Politik und Rap gehören zusammen

Scarabeuz ist ein Rapper aus Berlin, dies reicht bei den meisten Menschen schon für eine Abstempelung als Asi/Gangster-Rapper, tatsächlich ist sein Rap aber sehr von der Politik geprägt. So sieht er Hiphop als Medium um seine Gedanken auszudrücken. Hier ein Interview mit ihm über Politik, Hiphop, rassismus in unserer Gesellschaft und den Nahostkonflikt!

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Photo: visual.dichotomy

Francis Byrne: Kohle, Sex und neue tolle Turnschuhe: dem Hip Hop sind die Themen ausgegangen. Das ist bei dir ganz anders. Du durchbrichst die thematische Langeweile und stellst wichtige Themen in den Vordergrund: Agitation gegen die Ölkriege, Kampf für die Unterdrückten in Palästina und Gaza und ähnliche Themen. Wie bist du dazu gekommen?
Scarabeuz: Für mich war Hip Hop immer schon politisch und gab einfachen Menschen die Möglichkeit sich Gehör zu verschaffen. Das hat mich schon damals fasziniert und zum Hip Hop geführt. Er war revolutionär, wobei heute, wie bei vielen anderen Revolutionen, nicht mehr viel von seinen anfänglichen Idealen zu finden ist. Hip Hop wird sich aber immer wieder neu erfinden und auch in Zukunft weiterentwickeln. Bei mir persönlich hatte natürlich in erster Linie mein kultureller Hintergrund damit zu tun, dass ich mich schon früh für diese Themen interessierte und sie in meine Texte einbezog. Durch das arabische Satellitenfernsehen bekamen wir, bereits vor der Verbreitung des Internets, immer ganz andere Bilder aus den Krisengebieten nach Hause, als man sie hier leider nur zu sehen bekommt.
Francis Byrne: Und wie werden deine Texte von der Rap-Gemeinde aufgenommen?
Scarabeuz: Das Feedback, das ich bekomme, hat mir gezeigt, dass viele genauso denken, und mich immer wieder dazu angespornt weiter zu machen. Den Leuten fällt auf, dass ich im Gegensatz zu vielen Rappern, und auch anderen Musikern, wirklich was zu erzählen habe und dass die Musik einfach echt ist. Gerade dem deutschen Hip Hop fehlt meistens die Authentizität. Ich achte aber auch darauf, dass der Entertainmentfaktor dabei nie zu kurz kommt, weil das Ganze ja auch Spaß machen soll.
Francis Byrne: Ist das thematisch nicht auch eine Rückbesinnung auf alte Werte des Hip Hop, nämlich Befreiung und Emanzipation aus dem Ghetto?
Scarabeuz: Diese Frage wurde mir schon bei meiner EP „Sultan des Rap" immer wieder gestellt, weil das auf meine Musik wohl zutrifft. Trotzdem geschieht das nicht bewusst oder zwanghaft, weil ich einfach nur über das rappe, was mich bewegt. Das Leben hält ja genug Themen bereit, als sich den ganzen Tag nur selbst zu feiern und über seine Goldketten zu rappen. Gerechtigkeit, Frieden und wahre Freiheit sind Themen, die mich bewegen und die eben auch zu den alten Werten des Hip Hop gehören, wenn man so will.
Francis Byrne: Gibt es eine Szene oder neue Generation von Rappern, die diese Themen für sich entdeckt?
Scarabeuz: Ich denke, dass es solche Rapper überall im Underground immer schon gegeben hat. Dadurch dass heute aber viel mehr Leute rappen und jeder seine Musik über das Internet präsentieren kann, wird man natürlich häufiger fündig. Trotzdem bilden die, die sowohl textlich als auch musikalisch wirklich gut sind, eher die Seltenheit. Hinzu kommt außerdem, dass sich die großen Labels bei so brisanten Themen genauso querstellen wie all die anderen Medien.
Musik aus dem Orient
Francis Byrne: Abgesehen von den starken Inhalten der Texte zeichnet sich deine Musik durch kulturelle und musikalische Zitate aus dem Orient aus. Wie wichtig sind diese Wurzeln für dich?
Scarabeuz: Die orientalischen Einflüsse in meiner Musik sind einfach ein Teil von mir, weil ich damit aufgewachsen bin, wie auch die westlichen Hip Hop-Beats einen Teil von mir bilden. Diese Mischung macht meine Musik, genauso wie mich selbst, zu etwas zwischen den Kulturen.
