Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Wie wir auch ohne Gipfel unser Ziel erreicht haben.

Ich gehe nicht weiter. Dieser Satz aus dem Munde deiner Bergpartnerin ist so stark, ja so zerstörerisch, er könnte den Berg zum Einstürzen bringen, den ihr euch gerade hochkämpft. Schmerz. Verzweiflung. Alles umsonst? Ich sehe Vroni an, dass ich sie nicht mehr zum Weitergehen ermuntern kann. Zweimal habe ich sie heute überredet, es doch noch ein Stück hinauf zum Piz Palü zu versuchen.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Wir stehen auf einem sonnigen Plateau etwa 400 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Piz Palü. Wir tanken die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Fast vier Stunden haben wir uns im Schatten der Nordseite des Berges den Weg durch ein Gewirr aus Gletscherspalten gebahnt. Sind in völliger Einsamkeit über fragile Gletscherbrücken balanciert, an haushohen Seracs vorbeispaziert und haben die Gipfel der Bernina-Gruppe mit unseren ehrfürchtigen Blicken gestreift. Der Piz Morteratsch, der Biancograt, der Piz Bernina, die Bellavista-Terrasse – Orte, die wir bisher nur aus Büchern, Filmen und von Bildern kannten.

Seracs_Piz Palü Seracs_Piz Palü Gletscher_Piz Palü

Ich hole das Seil ein und warte, bis Vroni bei mir ist. Ihre Augen sind müde. Enttäuschung und Hilflosigkeit spiegeln sich darin. Enttäuschung und Hilflosigkeit, weil ihr Körper nicht dorthin will, wohin ihr Kopf möchte. Weiter hinauf. Keine Chance.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Am Piz Palü – was ist unser Ziel?

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, war mir eine Stunde nach Aufbruch von der Diavolezza schon klar, dass wir es heute nicht auf den Gipfel schaffen würden. Wir waren von Anfang an zu langsam unterwegs. Vroni, so hart es klingen mag, zu kraftlos. Sie kämpft seit mehreren Monaten mit Übelkeit am Morgen, bekommt kein Frühstück hinunter und ist auf Touren dieses Kalibers dementsprechend energielos. Die fehlende Spur und der teilweise knietiefe Triebschnee haben unser Tempo zusätzlich gedrosselt.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Ich bin vorgestapft. Habe versucht, Vroni eine möglichst leichte Spur anzulegen. Habe am Seil gezerrt und sie spüren lassen, dass wir schneller machen müssen. Eine sinnlose Angewohnheit meinerseits. Vroni wird nicht schneller werden, nur weil ich sie dränge. Wie auch, wenn schlichtweg die Kraft fehlt.

Piz Palü Piz Palü Piz Palü_Gletscherspalte

Etwa auf Höhe des Piz Cambrena, dort wo das Meer aus Gletscherspalten beinahe undurchdringlich wirkt, sprach Vroni das aus, was ich mir schon lange gedacht hatte. Sollen wir nicht langsam umdrehen? Wir werden den Gipfel heute sowieso nicht rechtzeitig erreichen.

Sie hat recht. Wozu weitergehen, wenn wir nicht schaffen werden, weswegen wir hier sind? Unser Ziel war fern. Ich habe mich umgesehen. Ein perfekter Tag. Wir beide waren die einzigen Menschen auf diesem Gletscher. An einem Samstag! NEIN. Ich mag es hier. Ich war selbst überrascht über meinen Vorschlag, ziellos weiterzulaufen. In den nächsten Stunden sollte ich das Ziel erkennen.

