhaft” stellte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in der vergangenen Woche die Ergebnisse einer Sonderauswertung „Psycho-Stress am Arbeitsplatz“ des DGB-Index “Gute Arbeit” vor. Allein dieser Schönsprech kann einem schon den Magen umdrehen – denn der DGB hat ja mit seiner Verarschungs-Politik zur Wahrung des sozialen Friedens (immer auf Kosten der Arbeitenden versteht sich) dazu beigetragen, dass man “gute Arbeit” heute nur noch in Anführungsstrichen schreiben kann. Deshalb wird den Arbeitgebern auch nur vorgeworfen, dass ihre Prävention gegen Psychostress mangelhaft sei.

Die Tatsache, dass sie überhaupt Psychostress ausüben, gehört zur guten Arbeit heute offenbar selbstverständlich dazu. Wie selbstverständlich belegen folgende Zahlen: Mehr als die Hälfte 56 Prozent der knapp 5.000 befragten Beschäftigten sehen sich einer “starken” oder “sehr starken” Arbeitshetze ausgesetzt. Dass bedeutet übrigens nicht, dass sich die übrigen 44 Prozent nicht gehetzt fühlen würden. Und damit nicht genug: Von fünf Befragten sagen vier (80 Prozent), dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen.

Arbeit Gerechtigkeit Solidarität

Ausschnitt aus einem Pressefoto von der DGB-Homepage:
Vor allem immer schön solidarisch mit den Arbeitgebern…

Das bleibt nicht ohne Folgen: 44 Prozent der Beschäftigten fühlen sich nach der Arbeit oft leer und ausgebrannt. Das sind keine idealen Voraussetzungen, um die Freizeit zu genießen. Aber für die wird ja auch niemand bezahlt. Hauptsache, man tritt am nächsten Tag wieder an. Dort, wo die Arbeitsintensität gestiegen ist (also eigentlich überall) fühlen sich sogar 71 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgebrannt – unter den gehetzt Arbeitenden (siehe oben) sind es sogar 75 Prozent.
DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte dazu: „Die Index-Zahlen lesen sich wie ein Alarmsignal der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: Die Botschaft ist eindeutig: Der Druck am Arbeitsplatz nimmt zu, doch es wird zuwenig dagegen getan.”

Liebe Frau Buntenbach, wer soll denn etwas dagegen tun, wenn nicht die Gewerkschaften?! Wenn sie wenigstens ehrlich sagen würde: “Der Druck am Arbeitsplatz nimmt zu, doch wir vom DGB tun viel zuwenig dagegen, im Gegenteil, wir tragen dazu bei, denn es geht doch um den Standort Deutschland!”

Statt dessen lamentiert der DBG, dass die Arbeitgeber ihrer gesetzlichen Verpflichtung, einen Sicherheits-Check der Arbeitsplätze durchzuführen, nur unzureichend nachkommen würden: Nur bei 28 Prozent der Beschäftigten sei eine solche Gefährdungsbeurteilung, wie sie vom Arbeitsschutzgesetz gefordert wird, überhaupt durchgeführt worden. Und dabei wurde wiederum nur bei einem Drittel nach psychischen Stressfaktoren gefragt. Also wurden insgesamt nur neun Prozent aller Beschäftigten nach psychischen Stressfaktoren befragt – und ich gehe mal davon aus, dass die Arbeitgeber es bei der Bestandsaufnahme gelassen haben.

Denn wenn die Leute sich gestresst fühlen, dann ist bestimmt nicht der Arbeitgeber daran schuld. Zumindest mein Arbeitgeber käme nicht im Traum darauf, zu vermuten, dass etwas anderes dafür verantwortlich sein könnte als der gestresste Arbeitnehmer selbst, der entweder zu blöd für den Job ist oder sich halt nicht vernünftig mit den Anforderungen arrangieren kann. Selbstorganisation und Eigeninitiative sind gefragt! Ein mündiger Arbeitnehmer hat gefälligst den anfallenden Stress selbst zu bewältigen. In meiner Firma besteht die Stressprävention darin, dass man versucht, dem Chef nicht in die Quere zu kommen und ansonsten den Mund hält.

Ich gehe davon aus, dass das in anderen Firmen nicht anders ist. Stressprävention. Lächerlich. Die Arbeitgeber klopfen sich doch höchstens lachend auf die Schenkel, wenn der DGB jammert, dass die Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes seitens der Arbeitgeber ist ein Armutszeugnis sei. Ein Armutszeugnis bekommen nämlich nur die armen Würste, die den Stress nicht mehr aushalten. Das heißt dann Erwerbsunfähigkeit beziehungsweise Hartz IV.

Entsprechend konsequent sind die Forderungen des Gewerkschaftsbundes: Er fordert die Bundesregierung auf, ein Gesetzespaket für mehr Arbeitsschutz auf den Weg zu bringen! Hallo, jemand zu Hause?! Gerade haben wir doch gelernt, dass die Arbeitgeber sich einen feuchten Kehricht um die bereits vorhandenen gesetzlichen Regelungen scheren – warum sollen dann ausgerechnet noch mehr Gesetze die Lösung sein?!

Kein Gesetz der Welt setzt sich hin und legt einem gestressten Mitarbeiter den Arm um die Schultern, um ihn Trost zuzusprechen. Was sollen denn klare Regeln durch eine Anti-Stress-Verordnung bringen? Der DGB wird doch nicht ernsthaft daran glauben, dass sich die Arbeitnehmer mit freundlichen Ermahnungen davon abbringen lassen werden, aus ihren Mitarbeitern immer mehr Leistung in der gleichen Zeit zu pressen, wenn Markt und Wettbewerb das halt erforderlich machen.

Wenn es dem DGB ernsthaft darum ginge, den Leuten noch mehr Stress mit ihrer Arbeit zu ersparen (gar nicht zu reden vom Stress im Rest des Lebens, der nämlich auch zunimmt, wenn man mehr Stress im Job hat) müsste sich der DGB zur Abwechslung mal dazu durchringen, den Stresspegel für die Arbeitgeber deutlich zu erhöhen. Etwa, indem er ihre Mitarbeiter ermutigt, zu streiken, wenn der Druck zu groß wird. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Gewerkschaften vor Arbeitskämpfen noch mehr Schiss haben als die Arbeitgeber. Das ist extrem ungünstig, denn in einer Gesellschaft, die so eingerichtet ist, wie die die unsere, ist eine konsequente kollektive Arbeitsverweigerung nun mal das einzige Mittel, um Chefs zu irgendwelchen Zugeständnissen zu zwingen.



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