Neuer Geist, alte Flaschen

Was Weihnachtsfeiern für den Dezember, sind Neujahrsveranstaltungen für den Januar. Und als mir die Einladung zum Neujahrsempfang der Deutsch-Arabischen Gesellschaft ins Haus flattert, merke ich auch gleich auf - das Programm kündigt neben den üblichen Grußworten, Musikdarbietungen und Gutmenschentum auch einen Vortrag von Rachid Al-Ganouchi, dem Vorsitzenden der El-Nahda Partei, die in Tunesien kürzlich mit überwältigender Mehrheit die Wahl gewann und die als islamistische Partei verschrien ist. Ich bin interessiert, melde mich zusammen mit zwei Freundinnen an.
Schon als wir den Ort des Geschehens, den Französischen Dom am Berliner Gendarmenmarkt betreten, beschleicht uns ein leicht beklemmendes Gefühl. "Ich fühle mich sehr bürgerlich", raunt mir meine Begleitung ins Ohr. Viele sehr gediegene Menschen in Anzügen und Hosenanzügen sitzen um uns herum, wir ziehen den Altersdurchschnitt arg nach unten.
Es folgen Grußwort um Grußwort, und immer wieder sagt jemand "Arabien", "Orient"und anderen Orientalistenquatsch. Es wird der freie, demokratische Westen besungen und dem nun "endlich" auf dem rechten Wege folgenden "Arabien" ein Wort des "deutschen Revolutionsdichters Schiller" mit auf den Weg gegeben. "Und das in einem Land, wo gerade mehrere rassistisch motivierte Morde vertuscht worden sind", raunt meine Begleitung mir wieder ins Ohr.
Dann schon die große Enttäuschung: Rachid El-Ganouchi hat die Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Mist. Der Grund, warum wir hier sitzen. Hmpf.
Es erklingt ein Flügel und eine wirklich gute Sopranistin gibt ein Mozartlied zum Besten. Mozart? Na gut, meinetwegen ... Während sie noch singt, lesen wir mal das Programmheft etwas genauer. Und reißen irgendwo zwischen ungläubig und amüsiert die Augen weit auf. Von einem "Jahrhundertereignis", der "Volkserhebung in Arabien" ist da die Rede, die "alle vorgefassten Meinungen über angebliche Lethargie und Demokratieunfähigkeit" widerlegt. Und dann kommt es: "Der Geist ist aus der Flasche!" -- Ja, das steht wirklich da! Flasche, Geist, Orient - der Zusammenhang ist klar, ne? Orientalismus pur, im Jahr 2012, post "Widerlegung vorgefertigter Meinungen", und das im Rahmen einer Veranstaltung von Menschen, die es doch eigentlich besser wissen sollten ...
Nun denn. Wir beschließen, in der Pause zu gehen, wollen aber noch die Podiumsdiskussion mit Peter Scholl-Latour und Ulrich Kienzle abwarten. Moderiert von Daniel Gerlach. Ja. Richtig. Auf der Bühne sitzen 3 weiße Männer, die die politischen Umwälzungen im Nahen Osten diskutieren. Keine Frau, kein Mensch aus einem arabischen Land. Drei. Weiße. Männer.
Zu Scholl-Latour kann man geteilter Meinung sein, das sehe ich ein; aber ich gehöre zu den Menschen, die irgendwie mit ihm aufgewachsen sind, im Arbeitszimmer meines Vaters reihen sich seine Bücher aneinander, und man muss dem heute immerhin fast 90-Jährigen doch mindestens als Verdienst zugute halten, dass er den Deutschen die Welt erklärt hat, als die meisten höchstens mal mit dem Auto nach Italien gefahren sind. Vor einer Weile habe ich mal ein Interview gelesen, in dem er sagte, er habe zwei Jahre zuvor, da war er 82, das letzte Land auf der Welt bereist, in dem er noch nicht gewesen war. Der Mann war in jedem einzelnen Land auf der Welt ... Ich kann nicht anders, so was beeindruckt mich. Auch wenn er nach heutigem akademischen Verständnis wahrscheinlich schon als klassischer Orientalist eingestuft werden müsste. Ulrich Kienzle hingegen, das wusste ich auch vorher schon, hat wirklich Ahnung, betont immer wieder, wie wichtig Differenzierung vor allem im Vokabular ist.
Die Diskussion bringt uns allen inhaltlich nicht viel, wissen wir alles schon, was Neues haben sie uns nicht erzählt. Gern hätte ich Herrn Kienzle gefragt, wie viel Widerstand er geleistet hat, als sein Verlag sein neues Buch "Abschied aus 1001 Nacht" genannt hat - wo ihm doch Differenzierung so wichtig ist.
Wir gehen. "Ja, das war doch mal erfrischend, so viel Mainstreamorientalismus!", sagt jemand auf dem Weg zur U-Bahn.
Fazit: Der Geist ist aus der Flasche, wenn 3 weiße Männer über Arabien diskutieren!

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