Nichts anderes inzwischen leider als "Journaille"

DIE VERKEHRTE WELT IN DER WIR LEBEN
Gesteigert noch durch den Securitate- und Nazisumpf
Vergangenheiten, die nicht vergehn
Wer sich mit der sogenannten „Öffentlichkeit“ einlässt, mit den Medien, der Presse, und meint, auf diese Weise Recht und Gerechtigkeit zu finden, Wahr-heit und Wahrhaftigkeit in einer Welt von Rachsucht und Lüge, Ellenbogen-technik und Machtkämpfen herzustellen versucht, Lügen oder gar Rufmord entgegenzuwirken sucht, ist sehr blauäugig. In der Welt der Literatur nicht weniger als in jener der Politik. Gestern las ich einen erhellenden Artikel in der „Südddeutschen“ (8.12.), wo die Rolle der Rache bei wichtigen deutschen Politkern untersucht wurde; der Schlamm, der da hochkam, ist erschreckend.
Aber die Sache ist ja alt und ist bekannt. Karl Kraus hat in „Literatur und Lüge“, den Begriff „Journaille“ geprägt für Unlauterkeit, Verantwortungslosigkeit und Demagogie in der Presse und mit Hilfe der Presse. Man weiss, mit Meinungsmache, Gerüchten und Lügen, noch schlimmer, Halbwahrheiten und Verdrehung von Tatsachen, kann eine Hexenjagd gestartet werden, die schon Menschen in den Tod getrieben hat. Wenn nun diese Beziehungshölle gar auf keiner „normalen“ Politik oder Literatur, sondern im Trüben von Geheimdienstpraktiken und ihren Intrigen basiert, ist der erreichte Wahnsinnseffekt ins ungemessene noch gesteigert und doppelt gesteigert durch die Unkenntnis der manipulierten Öffentlichkeit und der Leser, die von diesem infernalen Untergrund keine Ahnung haben.
Auch wenn die gegenwärtige Securitate-Diskussion noch nicht dieses Ausmaß erreicht hat, muss sie gleichwohl in diesem Rahmen gesehen werden.
Erstaunlich finde ich etwa, dass mein Artikel „Schule der Schizophrenie“ ( FAZ-Feuilleton vom 16. November), wo ich durch einen anfangs aus Fairnessverfassten Verteidigungsartikel zum Fall des IM-Oskar Pastior, nach Entdeckung der Ausmaßes einer historischen Schuld Pastiors, zur Korrektur gezwungen war; dass diese Entlarvung eines IM, ich fand gefährliche Spitzelberichte des ehemaligen Freundes Pastior, in meiner Bukarester Akte, so einen Wirbel, vor allem auch gegen mich, eine Verdrehung von vielen Tatsachen, ausgelöst hat, wundert mich längst nicht mehr!
Denn ich hatte ja nach Einsicht in meine Akte in Bukarest über den auf mich von der Securitate angesetzten ehemaligen Freund und IM „Stein Otto“, Oskar Pastior, als Opfer dieses Spitzels berichtet, und aus meiner Securitate-Opferakte zitiert. Und nun wird nicht der Täter, sondern sein Opfer angegriffen, als müsste dieses sich für die Entlarvung rechtfertigen! Immer wieder wird dabei der Fall des Pastior-Freundes Georg Hoprich, den möglicherweise „Stein Otto“ bespitzelt hat, als Argument zitiert, als hätte ich auch diesen Fall, Pastior als bewiesen angelastet. Das Gegenteil ist wahr, und wer lesen kann , der lese nochmals genau nach: Ich hatte in meinem Artikel, nichts anderes getan, als den Fall Hoprich als Beispiel für den Umgang mit diesen Geheimdienst-Akten, die eine Beziehungshölle sind, zur Vorsicht bei jeglicher Securitate-Philologie angemahnt. Zur Vorsicht gemahnt, da dieser Fall Hoprich nicht bewiesen ist, sondern nur auf Zeugenberichten beruht. Es scheint so, als wollten diese Kommentatoren von der Hauptschuld Pastiors, einen Kollegen durch seine Berichte ans Messer geliefert zu haben, ablenken, alles auf ein Nebengleis schieben. Mir, dem „Stein Otto“-Opfer, das als „Staatsfeind“ und Widerständler damals in den sechziger Jahren, als Pastior Zuträger der Securitate war, auch wegen seiner Aussagen, vor einem Prozess stand, drohte Gefängnis, ja, sogar die Todes-strafe.
