Mit dem Kamel in die Wüste

"Steigen Sie bloß nur von hinten auf, die beißen", ansonsten sei aber alles ganz toll, versichert uns unsere Reiseleitung mit einem aufgesetzt strahlendem Lächeln, wie es nur die totale Gleichgültigkeit hervorzubringen vermag. Meinen damals noch zukünftigen Ehemann lässt diese inhaltsreiche Aussage trotz heißen Wüstentemperaturen relativ kalt. Nur ich frage mich mal eben, was mich um Himmles Willen da geritten hat, auf so eine Touri-Tour einzusteigen. Nun ja, die Auswahl war nicht so übermäßig groß gewesen, und so sitzen wir nun mehr oder minder spontan im Schicksals-Bus via Sahara. Ja, doch, die Wüste sehen möchte ich unbedingt, und ja, auch ein paar Meter erfühlen, sie riechen, eben alles, was sich mein romantisch veranlagtes Gemüt so vorstellt. Aber einem Kamel mein Leben anvertrauen? Ach herje, sei´s d´rum, mitgehangen, mitgefangen. Und noch durchaus in der optimistischen Annahme, man werde mir schon ein ganz kleines, sprich niedriges, Tier zuweisen, ein ruhiges Liebes, lacht sich das Universum schon mal ins Fäustchen. "Das da", und bei dem entsprechenden Fingerzeig zucke ich kurz mal zusammen, vielen Dank, ich habe den Hauptgewinn gezogen. Mein Kamel, was genau genommen ein Dromedar ist, schaut mich aus einer unsagbaren Höhe von mindestens zwei bis drei Metern oder noch viel mehr über seine Schulter über seinen Höcker an, und ich vernehme im Geiste ein deutliches "na, lass die Kleine mal kommen"-Raunen. Dieser Blick aus den tiefschwarzen Augen sagt mehr als tausend Worte, und es ist klar, dass nicht etwa ich auf diesem Tier reiten werde, sondern das Kamel gerade entscheidet, ob und wie weit es mich mit sich trägt. Irgendwie findet mein zukünftiger Ehemann die Gesamtsituation derweil megaschön, und er steuert auf ein ganz kleines, niedliches Dromedar zu, welches ihm natürlich freundlich zuzwinkert. Gewissermaßen. So soll ich also meinen Tod in der Wüste finden, schmücke ich mir meinen aktuellen Lebensstand aus, zugegebenermaßen ein wenig theatralisch, aber wenn schon, denn schon, und darauf kann sich die Reiseleitung nun verlassen: ich nähere mich dem grimmigen Riesentier haargenau nach Anweisung, also Dromedar-Kopf-fern! Das Kamel also in die Knie, ich auf das Kamel herauf, das allein schon ein Kunststück für mich, da ich nicht wirklich über "das Goldene Sportabzeichen" und die damit verbundenen akrobatischen Fähigkeiten verfüge. Und die Karawane setzt sich in Gang. Zumindest wird mir vom Schaukeln hoch oben auf dem Tier nicht speiübel, mein Magen zeigt sich aber dennoch nicht wirklich glücklich. So geschieht es, dass ich mich auf Reiki besinne, und los geht´s. Erwartungsgemäß zügig spühre ich bewusst den Fluss dieser wunderbaren Energie, und mein Kamel denkt derweil ernsthaft darüber nach, wie es mich fressen kann. Immer wieder sein Schulterblick: "Dich krieg ich noch." Natürlich habe ich tiefstes Mitgefühl für diese wunderschönen, außergewöhnlichen Tiere, die Tag für Tag die Touristen in die Wüste tragen. Ich befürchte, es sind nicht alle so respektvolle Pakete wie mein zukünftiger Ehemann und so leichte Beute wie ich. Und während ich mich so umschaue und die Einzigartigkeit der Natur im Sonnenuntergang in mir aufnehme, die Wüstenluft einatme und mich dem Schaukeln hoch oben auf meinem Dromedar hingebe, lege ich dem Tier die Hand auf den Rücken, fühle die Kraft dieses beeindruckenden Wesens und biete ihm Reiki an. Das Kamel bockt sofort und wirft mir einen Blick über seine Schulter zu, der vernichtend ist. Vor Schreck schnellt meine Hand zurück. Die Karawane zieht weiter. Nun, irgendetwas verändert sich. Und ich probiere es noch einmal. Mein Reittier muckt tatsächlich deutlich zögerlicher. Trotzdem ziehe ich meine Hand wieder zurück. Doch als es nun daran geht, dass die Tiere sich niederbewegen, um die Menschen ihre eigenen Fußabdrücke in der Sahara verwirklichen zu lassen, bis der nächste, noch warme Abendwind sie verweht und schließlich wieder auslöscht, kann ich etwas anderes nicht lassen. Ich gehe, mit höchstem Respekt vor dem wirklich großen Maul, nun doch von vorne auf den Kamelbullen zu. Ich fühle mich wie in Watte gepackt, zeitlos, was nicht zuletzt an der Wüste liegt. Ich folge einem Impuls in mir, der gelebt werden muss, jetzt in diesem Augenblick. Das Tier schaut mich an. Es schaut in mich hinein. Und ich sehe nichts anderes. Ich hebe sanft meine linke Hand. Unabänderlich. Und das Dromedar streckt mir seinen großen, schweren Kopf entgegen. Wir berühren uns. Als wäre es nie anders gewesen. Gar nicht anders vorstellbar. Ich lasse Reiki fließen. Und das Tier seinen ganzen Zauber. Überwältigend ..... Ich stelle mir vor, dieser Moment dauert ewig. Unendlich. Und auch jetzt, rund elf Jahre später, fühle ich diese Begegnung, als fände sie gerade statt. Dieser unglaublich schwere Kamelkopf in meinen Händen. Die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht .... Diese nachtschwarzen Augen. Diese besondere, völlig einnehmende Stimmung der Sahara ..... Dankbarkeit. Verbundenheit ......

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