Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol -Buchtipp

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol -Buchtipp

Ein Haus in der Ukraine, das dreimal abbrennt … (S. 85).

Ein zehnjähriges Mädchen in Deutschland, das seine Mutter durch das Fenster im Leichenschauhaus entdeckt, weil es „weiß“, dass sie in die Regnitz gegangen ist (S.356).

Persönliches Schicksal eng mit Weltgeschehen verknüpft, das eine spiegelt sich im anderen wider. Das Haus, in dem Valentina, eine Großtante der Erzählerin, ein Mädchengymnasium für mittellose Familien begründet hatte, brannte zum ersten Mal während des russischen Bürgerkriegs (1920?); zum zweiten Mal, als die Deutschen abzogen (1943), die genau in dem Haus das „Arbeitsamt“ eingerichtet hatten – sie wollten die Spuren ihrer Deportationsbehörde verwischen; zum dritten Mal am Anfang des gegenwärtigen Bürgerkrieges (2014: erzählte und reale Gegenwart fallen zusammen). Die ukrainischen Medien berichteten über das „Haus, das dreimal brannte“ und machten damit auf das wenig bekannte Mariupol aufmerksam, die südukrainische Hafenstadt. Die Mutter aus Mariupol war von den Deutschen als „Ostarbeiterin“ zur Zwangsarbeit nach Bayern verschleppt worden, was sie nie verkraftet hat. Ob es noch weitere Motive für den Selbstmord gab? „Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“, hatte sie immer wieder gesagt. Sie lebte zuletzt mit ihren zwei Kindern in „den Häusern“, einer Siedlung für „displaced persons“, von der amerikanischen Besatzungsmacht eingerichtet. Ihren Tod an einem zehnten Oktober (1956) hat sie sorgfältig geplant: ein Kreuz im Kalender, ein zerrissenes Porträtfoto ihrer selbst, der sorgfältig zusammengelegte Mantel am Ufer der Regnitz (ihr letztes Kleidungsstück aus der Ukraine) sind die Zeichen, die sie hinterlässt. Die Zehnjährige – die spätere Autorin – wird in einem katholischen Mädchenheim aufwachsen.

Sie kam aus Mariupol“ ist ein ganz und gar ungewöhnliches Buch, auch formal: Es ist kein reines Sachbuch, aber auch kein Roman, keine bloße Fiktion. Es ist vom Stil her uneinheitlich. Sie könne gar nichts erfinden, soll Natascha Wodin einmal über ihr Schreiben gesagt haben. Dieses Werk ist tatsächlich meist nüchtern-sachlich geschrieben, aber ohne Imagination geht es nicht. Es ist das Dokument einer Spurensuche nach der Mutter – ergänzt mit Fantasie – und zugleich ein Beispiel-Dokument über das Schicksal der vielen Millionen nicht-jüdischen Zwangsarbeiter in Nazideutschland, die bisher fast überhaupt nicht beachtet wurden.

Im ersten Teil von rund 150 Seiten berichtet Natascha Wodin über ihre Recherchen. Sie hatte sich jahrzehntelang nicht mehr für ihre Eltern interessiert, mit denen leidvolle Erfahrungen verbunden waren. Sie wusste fast nichts von ihnen, auch weil sie über vieles geschwiegen haben, und hatte ganz wenige Erinnerungsstücke: ein paar Fotos, die Heiratsurkunde, die Arbeitskarte des Vaters. Und es gab ein paar Erinnerungsfetzen aus der Kindheit, von denen sie nicht wusste: sind sie wahr oder der Fantasie entsprungen? Sie sollten sich später alle als wahrheitsgemäß erweisen. Bei einem Arbeitsaufenthalt am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern gab Natascha Wodin spaßeshalber den Namen ihrer Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, ins russische Internet ein: mit überraschendem Erfolg. Sie stieß über die Seite „Azov's Greeks“ auf einen Konstantin mit griechischem Namen (in Mariupol am Asowschen Meer gibt es seit langem bis heute eine griechische Minderheit), der ihr ganz viel geholfen hat. Beide zusammen drangen immer tiefer in das weit verzweigte Netz der Großfamilie mit teils verblüffenden Merkmalen ein und bekamen sogar direkten Kontakt zu einigen noch Lebenden. Äußerlich am erstaunlichsten fand die Autorin, dass es in beiden Linien großbürgerliche, ja sogar adelige Wurzeln gab – geradezu ein Verbrechen in der Sowjetunion der Stalinzeit. Die Eltern von Jewgenias Vater Jakow waren wohlhabende Großgrundbesitzer, die zu den ersten Nicht-Griechen gehörten, die sich in Mariupol niederließen. Jewgenia hatte sogar italienische Wurzeln: Ihre Mutter Matilda entstammte einer italienischen Kaufmannsfamilie, die ebenfalls zu den reichsten Familien Mariupols zählte. Weiterhin gab es in der Großfamilie einen Advokaten, Verbannte, einen Opernsänger, Selbstmorde und sogar einen Muttermörder. Es sind die Glücksfälle, die die Recherchen vorantreiben – auf Umwegen bekommt die Autorin eine Schallplattenaufnahme mit der Stimme des Opernsängers Sergej, ihres Großonkels; und ihr werden Aufzeichnungen von dessen Schwester Lidia, ihrer Großtante, zugeschickt, die sie mit 80 Jahren verfasst hat. Der Sprachduktus dieses ersten Teils ist assoziativ, wie es dem üblichen Umgang mit dem Internet entspricht. Im allgemeinen liest sich der Recherchebericht spannend; doch traten bei mir gelegentlich auch Ermüdungserscheinungen auf, weil ich mir die Namen und die Familienbeziehungen nicht alle merken konnte und zurückblättern musste. Leider hat der Verlag kein Namensverzeichnis oder einen Stammbaum beigegeben. Ein kleiner Hinweis: Einige Angaben lassen sich dem Fotoquellenverzeichnis entnehmen.

Mit dem zweiten Teil vollzieht Natascha Wodin einen radikalen Blickwechsel: Sie erzählt jetzt mehr von innen heraus – dieser und der dritte Teil sind eher als belletristisch einzustufen -, sie schildert Lidias Leben in Anlehnung an deren Aufzeichnungen bis zur Rückkehr aus der Verbannung. Im dritten Teil schließlich, wieder ein Blickwechsel, beschreibt die Autorin das Leben ihrer Eltern von der Besetzung Mariupols durch deutsche Truppen an (Oktober 1941) und endet mit der Sicht des Kindes auf die gestorbene Mutter: „Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

Im März 2017 bekam Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik. In der Begründung heißt es u.a.: In einem „genreüberschreitenden Sinn ist es (das Werk) unerhört zeitgenössisch. Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen: Die Rettung, die sich Natascha Wodin davon erhofft, bleibt aus. Aber die Tapferkeit, mit der sie den Dämonen ins Gesicht sieht, die sie bannen muss, hat auch etwas ungemein Ermutigendes.“

Ich empfehle die Lektüre als Beispiel karmischer Vernetzungen, möchte jedoch in einem Punkte vorwarnen: Es ist kein optimistisches Buch.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017, 368 Seiten, 19,95 EUR

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