Offener Brief an ARD und ZDF – von Omid Nourimpur

[Quelle: nouripour.de]

An die
Intendanten von ARD und ZDF
Herrn Boudgoust
Herr Schächter
per Mail

ARD + ZDF: Treffen mit Ezzatollah Zarghami

Frankfurt/Main, den 16.07.2010

Sehr geehrter Herr Boudgoust,
Sehr geehrter Herr Schächter,

den Medien habe ich entnommen, dass Sie in der vergangenen Woche Herrn Ezzatollah Zarghami, Leiter des staatlichen iranischen Rundfunks „Islamic Republic of Iran Broadcasting“ (IRIB), empfangen haben. Herr Zarghami ist, wie Sie sicher wissen, gleichzeitig auch ein ranghohes Mitglied der iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran).

Berichtet wurde von dieser Zusammenkunft durch verschiedene deutsche Nachrichtenmedien, doch nicht durch ARD und ZDF selbst. Das verwundert.

Denn Herr Ezzatollah Zarghami ist nicht irgendein Gast. Wie sie sicherlich wissen, gilt Herr Zarghami als ein Hardliner unter den ohnehin konservativen Revolutionsgarden. Als Leiter des IRIB ist Herr Zarghami der Hauptverantwortliche auch für die monopolisierte inner-iranische Berichterstattung der letzten Monate seit der gefälschten Präsidentschaftswahl im Juni 2009.

Sie wissen gewiss, dass seitdem Millionen von Menschen im Iran gegen die Wahlfälschungen demonstriert haben und dafür teilweise durch Verhaftungen, Folter, Vergewaltigung, ja sogar Mord, einen sehr hohen persönlichen Preis zu zahlen hatten. Herr Zarghami ist der direkte Verantwortliche für die unsachliche und bewusst falsche Berichterstattung über die Freiheits-Demonstrationen der vergangenen 14 Monate, erzwungene Geständnisse vor laufenden Kameras, Unterdrückung kritischer Journalisten und versuchte Manipulation der öffentlichen Meinung.

Sehr geehrter Herr Boudgoust,
Sehr geehrter Herr Schächter,

ich hoffe, Sie haben die Gunst der Stunde genutzt und Herrn Zarghami auf die Situation der Menschenrechte im Iran angesprochen. Ich hoffe, Sie haben die Gunst der Stunde genutzt und Herrn Zarghami nach der menschenverachtenden Berichterstattung des iranischen Staatsfernsehens befragt. Ich hoffe, Sie haben die Gunst der Stunde genutzt und Herrn Zarghami auf die Behinderungen inländischer und ausländischer Journalisten angesprochen. Ich hoffe, Sie haben die Gunst der Stunde genutzt und Herrn Zarghami auf die Lage der geflüchteten Journalisten hingewiesen, die zum Teil mit nicht mehr als der Kleidung am Leib das Land fluchtartig verlassen mussten. Ich hoffe Sie verstehen, dass es sich bei einem Treffen mit einem Vertreter der „Regierung“ des Iran niemals um ein Routinebesuch handeln kann.

Meine Herren,

die Arbeitsmöglichkeiten ausländischer Korrespondenten im Iran sind sehr eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund habe ich sehr viel Verständnis für jeglichen Versuch Ihrerseits, die Chancen für bessere Berichterstattung aus dem Iran seitens Ihrer Mitarbeiter verbessern zu wollen. Denn gerade für die unterdrückten Menschen im Iran ist diese Berichterstattung ein wirkungsvoller Schutz. Die Verfolgungen im Iran gehen ungehindert weiter. Die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft wirkt wie ein Schutzschirm für die Menschen im Iran. Um diese Aufmerksamkeit herzustellen, kann auch ein Gespräch mit Herrn Zarghami von Nutzen sein. Dies werden Sie besser einschätzen können als ich.

Dennoch ist die Frage nach der Art und Weise eines solchen Dialogs lebenswichtig. Der Grundfehler des sogenannten „kritischen Dialogs“ mit dem Iran in den letzten Jahren war, dass er gar nicht kritisch war. Niemals war es so wichtig, diesen Fehler zu korrigieren wie heute, gerade nach den Ereignissen nach der Präsidentschaftswahl im Juni 2009. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sie bei Ihren Gesprächen mit Herrn Zarghami nicht nur über „technische Zusammenarbeit“ gesprochen haben, sondern auch über Zensur im Iran.
Ist dies passiert, so danke ich Ihnen dafür, ist dies leider unterlassen worden, dann müssen Sie sich den mindestens den Vorwurf gefallen lassen, dass Sie sich naiver weise haben von der Propaganda des iranischen Regimes missbrauchen lassen. Die iranischen staatlichen Medien haben triumphierend von Herrn Zarghamis Besuchen in Stuttgart und Mainz berichtet. Schließlich ist es nichts wesentlich anderes als die iranische „Regierung“ zu hoffieren, wenn ihr verlängerter Arm in die iranischen Wohnzimmer, die gelenkten iranischen Staatsmedien zu hoffieren.

Für eine vertieften Austausch in der Sache stehe ich Ihnen gern
zur Verfügung und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

Omid Nouripour

Das Original des Briefes (pdf)

Siehe auch: Mit ARD, ZDF und Irib sitzen Sie in der ersten Reihe
Iran in der ersten Reihe

–ää„“ü

Gepostet am Freitag, Juli 16th, 2010 um 15:13 in Medien, Politik   |  RSS feed |  Antworten  |  Trackback URL

Tags: Deutschland, Iran, Medien, Nouripour

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