Militär will nicht mehr

Erneut knirscht es im Gebälk amerikanischer Kriegstreiber. Am 20. Mai, wenn die NATO- Staaten sich zum Krisengipfel in Chicago treffen, dürfen sie mit Besuch rechnen. Die Veteranenvereinigung ‘Iraq Veterans Against the War’ hat einen Aufruf an alle US- Veteranen gerichtet, an diesem Tag dort zu erscheinen, um die erhaltenen Tapferkeitsmedaillen ihren NATO- Generälen zurückzugeben – genauer gesagt, vor die Füße zu werfen.

Militär will nicht mehrFür die Adressaten, also die NATO- Generäle, ist dies unschön. Entweder sie werden vor aller Augen von ihren eigenen Truppen blamiert, oder sie greifen auf altbewährte Mittel zurück. Also Pfefferspray, Schlagstock und Schallkanonen. Dies hätte jedoch verheerende Auswirkungen auf die Moral der Truppe. Weshalb sollte ein Soldat tagtäglich für irgendwelche Knitterköpfe sein Leben riskieren, wenn er zugleich weiß, das eben jene, die ihn in den Kampf schicken, sich zugleich einen einen feuchten Kehricht um seine Menschen- und Bürgerrechte zuhause in seiner Heimat scheren? Dies mag wohl der Grund dafür sein, dass bereits Vorkehrungen laufen, das Gipfeltreffen nach Camp Davis zu verlegen. Die Veteranen ficht dies nicht an, sie werden dennoch marschieren. Hier ihre Erklärung:

Die ‘Iraq Veterans Against the War’ fordern alle Freundschaftsvereinigungen, Veteranen, Chicagoer und jeden, der an Gerechtigkeit und Würde glaubt und an die Achtung vor allen Völkern dieser Welt dazu auf, sich mit uns am 20. Mai auf der Straße zu treffen. An diesem Tag werden wir einen gewaltfreien Marsch zum Gelände des NATO- Gipfels abhalten wo wir feierlich unsere Tapferkeitsmedaillen zurückgeben werden. Wir werden verlangen, dass die NATO die Besetzung Afghanistans sofort beendet, ebenso wie das wirtschaftliche und soziale Unrecht. Wir werden verlangen, dass sie die US- Kriegsdollars wieder nach Hause bringt, um damit unsere Gemeinden zu unterstützen und dass sie die Menschenrechte aller von diesem Krieg betroffenen Menschen anerkennt. Wir wollen einen Prozess der Gerechtigkeit und der Versöhnung mit den Menschen in Afghanistan und anderen betroffenen Nationen, weiteren Freundschaftsvereinigungen und dem amerikanischen Volk beginnen.

[…] Der NATO-Einsatz in Afghanistan hat sich über ein Jahrzehnt lang hingezogen, zum Nachteil der Menschen in Afghanistan, der Militärangehörigen, deren Familien und unserer Gemeinden. […] Es ist an der Zeit für uns, Stellung zu beziehen und unsere Stimme erheben. Wir stehen in internationaler Solidarität mit den Menschen in Afghanistan und allen Menschen der Welt, die ihr Recht auf Selbstbestimmung, ihre Menschenrechte und wirtschaftliche Gerechtigkeit beanspruchen.

Weitere Gruppen haben ihr Kommen bereits zugesagt, damit die Straßen voller werden. So zum Beispiel die Kriegsdienstverweigerer, die ‘Coalition Against NATO/G8 War & Poverty Agenda’, Occupy Chicago, die United National Antiwar Coalition, das American Friends Service Committee, das 8th Day Center for Justice, Military Families Speak Out, National Nurses United, United for Peace and Justice, ADAPT, US Labor Against the War, Vietnam Veterans Against the War, UE Western Region, WI Network for Peace and Justice, Peace Action, Michael Moore, Network for a NATO Free Future, Move the Money, Civilian Soldier Alliance, Voices for Creative Nonviolence, Chicago Democratic Socialists of America, Chicago Jobs With Justice, Rogers Park Food Not Bombs, UIUC GEO’s Solidarity Committee und weitere Organisationen für Frieden und soziale Gerechtigkeit.

Allein in den Jahren 2001 und 2002 sind 8865 US- Soldaten desertiert. Im Jahr 2005 waren ebenfalls über 8000. Seit 2005 werden keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht. Aber verglichen mit dem Vietnamkrieg scheint es noch einigermaßen moderat zu sein, damals desertierten mehr als 33 000 Soldaten.

Auch in anderen Staaten beginnen sich Soldaten gegen die NATO- Politik aufzulehnen, beispielsweise bei uns, in Deutschland. Eine aktuellen Monitoringstudie der Bundeswehr vom 13. April dieses Jahres beklagt einen erneuten Anstieg von Kriegsdienst verweigernden Soldaten. So wurden im vergangenen Jahr 421 Zeit- und Berufssoldaten als anerkannte Kriegsdienstverweigerer aus der Bundeswehr entlassen. Ein Jahr zuvor waren es noch 306. Dies entspricht einem Anstieg von mehr als 37 Prozent. Auf die Frage eines Abgeordneten hin, wieviele Fälle von Kriegsdienstverweigerungen es bei Offizieren und Unteroffizieren der Bundeswehr in den letzten zehn Jahren gegeben habe, mauert die Studie, sicherlich aus gutem Grund. Lediglich die Anzahl der gestellten Anträge wurde bekannt gegeben. Von 2002 bis 2011 ist die Antragszahl bei Offizieren demnach von 3 auf 14 Anträge gestiegen, was einem Zuwachs von mehr als 400 Prozent entspricht. Bei den Unteroffizieren stieg die Zahl der Anträge von 40 auf 141 an.

Es scheint, als beginnen immer mehr Soldaten der NATO aufzuwachen. Sie werden die Militärmaschinerie wohl kaum zum Stehen bringen, können sich ihr jedoch verweigern. Grund dazu haben sie allemal, oder um es mit den Worten Henry Kissingers auszudrücken:

“Military men are dumb, stupid animals to be used as pawns for foreign policy”

Zu deutsch: „Militärs sind blödes Dummvieh, welches benutzt wird als außenpolitisches Bauernopfer.“ Die richtige Antwort darauf kann nur lauten:
„Henry kiss my assenger“ (MDC)

Quellennachweis und weiterführende Links:



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