„Meiner Träume Internationale“

„Meiner Träume Internationale“

Grenzstein in der Ausstellung „Sag Schibbolet!“ Foto: © Franz Kimmel

Dass die Fremde heimisch mir geworden

Weist des Traumes lächelnd leise Spur

Zwischen neuen und verlornen Orten

Spann der Traum nun seine Silberschnur

(Auszug aus: Schalom Ben-Chorin, Traumgeographie, Jerusalem 1938)

In Sichtweite des Jüdischen Museums München, an der Ecke Müllerstraße/Corneliusstraße, befindet sich seit Juni 2018 das Bellevue di Monaco, ein Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete und für alle interessierten Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner. Getragen wird dieses einzigartige Zentrum durch eine Sozialgenossenschaft, der zahlreiche Einzelpersonen, Verbände und Organisationen angehören. Ziel des Bellevue di Monaco ist es einerseits, geflüchteten Menschen Wohnraum zur Verfügung zu stellen und sie in die Selbständigkeit zu begleiten, andererseits aber auch einen niederschwelligen Ort zu schaffen, an dem drängende Fragen unserer Gegenwart, die mit den Themen Flucht, Migration, Einwanderung, Identität zusammenhängen, verhandelt werden können.

„Meiner Träume Internationale“

Foto: © Bellevue di Monaco

Um genau diese Fragen geht es auch in unserer aktuellen Wechselausstellung Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, kuratiert von Boaz Levin. In verschiedenen Medien haben sich dreizehn internationale Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen Mechanismen von Grenzziehungen beschäftigt. Dazu gehören auch Fragen nach Zugehörigkeiten und nach Beheimatung. Ergänzt werden diese zeitgenössischen Kunstwerke durch Hörstationen, in denen an Fluchterfahrungen aus München in den 1930ern und 1940ern erinnert wird.

Eine dieser Geschichten ist jene von Fritz Rosenthal (1913–1999). 1935 emigrierte der damalige Student der Religionswissenschaften, der sich später Schalom Ben-Chorin nannte, aus seiner Heimatstadt München nach Palästina. Er war einer von tausenden Münchnerinnen und Münchnern, die angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung, die sich insbesondere gegen Jüdinnen und Juden richtete, emigrierten und flüchteten. Flucht und Emigration, das Überwinden von Grenzen und die Ankunft in neuen Ländern waren keineswegs einfach. Unzählige Flüchtlingsschicksale endeten tragisch. Ben-Chorin fand tatsächlich in der Fremde eine neue Heimat. Dass ihn die alte – die so bedrohlich geworden war – dennoch nicht losließ, das verarbeitete er unter anderem 1938 in seinem Gedicht Traumgeographie. In seiner Lyrik überwindet Ben-Chorin träumend sämtliche Grenzen und alle Distanz zwischen alter und neuer Heimat:

Es geschieht nun, dass ich ungehindert

von Jerusalem nach Schwabing geh …

Tausend Meilen sind zum Sprung vermindert

Tel Aviv liegt nah am Tegernsee.

(Auszug aus: Schalom Ben-Chorin, Traumgeographie, Jerusalem 1938)

Das gesamte Gedicht ist seit dieser Woche in einer Hörstation im Café des Bellevue di Monaco zu hören.


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