Pelzig: In die Nacht hinaus

Pelzig: In die Nacht hinausPelzig
„Medium Cool World“

(Cargo Records)
Wenn man mal das Spinnen anfängt, dann kommt man darauf, dass in Ingolstadt die Dinge anders laufen als im Rest der Republik und zwar mit einer sich stets wiederholenden Parallelität. Da hat es der Blechkarossenbauer mit den vier Ringen, mithin Hauptarbeitgeber in Stadt und Region, endlich in die Champions-League und nach Übersee geschafft und bekommt just in diesem, seinem besten Moment die Schludereien seines großen Bruders in der leidigen Abgasaffäre zu spüren. Eine Etage tiefer ist der eben von jenem Konzern gesponserte Fußballverein endlich in der ersten Liga angekommen und schlägt sich dort recht beachtlich auf einen einstelligen Tabellenplatz – wahrgenommen wird er aber kaum, weil der viel größere und ruhmreichere Effzehbayern einen jeden Verein in seinem Glanz wie eine kleine, graue Maus aussehen läßt. Auch dumm gelaufen. Und nun Pelzig. Jahrelang fabrizieren die Herren feinsten Indierock (der so gar nicht nach Provinz, sondern eher nach Übersee klingt) und werden doch als Anhängsel der viel größeren und ruhmreicheren Kapelle Slut in den Schatten gestellt oder, nicht besser, mit einem kleinen, komischen Mann mit Karohemd und Kordhütchen verwechselt. Und auch wenn letzterer gerade erst in Ruhestand getreten ist darf man annehmen, dass das die Sache nur unwesentlich erleichtert.
Dass es für dieses Schattendasein überhaupt keinen Grund gibt, das beweist einmal mehr ihr aktuelles Album „Medium Cool World“. Elf Jahre nach „Safe In Its Place“ ist von Ermüdung und sonstigen Mangelerscheinungen rein gar nichts zu hören – Christian und Rainer Schaller, Christian Schulmeyr und René Arbeithuber treten einmal mehr den Beweis an, dass alternativer Gitarrenrock noch recht lebendig zu klingen vermag. Den Einstand geben sie mit „Style Kills All“ und der Frage nach dem wahren Gefühl, das in unserer so blankpolierten, nivellierten und rundum optimierten Gesellschaft abhanden gekommen scheint, ein Gefühl, das per se nicht einmal ein gutes sein muss, sondern eben nur ein echtes: „No more mission, no more real bad teen songs, is here any desire to go? Is here anyone tired or amused or tricked?“ Das nachfolgende „Battles“ schimmert so düster und erhaben wie ein Interpol-Song in seinen besten Zeiten, es gibt nicht viele Bands, die hierzulande solch einem Vergleich standhalten würden.

Schwarz wie der Hintergrund für den elektrischen Reiter von Klaus Fürmaier auf dem Cover bleibt es, die Welt ist „medium cool“ und „well done“ und trotzdem aus den Fugen, Halt gibt es wenig und Pelzig machen die Musik zum Dilemma. Business, Duty, Solar, Job – Hurra, wir funktionieren ja noch – ein Blick auf den iPod hilft mir trotzdem nicht mehr weiter und die Nacht, meine Nacht, bleibt als einziger Ausweg. Es ist nicht wirklich ermutigend, wie Christian Schulmeyr da über die Distanz von zehn Stücken den instabilen Zustand aus Zweifel, Leere, Einsamkeit und andauerndem Unverständnis beschreibt, immer mit einer Stimme zwischen vorsichtigem Gesang und leicht verfremdetem, schneidendem Rezitativ: „Ain’t got no home, no we ain’t got no place, we are on random but flowers and ruins are left in the cage. We try to keep it and hold it, but our dreams are just locked in a case.“
Dazu gibt es mal hymnische, raue Gitarren und fette Drums, an anderer Stelle teilen sich irrlichternde Soundschleifen und rumpelnde, schleppende Beats die Kulisse, bis plötzlich bei „Safe Route“ eine anmutige, fast luftige Sythie-Melodie jäh die alles überlagernde Schwermut durchbricht. Vielleicht liegt das Geheimnis ihres Erfolges ja in der Fähigkeit, neben dieser ausgeklügelten Balance aus zarter, fein verwobener Textur und kantigem Lärm auch die Überraschung zuzulassen, die unerwarteten Töne zu wählen. Gelingen tut ihnen jedenfalls beides, sie bauen ein traumhaftes, himmelhohes Gebilde und reißen es hernach mit „Trasher“ wieder ein. Versöhnliches dennoch zum Abschied, „All Signals Off“ ist eines dieser Stücke, die länger als andere in Erinnerung bleiben werden – das Echolot funkt in die kalte, schwarze Ungewissheit, doch die Hoffnung bleibt: „Whatever you tell, it’s always your story, whatever you tell, it’s always you, and I embrace all desires, let me in…“ Man sollte so etwas ja nicht allzu häufig sagen, aber viel besser als auf diese Platte hätten es Pelzig wohl nicht machen können. http://www.pelzig-music.de/
21.01.  München, Milla
22.01.  Nürnberg, Z-Bau
23.01.  Augsburg, Soho Stage
26.01.  Hamburg, Hafenklang
27.01.  Berlin, Monarch
28.01.  Münster, Gleis 22

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