Francis Byrne: Du arbeitest an einer neuen CD mit dem Titel „Wüstensohn". Was erwartet uns? Werden die Stücke „Wie lange noch" und „Für Palästina" - beides Songs mit gewissem Kult-Status auf youtube - drauf sein? Gibt es einen thematischen Mittelpunkt?
Scarabeuz: „Wie lange noch" entstand kurz nach dem Libanon-Krieg 2006 und stand im Internet zum freien Download. „Für Palästina" folgte dann letztes Jahr während dieses perversen Gaza-Krieges. Das waren aktuelle Momentaufnahmen, die ich mir von der Seele rappen musste und die es auch immer wieder für das Internet geben wird.
Auf „Wüstensohn" ist aber komplett neues Material zu hören. Das Album ist textlich wieder sehr politisch geworden, wobei ich diesmal viel humorvoller und fast schon kabarettistisch auf sehr ernste Themen wie Integration, Islamhetze und die immer wiederkehrenden Klischees eingehe. Auch die Suche nach meinen Wurzeln spielt eine besondere Rolle, worauf ja schon der Titel „Wüstensohn" hindeutet. Außerdem haben wir neben einigen Gastkünstlern auch immer wieder Live-Musiker im Studio gehabt, die dem Album einen noch musikalischeren Charakter verliehen haben.
Francis Byrne: Wie sind die Reaktionen in der Rap-Community, wenn du über Palästina rappst und die israelische Politik der ethnischen Säuberung, der Blockade und Apartheid hart kritisiert? Die bürgerlichen Medien versuchen ja, solche Kritik mit der Antisemitismus-Keule zu verhindern. Stößt du in der Szene auf ähnliche Kritik?
Scarabeuz: Nein. Die Reaktionen auf die Songs waren fast immer positiv. Trotzdem schreiben mir natürlich auch Leute, die mich vom Gegenteil überzeugen wollen, allerdings mit ärmlichen Argumenten, die sie aus den „Massen-mäh-dien" haben. Als Antisemit hat mich aber keiner bezeichnet, wobei ich mir gut vorstellen kann, dass mich viele, allein schon wegen meiner arabischen Herkunft, als solchen abstempeln. Wer sich allerdings wirklich mit dem Thema auseinandersetzt, weiß, dass das absurd ist.
Francis Byrne: Verteidiger der israelischen Vertreibungspolitik unterscheiden nicht zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Doch dieser Unterschied ist ganz wichtig. Warum kann man beides nicht gleich setzen?
Scarabeuz: Man kann sie nicht gleichsetzen, weil sie sich gegenseitig sogar ausschließen. Der Zionismus ist, genauso wie der Antisemitismus, eine rassistische Ideologie, die von der eigenen Überlegenheit ausgehend für ethnische Säuberungen und Völkermord verantwortlich ist. Wer sich gegen Antisemitismus wehrt, muss dies auch gegen den Zionismus tun und umgekehrt. Wer beides gleichsetzt, tut dies nur aus eigennützigen, rassistischen Motiven, egal ob diese antisemitisch oder zionistisch sind.
Ich finde übrigens, dass gerade die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte in der Verantwortung stehen, sich weltweit für mehr Gerechtigkeit einzusetzen und nicht etwa zu allem, was Israel oder die USA betrifft, nur Ja und Amen zu sagen. Das zeigt doch tatsächlich nur, dass man überhaupt nichts aus seiner Vergangenheit gelernt hat.
Francis Byrne: Hip Hop-Künstler versuchen, den Kids in den Ghettos eine Identität zu geben. Oft spielen sie die Kids aber gegeneinander aus: Heteros gegen Schwule, Junge gegen Mädchen, Kids, die sich teure Klamotten leisten gegen die, die sich die Klamotten nicht leisten können und so weiter. Bei Dir ist das anders. Warum ist das wichtig für dich?
Scarabeuz: Auch wenn es viele pubertierende Kids gibt, die auf so etwas stehen, geht das für mich gegen meine Werte und mein Ehrgefühl. Das ist doch alles genauso diskriminierend oder auf eine andere Art rassistisch, und für mich daher genauso eklig wie für Dich und die meisten anderen Menschen.