Schlimmer noch, dieser DS, ehemaliger „Staatsfeind“ des roten Regimes, der von der Securitate-Paranoia, ich war damals Redakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“, als Umstürzler geführt, wird nun von einem Spitzel der Securitate „Moga“ und „Marin“, der damals als Redakteur der gleichen Zeitschrift, Zuträger und Securitate-Ohr bei der Zeitschrift war, attackiert und verleumdet. Es war ein gefährliches Leben damals für alle, auch weil es diese Agenten gab, die die Securitate-Paranoia oft auch in eignem, ja, Karriereinteresse, schürten. Der Geheimdienst führte mich, wie aus meiner Akte jetzt hervorgeht, und lässt mich in der Rückschau erzittern, als angeblichen Anführer einer Gruppe von jungen Poeten, die den Umsturz planten, als einen Umstürzler und Westagenten, weil ich kleine Gesten des Widerstandes, vor allem auch die „feindliche Ideologie“ der Moderne, der modernen Poesie in der Literatur propagierte, versucht hatte, in Metaphern verpackt, gefährliche Wahrheiten über das Regime an den Leser zu bringen, und meine Mitarbeiter ebenfalls dazu anleitete. Mehrere Agenten, darunter auch „Stein Otto“, aber auch „Leopold“ (Alfred Kittner), viele Freunde von mir, nährten in Spitzelberichten diesen absurden Geheimdienstverdacht, ich sei „Staatsfeind“ und Umstürzler. Ich war in einem dichten Beobachtungsnetz von „Freunden“ gefangen, lebte wie der Reiter über den Bodensee. Wenn ich das damals gewusst hätte, wie gefährlich ic lebte, hätte ich gar nicht mehr meinen Alltag leben können! Aber abgesehen von mir, alle diese „Kollegen“ (Pastior, Kittner, Stephani, ein „Walter“, eine „Tatiana“ und Dutzende andere, die Klarnamen sind mir noch lange nicht bekannt!) machten sich einer zerstörerischen, ja, historischen Diversion schuldig, und das ist im Falle Oskar Pastior besonders schlimm, ja, abgrundtief absurd, denn es war die Geburtsstunde der modernen rumäniendeutschen Literatur, die viel später durch einen raffinierten und neuen Stil, der in jener Hölle gewachsen war, mit Herta Müller zum Nobel-preis führte!
Der damalige Spitzel „Moga“ und „Marin“ hat nun aus Rache, weil ich ihn in meinem FAZ-Artikel vom 16.11. enttarnt hatte, versucht, in eine langen Selbstbezichtigungschrieb ebenfalls in der FAZ, ausgerechnet mich, aber auch Herta Müller, „gleichzuschalten“ und zu „Gesinnungsgenossen“ zu machen, bei mir eine „Vorlaufakte“, die man auch „Drohungsakte“ nennen kann, zu einer „umfangreichen Täterakte“ umgedichtet. Wieder der absurde und unglaubliche Tenor: Die Opfer sollen zu Tätern gemacht werden, die Täter zu Opfern?
Aber es kommt noch besser, der berüchtigste und „berühmteste“ Neonazi der Rumäniendeutschen, Gerd Zikeli, ehemaliger Mitarbeiter von Remer (der schlug den Aufstand vom 20. Juli nieder), rechtsradikaler Hetzer und Auschwitzleugner mit Einreiseverbot in die Schweiz und nach Österreich, benutzt die Gelegenheit, auf die er wohl lange gewartet hat, kein Wunder, da ich ein weltweit erfolgreiches Anklage-Buch über den siebenbürgischen Auschwitzapotheker Capesius veröffentlicht habe, griff mich in einem FAZ-Leserbrief (3.12.) als „Linker“ an und versuchte mich, den von der Securitate Verfolgten, zum „Kommunisten“ zu machen.
Rache, überall nur Rache und Intrigen, Verfälschungen von Tatsachen, Ver-leumdungen und Lügenmärchen zuhauf. Das Modell der „Journaille“ und „Beziehungshölle“ stimmt genau, ein Schlamm und Sumpf, vor dem es einen nur ekeln kann!
Die Frage aber bleibt: Sollen sich die Opfer, die in den sechziger Jahren verfolgt wurden und die „Stein Otto“ und andere als IM entlarvt haben, nun etwa rechtfertigen müssen, die Täter aber (in meinem Falle waren auf mich sechs „angesetzt“, darunter „Stein Otto“, doch im Ganzen vielleicht vierzig) einfach vergessen werden?

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