Piz Palü_Bernina Piz Palü_Serac

Wir haben festgelegt, nach viereinhalb Stunden umzukehren, um sicher wieder zurückzukommen. Diese viereinhalb Stunden gehören ganz uns – in dieser grandiosen Umgebung. Wir sollten die Zeit nutzen, die uns bleibt. Gemeinsam haben wir uns darauf geeinigt, weiterzugehen, solange es unser Zeitplan zulässt.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Auf dem Plateau knapp unterhalb des Gipfels sind vier Stunden abgelaufen. Zerronnen in dieser weißen Hölle aus Eis und Schnee. Wir blinzeln in die Sonne. Wenn wir schnell machen, könnten wir es noch auf den Ostgipfel schaffen, überlege ich. Der Grat sieht so verführerisch aus. Susi, ich habe keine Kraft mehr. Ich gehe keinen Schritt weiter.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Erst jetzt wird mir klar, wie geschwächt Vroni ist. Sie tut mir Leid. Ich weiß, sie hat ein schlechtes Gewissen, weil wir ihretwegen auf den Gipfel verzichten müssen. Vor zwei Jahren wäre ich in derselben Situation wahrscheinlich verdammt grantig gewesen. Hätte es als vergeudete Zeit empfunden, hierher zu fahren und ohne Gipfel nach Hause zu kommen. Das ist jetzt anders.

Ist eine Tour ohne Gipfel weniger wert?

Warum gehe ich weiter, wo ich doch weiß, dass ich nicht erreichen werde, weswegen ich mir diese Schinderei, diesen kräftezehrenden Aufstieg antue? Warum kehren wir nicht um, wenn es keinen Gipfelsieg geben wird? Darüber konnte ich heute einige Stunden nachdenken, während Vroni und ich, getrennt und verbunden durch ein straff gespanntes Gletscherseil, hinauf zum Piz Palü marschiert sind.

Nüchtern betrachtet sind wir heute sechs Stunden ziellos einen Berg hinauf- und hinabgestapft, mit dem Wissen, seinen höchsten Punkt nicht erreichen zu werden. Auf den ersten Blick eine sinnlose Aktion. Immerhin steigt ein Bergsteiger auf Berge, um den Gipfel zu erreichen. Oder zumindest mit dem Glauben daran. Den Glauben an einen Gipfelsieg haben wir heute früh verworfen. Realistischerweise.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Nachdem wir die erste Schneeschicht beiseite gewischt haben, haben wir selbst den tieferen Sinn unserer Unternehmung erkannt. Wir sind hier an diesem Ort und haben das Beste aus diesem Tag herausgeholt. Das Ziel lag sozusagen am Weg und nicht am Ende dessen.

Es lag in der einmaligen Landschaft, in der wir uns bewegt haben. In den Erfahrungen, die wir gesammelt haben und darin, neue Wege zu erkunden, wie wir miteinander unter schwierigen Umständen umgehen sollen.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Gemeinsam auf den Berg zu gehen bedeutet, dem anderen in jeder erdenklichen Situation beizustehen. Es bedeutet, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und umzukehren, wenn sich der andere zu schwach, schlecht oder unsicher fühlt. Ohne Anschuldigungen. Je mehr Abenteuer man teilt, umso mehr rücken Leistungsziele in den Hintergrund. Es ist die gemeinsame Zeit, die zählt, die Erfahrungen, die man macht und für die nächsten Ziele nutzen kann.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Wir haben an diesem Tag so viel gelernt. Uns neues Wissen angeeignet, das bei künftigen Touren das entscheidende Quäntchen für den Erfolg ausmachen könnte. Wir haben zusammen ein Ziel erreicht, das bewusst so gar nicht ansteuerbar gewesen wäre. Auf einem Weg, der dieses Mal halt etwas kürzer war, als geplant.

Piz Palü: Die Berge mit neuen Augen sehen

Auf dem sonnigen Plateau nehmen wir uns in die Arme. Ganz alleine stehen wir in dieser weißen Hölle, die plötzlich zu unserem Himmel geworden ist. Wir treten den Rückweg an. Nicht wehmütig, sondern zutiefst zufrieden. Mit dem Gefühl, alles richtig gemacht und viel gelernt zu haben, folgen wir unseren Spuren der Erkenntnis zurück durch das Gletschermeer.

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„I failed over and over again in my life and that’s why I succeed.“

  • Michael Jordan.