Ich sehe übrigens die Fans meiner Musik auch nicht nur in der Hip Hop-Szene oder in dem, was viele für „Hip Hop" halten. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb Ihr auf meine Musik aufmerksam geworden seid. Trotzdem versuche ich auch Kids anzusprechen, denen ich so auch mal andere Werte und menschlichere Ansichtsweisen näher bringen kann.
Rassismus in der Gesellschaft
Francis Byrne: Du legst auch Wert auf deine Religion, den Islam. Das Jahr 2009 war in Bezug auf das Thema antimuslimische Hetze in Deutschland und Europa ein erschütterndes Jahr. Es gab viele antimuslimische Hetzkampagnen. Besonders erschreckende Höhepunkte waren der antiislamische Mord an Marwa el Shirbini am Landgericht in Dresden und die Hetze des SPD-Politikers Sarrazin gegen Araber und Türken. Wie denkst du darüber? Wie denken die von der Hetze betroffenen Kids in den Berliner Ghettos?
Scarabeuz: Bis auf den grausamen Mord an Marwa El-Sherbini und die Hass-Kampagne in der Schweiz sehe ich im letzten Jahr keinen Unterschied zu den vorangegangenen Jahren, die insbesondere seit 2001 alle erschütternd waren. Man kann doch momentan seine Ausländerfeindlichkeit offen ausleben, wenn das nur unter dem Deckmantel der Islamkritik geschieht.
Was Herrn Sarrazin betrifft, so spricht er ja existente Probleme an, tut dies aber aus einem vollkommen falschen, rassistischen Blickwinkel. Ich bin ja gerade für eine offene Diskussion und sehe die muslimische Bevölkerung weit davon entfernt, über jegliche Kritik erhaben zu sein. Hier fragt aber keiner, warum sich die Leute absondern und wie der Staat das Problem gefördert hat, statt etwas dagegen zu tun. Warum soll sich ein Mensch, der sich mit seiner religiösen Identität von der Gesellschaft weder akzeptiert, noch willkommen oder ernst genommen fühlt, integrieren bzw. assimilieren wollen?
Unter den Kids mit so genanntem Migrationshintergrund wirst Du daher kaum welche finden, die sich als Deutsche fühlen, abgesehen davon, dass sie auch keiner wirklich als solche sieht. Übrigens weiß man an Herrn Sarrazin wenigstens, woran man ist, während viele andere ihre wahren Beweggründe lieber für sich behalten. Das ist so wie mit George Bush. Da wusste man das auch.
Francis Byrne: Viele befürchten, dass die Muslime angesichts der harten Wirtschaftskrise, von den Herrschenden im Westen als Sündenbock ausgeguckt werden sollen. Zudem dient das täglich in allen Medien wiederkehrende antimuslimische Klischee - gewaltbereit, irrational, frauenfeindlich etc. - der Rechtfertigung der Angriffskriege des Westens gegen die muslimischen Länder. „Wie lange noch" müssen wir uns das geben? Wie können die Betroffenen reagieren?
Scarabeuz: Auf jeden Fall sollten die Betroffenen nicht alleine gelassen werden, was genauso für Betroffene aus anderen Kulturkreisen gilt.
Ich versuche einen kleinen Beitrag mit meiner Musik zu leisten, andere sind da weitaus aktiver. Es ist für viele Muslime aber mühselig, immer und immer wieder auf die gleichen Fragen antworten zu müssen, und dabei doch nicht ernst genommen zu werden. Du bleibst eben, grob gesagt, doch nur der prügelnde, Kopftücher aufzwingende Ehrenmörder, der darauf wartet seine Kinder im nächsten „Heiligen Krieg" als Schutzschilde missbrauchen zu können.
Bestimmte Mächte sind eben bestrebt, Feindbilder aufzubauen und aufrechtzuerhalten, um so ständig Angst zu schüren und ein wirkliches Zusammenleben unter allen Umständen zu verhindern. Um es auf den Punkt zu bringen: Es muss einem Teil der Welt schlecht gehen, damit es dem anderen gut geht. So funktioniert der Kapitalismus eben.
Francis Byrne: Kann man dich und deine Mitstreiter live erleben? Hast du Konzert-Pläne?
Scarabeuz: Im Moment steht die Fertigstellung des Albums an erster Stelle. Zum Release hin wird es dann aber sicherlich wieder viele Auftritte und, wenn alles klappt, auch eine kleine Tour geben.
Das Interview führte Francis Byrne für die Linkezeitung und schickte es uns!


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